Rainer ist gut drauf. Lässig lehnt er an der Theke und scherzt mit „Frau Doktor“ und Tatjana, der Hüterin der Kleiderkammer, die ihm ein paar dicke graue Jogginghosen zeigt. „Die sind mir zu kurz, aba ick hab' imma wat zu meckern“, sagt der Mann ohne Geld und ohne festen Wohnsitz mit frechem Grinsen.

Die „Frau Doktor“ Jenny De la Torre kennt Rainer schon lange. Wie so viele ihrer Patienten, die sie seit 19 Jahren kostenlos und ohne Krankenschein behandelt. In ihrem Gesundheitszentrum in der Pflugstraße in Mitte behandelt Jenny De la Torre nicht nur die typischen Obdachlosen-Krankheiten wie Läuse, Krätze oder Schleppe, eine infektiöse Hautkrankheit, sondern versucht auch, alle anderen Probleme zu lösen.

Jeder der kommt, meldet sich im Erdgeschoss im Sprechzimmer bei Guido Minauro an. Er ist gebürtiger Peruaner – wie seine Chefin. Und er arbeitet seit fünf Jahren im Gesundheitszentrum. Er klärt, warum der Besucher da ist, ob er ein medizinisches Problem hat, erst einmal eine warme Mahlzeit braucht oder in der Kleiderkammer im ersten Stock ausgestattet werden muss.

Neben der Allgemeinärztin Jenny De la Torre stehen noch jeweils zwei Augenärzte und zwei Zahnärztinnen und eine Psychologin mit eigenen Räumen in den oberen Stockwerken zur Verfügung, die alle ehrenamtlich arbeiten.

Zahl der psychisch kranken Obdachlose und Osteuropäer nimmt zu

Auf dem Zahnarztstuhl bei Adriana van der Poel sitzt ein Spanier und wartet ängstlich auf die Diagnose. Er hat eine Wohnung, aber keine Krankenversicherung. „Wie viele, die zu uns kommen“, sagt Jenny De la Torre. Sie erzählt von dem Selbstständigen, der gerade genug verdient, um die Miete zu bezahlen und von alten Menschen, die irgendwann ihre private Krankenversicherung nicht mehr zahlen konnten.

Die meisten Sorgen machen ihr aber die Zunahme psychisch kranker Obdachloser und die steigende Zahl von Polen, Rumänen, Litauern und Esten, die nach Berlin kommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Oder die als Obdachlose in ihren Heimatländern gar keine Hilfe erwarten können. „Das System der Kältehilfe ist bei uns natürlich viel besser als in Osteuropa. Hier bekommen sie wenigstens etwas zu Essen und einen Schlafplatz in den Notunterkünften“, sagt die Ärztin.

Allerdings kenne sie auch viele Obdachlose, die trotz der eisigen Temperaturen lieber auf der Straße bleiben. „Viele halten es in einem Drei-Bett-Zimmer in einem Wohnheim nicht aus. Und in den überfüllten Notunterkünften schon gar nicht. Es ist ein Teufelskreis: Je länger ein Mensch auf der Straße lebt, desto schwerer wird die Rückkehr in ein normales Leben“, sagt sie.

Mit Antrag auf Hartz IV sind viele überfordert

Theoretisch hat jeder Obdachlose Anspruch auf Sozialhilfe oder Hartz IV. Doch um die Leistungen zu erlangen, müssen Ausweise und Nachweise beschafft werden, Formulare und Anträge ausgefüllt und Bescheinigungen vorgelegt werden. Damit sind viele überfordert. „Mit der Unterbringung in einem Wohnheim ist es dann auch nicht getan. Die meisten meiner Patienten brauchen nicht nur medizinische Behandlung, sondern einen Sozialarbeiter und dazu noch einen Psychologen. Diese Betreuung ist natürlich teuer, aber jeder einzelne Mensch ist es wert.“

Mit strahlendem Lächeln erzählt sie von dem Mann, der vor dreizehn Jahren als Obdachloser zu ihr kam und der sie kürzlich besucht hat, um sich für ihre Hilfe zu bedanken. „Er war inzwischen verheiratet, hat Kinder und ein Haus. Er war so stolz und glücklich, von der Straße weggekommen zu sein“.

Aber viele schaffen es nicht, landen nach einem Gefängnisaufenthalt wegen Schwarzfahrens wieder auf der Straße und beim Alkohol, fliegen nach einem Streit mit den Zimmergenossen aus dem Wohnheim oder werden durch den Tod des Partners oder eine Krankheit wie Depression im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn geworfen.

„Es gibt nicht die eine Ursache für Obdachlosigkeit. Meist kommen ganz viele Gründe zusammen“, sagt die Ärztin. Und es träfe nicht nur die Unterschicht. Unter ihren Patienten seien sogar Akademiker und sehr viele, die behaupten, das Leben auf der Straße sei gar nicht so schlimm. „Das ist der Versuch, ein Rest von Würde zu bewahren. Kein Mensch lebt freiwillig so“, sagt Jenny De la Torre mit fester Stimme.

Berliner sind großzügige Spender

Im Ostbahnhof fing sie im Mai 1994 damit an, in einem zwölf Quadratmeter großen Raum. „Noch nicht mal die Tür konnte man aufmachen, um den Geruch rauszulassen“, erinnert sie sich.

Und der ist heftig, wenn ein Mann zur Behandlung kommt, dessen Wundverbände seit drei Monaten nicht gewechselt wurden. Der Geruch sei schnell verschwunden, wenn der Patient geduscht ist, die Wunden mit Salbe versorgt und die Verbände frisch angelegt sind. Das Problem ist nur: Wie soll die Nachsorge funktionieren?

Auch darum kümmert sich Jenny De la Torre mit Krankenschwester Gerlinde Surkamp, ihrem Team aus ehrenamtlichen Ärzten, acht festangestellten Mitarbeitern, zwei Bürgerarbeiter, die vom Jobcenter bezahlt werden, und 22 ehrenamtlichen Helfern. Sie kämpft um jeden einzelnen ihrer Patienten. Möglich ist das alles nur durch Spenden und viel Unterstützung. „Da sind die Berliner sehr großzügig“, sagt Jenny De la Torre. „Durch die Arbeit mit den Obdachlosen spüren wir die Kälte der Großstadt, genauso wie die Wärme durch die vielen Spender.“

Berliner helfen e.V.

Spendenkonto 55

Stichwort: Kältehilfe

Bank für Sozialwirtschaft BLZ 100 205 00