In Berlin könnte Deutschlands erste Schnellstraße nur für Radfahrer entstehen. Die „Radautobahn“ ist eines von rund 150 Vorhaben in Berlin und Brandenburg, die derzeit auf Geld vom Bund hoffen. Die Bundesregierung fördert deutschlandweit vier „Schaufenster Elektromobilität“, in denen umweltfreundliche Alternativen zu Diesel und Benzin vorgeführt und getestet werden sollen.

Eine der Ideen, die von der für die Fördermittelvergabe zuständigen Agentur für Elektromobilität (eMO) für das Schaufenster in Berlin und Brandenburg geprüft werden, ist der „Pedelec-Korridor“ (Projekt A6): Dieser „Korridor“, den der Bezirk Steglitz-Zehlendorf vorgeschlagen hat, ist eine 13 Kilometer lange kreuzungsfreie Trasse nur für Radfahrer, die einmal das brandenburgische Umland mit dem Berliner Südwesten verbinden soll.

Verleih von 500 Pedelecs

Die Strecke soll sich dabei besonders für Fahrräder mit elektrischem Hilfsantrieb eignen. 500 dieser immer populärer werdenden Fortbewegungsmittel sollen angeschafft und an Interessenten verliehen werden. Radfahrer können mit den sogenannten Pedelecs Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern erzielen, im Durchschnitt sind sie mit etwa 25 Stundenkilometern unterwegs. Ein Tempo, das sich auf normalen, hauptsächlich von Autos genutzten Straßen wegen des dichten Verkehrs oftmals nicht halten lässt.

Anders könnte dies auf einer Trasse sein, die Fahrradfahrern vorbehalten ist. Eine solche soll nach den Vorstellungen der Projektverantwortlichen der Umlandgemeinden Stahnsdorf und Teltow (Landkreis Teltow-Fläming) zu den S-Bahnhöfen im Berliner Südwesten führen. Die Hoffnung der Bezirkspolitiker: Wenn man mit dem Fahrrad genauso schnell oder gar schneller als mit dem Auto in die Stadt kommen kann, verzichtet möglicherweise eine größere Zahl Berufspendler für die Fahrt zum Arbeitsort auf den eigenen Pkw. Über die neue Fahrradschnellstraße und mit einem E-Bike könnte ein Stahnsdorfer weniger als eine halbe Stunde benötigen, um bis zum nächsten innerstädtischen S-Bahnhof zu gelangen.

Ein weiterer Vorzug der Idee: Für die Fahrradschnellstraße müsste nicht extra eine Schneise durch den Wald geschlagen werden. Sie könnte zumindest teilweise über eine ungenutzte Bahntrasse geführt werden. Die sogenannte Stammbahn, über die 1838 die erste Eisenbahn in Preußen von Berlin nach Potsdam dampfte, ließe sich dafür nutzen. Die Strecke zwischen Zehlendorf und Griebnitzsee liegt seit dem Mauerbau brach.

Insgesamt stehen 130 Millionen Euro bereit

Der „Pedelec-Korridor“ ist eines von 34 geplanten Kernprojekten, die im „Schaufenster Elektromobilität“ in Berlin und Brandenburg ausgestellt werden soll. Laut Dominique Sevin, Projektmanager der Agentur für Elektromobilität (eMO), stehen insgesamt etwa 130 Millionen Euro für alle Vorhaben bereit. Rund 70 Millionen Euro sind Fördermittel vom Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg, weitere 60 Millionen Euro kommen von beteiligten Partnern aus der Wirtschaft, darunter die Energiekonzerne Vattenfall, RWE, Total sowie insgesamt 14 Autohersteller.

Auch der ADAC Berlin-Brandenburg, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die TU Berlin unterstützen das „Schaufenster für Elektromobilität“. Bereits acht Vorhaben mit einem Fördervolumen von 13 Millionen Euro sind dafür bewilligt. Dazu gehört der Aufbau einer Flotte von Elektroautos und Elektrofahrrädern, die in der Hauptstadtregion ausgeliehen werden können. Der „Pedelec-Korridor“ ist eines von 20 länderübergreifenden Projekten, über deren Realisierung der eMO-Projektausschuss in den kommenden Wochen beraten will.

Ob und wann der „Pedelec-Korridor“ einmal realisiert werden kann, dazu wollte sich Projektmanager Sevin wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern. Auch nicht dazu, wie hoch der Finanzbedarf ist. Ein vergleichbares Projekt droht im Westen Deutschlands gerade an den hohen Kosten zu scheitern. Dort gibt es Pläne, die Städte Hamm und Duisburg mit einer rund 100 Kilometer langen „Radautobahn“ zu verbinden. Nach ersten Berechnungen soll die Strecke mindestens 110 Millionen Euro, also 1,1 Millionen Euro pro Kilometer Radstraße, kosten. Das ist vielen Anrainergemeinden angesichts der hohen Verschuldung zu viel Geld.

14 Millionen Euro veranschlagt

Ausgehend von diesem Wert, müsste die „Radautobahn“ zwischen Steglitz und Kleinmachnow mit etwa 14 Millionen Euro veranschlagt werden. Hinzu kommen Investitionsmittel, mit denen sichere und geschützte Abstellmöglichkeiten für die oft 2000 Euro und mehr kostenden Pedelecs geschaffen werden müssten. Politisch gibt es bereits viel Unterstützung: Sowohl der Bezirk als auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) haben sich bereits dafür ausgesprochen.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bremst überzogene Erwartungen an eine „Radautobahn“. „Bei dem Projekt geht es darum, den Autopendlern Anreize zum Umsteigen auf das Elektrorad zu schaffen. Dazu gehört, das Angebot an Abstellplätzen am Arbeitsort zu verbessern und auch kostengünstig Pedelecs-Testnutzungen anzubieten“, sagt Daniela Augenstein, Sprecherin von Verkehrssenator Michael Müller (SPD). Teil der Fahrradstrategie sei auch die Schaffung von Verbindungen, über die Fahrradfahrer rasch durch die Stadt kommen, so Augenstein. Im Einzelfall sollen dafür auch Engstellen im Radwegenetz überwunden werden. Der Bau einer „Radautobahn“ sei derzeit weder im Berliner Südwesten noch anderswo in der Stadt geplant, sagt die Sprecherin.