Ehrfürchtig betrachten 17 Fünft-Klässler die großen Streich-Instrumente und die glänzende Tuba. Dass sie im Laufe des Vormittags auf diesen Dingern spielen sollen, kann sich noch keiner der Jungen und Mädchen aus der Münchhausen-Grundschule in Reinickendorf vorstellen. „Was darf man nicht in einem Museum?“, fragt Musikpädagogin Eva Cottin in die Runde. „Die Sachen anfassen“, schallt es zurück. „Richtig“, entgegnet die 26jährige Konzert-Geigerin, die die Kinder an diesem Tag unterrichtet, „aber hier bei uns darf man alles anfassen.“
Denn das Motto des Klingenden Museums in Wedding lautet: Anfassen, reinblasen, draufhauen. Die Kinder sollen einen Zugang zu Instrumenten und damit Lust auf Musik bekommen. „Vor allem Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien haben meist noch nie eine Flöte oder Geige in der Hand gehabt“, sagt Rene Gruschinski, Projektleiter des 2002 in Berlin gegründeten Vereins Klingendes Museum.
An vielen Berliner Schulen fällt Musikunterricht zu oft aus oder es fehlt an Ausstattung, um den Kindern einen „Erstkontakt“ mit einem klassischen Instrument zu ermöglichen. „Das Klingende Museum ist eine tolle Sache“, findet Klassenlehrerin Sybille Mögelin, die gemeinsam mit der Musiklehrerin Andrea Hernla die Klasse 5 a begleitet. Die Klasse hat sich in zwei Gruppen aufgeteilt, die Mädchen fangen mit den Streich- und Blechblasinstrumenten an, die Jungen stürzen sich unter fachkundiger Anleitung von Holger Saarmann auf die Schlag- und Holzblasinstrumente.
Alles ausprobieren
Der Musikpädagoge erklärt, wie man der Querflöte Töne entlockt - „mit strammen Lippen geht das am besten“ - dann darf reihum jeder mal probieren. Vor dem jedem Weiterreichen wird das Mundstück sorgfältig desinfiziert. Groß ist das Gelächter bei den Versuchen, noch größer die Freude, wenn die ersten Töne erklingen.
„Das ist ein Erfolgserlebnis für die Kinder. Und Musik fördert erwiesenermaßen die sozialen und cognitiven Fähigkeiten“, sagt Rene Gruschinski. Zehntausend Kinder besuchen pro Jahr das Klingende Museum in der Zingster Straße in Wedding. Unter Anleitung professioneller Musiker und Musikpädagogen entdecken sie, wie Musik entsteht und erfahren dabei etwas über die Herkunft und Funktionsweise der Instrumente. Es gibt Workshops für alle Altersgruppen. Kita-Kinder fangen mit Rhythmus und Percussion an, die Größeren erkunden Saiten-, Blechblas-, Holzblas- und Schlaginstrumente.
Keine Konkurrenz zum Unterricht
„Wir sind aber keineswegs eine Konkurrenz zu Musikschulen. Wir wollen vor allem das Interesse für das Musizieren durch positive Erlebnisse wecken“, betont der Leiter des Klingenden Museums. Wer sich dann für ein Instrument entscheidet, erhält Informationen und Kontakte zu Musikschulen und Lehrern. Sämtliche Instrumente werden inklusive Reparatur und Wartung von den Herstellern Yamaha, Ludwig Frank und Kogge und Gateau zur Verfügung gestellt. „Nur eine Konzertharfe fehlt uns noch - das wäre ein Traum“, schwärmt Museumsleiter Rene Gruschinski. Ein anderer Traum ist schon erfüllt: seit anderthalb Jahren veranstaltet der Musikdirektor der Humboldt-Universität, Professor Constantin Alex, einen Orgelworkshop für das Klingende Museum an der Uni.
Klingendes Mobil
Es gibt auch eine Klingendes Mobil, ein Kleinbus beladen mit Instrumenten, der auf Bestellung Schulen und Kitas anfährt, um die Workshops vor Ort zu veranstalten. Für Schulklassen kosten die Workshops 3,50 Euro pro Kind, mit einem Berlinpass ist die Teilnahme kostenlos. Das Klingende Museum wird nur durch Spenden, Sponsoren und die Fördermitglieder des Vereins getragen. Die Kosten für die Workshops finanzieren sich durch die Beiträge, alles andere, darunter auch die Miete für die Räume, muss mit Spenden gedeckt werden.
In Zusammenarbeit mit dem Kammerorchester Unter den Linden veranstaltet das Klingende Museum Familienkonzerte in der Philharmonie, im Anschluss können die kleinen Besucher alle Instrumente im Foyer ausprobieren. Jeden ersten Sonnabend im Monat steht das Klingende Museum allen Besuchern ohne Voranmeldung offen. Auch am heutigen Sonnabend können die Orchesterinstrumente ausprobiert werden - unter fachkundiger Anleitung von Musikpädagogen „Denn wo sollen die künftigen Konzertbesucher herkommen, wenn wir Kinder nicht mehr an Musik heranführen?“, meint Rene Gruschinski.



