In der weltbekannten Berliner East Side Gallery klafft seit Freitagmorgen eine Lücke. Weitere Abrissarbeiten wurden aber aufgrund von Protesten seit dem Vormittag gestoppt, wie die Polizei verkündete. Wann die Arbeiten weitergehen, war noch nicht bekannt. Wegen anhaltender Demonstrationen kommt es in der Gegend weiter zu massiven Verkehrsbehinderungen.
Künstler und Bürgerinitiativen wollten den Teilabriss - auch des jetzt fehlenden Mauerstücks - eigentlich verhindern. Sie hatten zu 9 Uhr zu einer Menschenkette und einer Sitzblockade aufgerufen. Doch gegen 7 Uhr war der Abschnitt bereits abgesperrt und von rund 100 Polizisten geschützt.
Hunderte Demonstranten hatten sich gegen 9 Uhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite versammelt und mussten dann zuschauen, wie ein Kran ein bemaltes Stück aus der East Side Gallery heraus hob.
Kleine Rangeleien
Als Demonstranten versuchten, die Polizei-Absperrungen zu durchbrechen, kam es zu Rangeleien, größere Randale blieb aber aus. Nach Polizeiangaben wurden fünf Störer festgenommen.
Demonstranten gelang es schließlich, bis zu der Mauerlücke vorzudringen. Sie schoben ein selbstgemachtes Ersatzstück für das fehlende Mauerteil heran. Seitdem ist die Straße an der Open-Air-Galerie blockiert, die Abrissarbeiten ruhen.
Die Polizei hatte zunächst damit gedroht, die Demonstranten auf die andere Straßenseite zurückzudrängen. Gegen 11 Uhr verkündete ein Polizeiführer jedoch, die „nicht angemeldete Kundgebung“ nachträglich zu genehmigen - um offensichtlich eine Eskalation zu vermeiden. Zugleich teilte die Polizei mit, dass die Abrissarbeiten gestoppt sind.
Der Kran wurde gegen Mittag abgezogen, auch die Polizei zog sich danach langsam zurück. An der Mauer blieben etwa 100 Demonstranten zurück.
„Berlin hat einen Riesenfehler begangen“
Der Teilabriss der noch verbliebenen Mauerstücke stößt Berlin-weit auf harsche Kritik. Der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sagte der Berliner Morgenpost: "Berlin hat den Riesenfehler begangen, seine größte Sehenswürdigkeit selbst fast vollständig abgerissen zu haben. Deshalb sollte man wenigstens die letzten Reste der Mauer bewahren - auch wenn die echte Mauer an dieser Stelle niemals so bunt und lustig war wie die East Side Gallery".
Die ersten Absperrgitter werden herangetragen und aufgestellt. #EastsideGallery #Vine vine.co/v/bX66pmh9jY6
— Berliner Morgenpost (@BMOnline) 1. März 2013
„Hier wird ein gesamtdeutsches und weltweites kulturelles Erbe abgerissen“, erklärte Robert Muschinski von der Initiative „Mediaspree versenken!“. „Das ist äußerst peinlich für diese Stadt. Ich schäme mich gerade, ein Berliner zu sein.“
Künstler bitten Senat um Hilfe
Der Künstler Kani Alavi hat den Berliner Senat aufgefordert, sich klar zum Erhalt der Open-Air-Gallery zu bekennen. Zudem müsse der Senat schnellstmöglich alle Schritte einleiten, um das Denkmal und das Kunstwerk zu schützen, teilte der 1. Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery am Donnerstagabend mit.
Auch die Berliner CDU setzt sich für den Erhalt der East Side Gallery ein. Der kulturpolitische Sprecher der Union im Abgeordnetenhaus, Michael Braun, rief am Morgen auf, an der Menschenkette gegen den Abbau der Mauerteile zu protestieren.
Braun sagte: "Die Zerstörung von Teilen der East-Side-Gallery ist eine Barbarei an der Kunst und der Geschichte Berlins." Er kritisierte, dass sich weder der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, noch der Landeskonservator für den Erhalt der Mauerteile einsetzten.
Jetzt wird's hier definitiv ruppig... #EastsideGallery #Vine vine.co/v/bX6eJMLa2WX
— Berliner Morgenpost (@BMOnline) 1. März 2013
Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek sagte dem Radiosender 104.6 RTL, der Abriss sei „ein verheerendes Signal (…) für Berlin als geteilte Stadt, die diese Teilung überwunden hat“. Die East-Side-Gallery gehöre zu den Top-5 der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. „Es kommt ja auch keiner auf die Idee und sägt jetzt mal eine Säule aus dem Brandenburger Tor“, so Kapek.
Roland Schulz, stellvertretender Vorsitzender der DDR-Opfer-Hilfe e.V. übte ebenfalls Kritik: "Wir haben den Regierenden Bürgermeister nach unserer heutigen Demonstration aufgefordert, dem geschichtsvergessenen Treiben Einhalt zu gebieten. Völker der Welt, schaut auf diese Stadt - diese Worte gelten auch heute. Die East Side Gallery muss als Mahnmal erhalten bleiben, damit auch künftige Gernerationen und Besucher noch sehen, wozu die SED-Dikturar fähig war, nämlich zur Teilung einer Stadt, zur Teilung von Familien, zum jahrzehntelangen Leid."
Mauerlücken wegen Luxuswohnungen
Wegen eines Bauprojekts zwischen der Mauer und der Spree sollen Blöcke herausgenommen und versetzt werden. Auf dem Areal soll ein Hochhaus mit Luxuswohnungen entstehen. Künstler und Bürgerinitiativen akzeptieren die Pläne nicht, die zum Teil noch vom Anfang der 90er-Jahre stammen.
Die East Side Gallery nahe der Oberbaumbrücke ist das längste original erhaltene Stück der Berliner Mauer. Dort haben sich nach der Wende knapp 120 internationale Künstler auf 1,3 Kilometer Länge verewigt – und damit eine Touristenattraktion geschaffen.
Nachdem die Bilder im Laufe der Jahre verwittert waren, haben die Künstler sie vor fünf Jahren selbst erneuert. Dafür standen 2,5 Millionen Euro zur Verfügung.
Weitere Mauer-Originalstücke gibt es noch an der Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Mauerteile wurden aber auch in alle Welt verkauft. Zudem wurde in der Mauerfall-Euphorie vieles abgerissen und geschreddert.
BM










