Ein Viertel, das niemals schläft. So knapp wie treffend charakterisierte Ende der 1920er-Jahre ein populärer Reiseführer über die Reichshauptstadt das Quartier zwischen Leipziger, Wilhelm- und Lindenstraße. Denn hier pulsierte es zu jeder Uhrzeit – anders als im Amüsierviertel beiderseits der Friedrichstraße zwischen Behrenstraße und Oranienburger Tor, wo wenigstens am Vormittag und gegen Mittag meist Ruhe einkehrte, und im Regierungsviertel an der Wilhelmstraße, wo nachts wenig geschah.
Im Zeitungsviertel dagegen ratterten tagsüber, abends und nachts unzählige Satz- und Druckmaschinen. Hier versammelten sich morgens, mittags und abends Hunderte Zeitungsjungs, um aktuelle Ware mit den neuesten Nachrichten in Empfang zu nehmen. Sie sollten die druckfrischen Ausgaben so schnell wie möglich unter die Leute zu bringen.
147 Tageszeitungen und Wochenblätter erschienen zu Glanzzeiten
Auf dem Höhepunkt der in Wirklichkeit übrigens gar nicht so goldenen „Goldenen Zwanziger“ erschienen hier mindestens 147 Tageszeitungen und Wochenblätter, außerdem zahlreiche Zeitschriften. Mehr als hundert selbstständige Redaktionen residierten in dem knapp anderthalb Quadratkilometer großen Gebiet von der Form eines Tortenstücks. Von den 1928 im Berliner Adressbuch verzeichneten 828 Betrieben des grafischen Gewerbes produzierten gleich zwei Drittel genau hier.
Das Zeitungsviertel an der Kochstraße war damals die Heimat des größten Pressekonzern Europas: Ullstein. Hier erschienen das auflagenstärkste deutsche Blatt, die Berliner Morgenpost, die wichtigste aktuelle Zeitschrift, die Berliner Illustrirte, und die schnellste Zeitung der Welt, die „B.Z. am Mittag“.
Mit dem Scherl-Verlag, dem SPD-eigenen „Vorwärts“-Verlag, dem Mosse-Verlag und dem „Neuen Deutschen Verlag“ des kommunistischen Zeitungszaren Willi Münzenberg hatten gleich vier der nächst größeren Zeitungshäuser Deutschlands hier ihren Sitz. Hinzu kamen unzählige große und kleine Nachrichtenagenturen, Filmfirmen und die Hauptverwaltung des Kinokonzerns Ufa. Seit 1932 befand sich auch die Berliner Redaktion des NS-Netzblatts „Völkischer Beobachter“ in der Zimmerstraße.
Heute verliert Quartier direkten Vergleich mit der Vergangenheit
Rund 80 Jahre später haben sich außer der Axel Springer AG, in der auch die Morgenpost erscheint, und der „Tageszeitung“ wieder einige Medien beiderseits der Kochstraße angesiedelt, die an ihrem östlichen Ende jetzt Rudi-Dutschke-Straße heißt: Mehrere Zeitschriften des Münchner Burda-Verlages entstehen hier, und die Nachrichtenagentur dpa ist mit ihrer Hauptredaktion hergezogen. Auch Film-, TV- und Internetunternehmen nehmen wieder öfter ihren Sitz hier.
Dennoch verliert das Quartier heute einen direkten Vergleich mit dem legendären Auftrieb der Vergangenheit. Um die Erinnerung an die einst weltbekannte Rolle des Zeitungsviertels wachzurufen, haben sich Wissenschaftler, Institutionen und Journalisten zur Initiative Berliner Zeitungsviertel zusammengeschlossen. Im Verlauf des Jahres 2013 wollen sie mit zwölf Stelen und Tafeln die Vergangenheit im Stadtraum dokumentieren. Zugleich sollen Brücken in die Medienwirklichkeit des 21. Jahrhundert geschlagen werden.
Jeden Monat wird eine Stele aufgestellt; die Morgenpost wird über das jeweils dazugehörende Kapitel der Mediengeschichte berichten. Diese Aktion der Initiative Berliner Zeitungsviertel ist Teil des Themenjahrs „Zerstörte Vielfalt“, mit der Berlin und mehr als hundert Projekte und Institutionen bis zum November an die fünf Jahre zwischen „Machtergreifung“ der „Reichskristallnacht“ erinnern, der vollständigen Entrechtung der Berliner und deutschen Juden.
Erste gedruckte Wochenzeitung erschien 1617 in Cölln
Am 30. Januar beginnt das Themenjahr mit der Tafel zu den Anfängen der Berliner Presse, die an der Kreuzung Koch- und Friedrichstraße ihren Platz finden wird. Denn diese Ecke steht im geografischen Zentrum des Zeitungsviertels. Zwar entstanden die ältesten Blätter Berlins noch nicht hier, also seinerzeit am südlichen Rande der Stadt. Die erste gedruckte Wochenzeitung erschien bereits 1617, hergestellt im alten Cölln.
Ansatzweise journalistische Blätter gab es von Beginn des 18. Jahrhunderts: die Vossische und die Spenersche Zeitung – so genannt nach ihren Besitzern Christian Friedrich Voss und Johann Karl Spener. Im späteren Zeitungsviertel lag zu dieser Zeit noch der Meiereihof des stellvertretenden Berliner Bürgermeisters Johann Jakob Koch, dem die Straße ihren Namen verdankt.
Bis ins dritte Viertel des 19. Jahrhunderts hinein galt die Kochstraße als inzwischen zwar belebte, aber keineswegs „gute Adresse“. Sie galt vielmehr als „Hinterzimmer“ der sündhaft teuren Leipziger Straße mit ihren Luxuskaufhäusern. In dem Gebiet südlich davon waren Firmen beheimatet, die sich noch nicht etabliert hatten.
Viele Häuser waren sehr bescheiden, mit engen Höfen und schlechter Bausubstanz. Gerade dieser Makel aber öffnete dem Quartier den Aufstieg zur europaweit bekannten Adresse: Beiderseits der Kochstraße konnte man expandieren. Also alte Häuser günstig erwerben, abreißen und neu bauen. Deshalb und dank der Nähe zum Regierungsviertel an der Wilhelmstraße zog es immer mehr Zeitungsverlage hierher.
Die Rolle der Ullsteins im Berliner Zeitungsmarkt
Seit 1867 saß Rudolf Mosse mit seiner Anzeigen-Agentur hier, die er bald um das „Berliner Tageblatt“ erweiterte, das zur angesehensten deutschen Zeitung wurde. Zehn Jahre später kaufte der Papierhändler Leopold Ullstein hier seine erste Zeitung, die „Berliner Zeitung“, Keimzelle der „B.Z. am Mittag“ und der heutigen „B.Z.“. Ullstein, längst ein erfolgreicher Verleger, brachte 1898 auch die Berliner Morgenpost auf den Markt. 1883 hatte August Scherl an der Zimmerstraße seinen „Berliner Lokal-Anzeiger“ gegründet. Der Aufstieg des Quartiers zum europaweit größten Zeitungsviertel hatte begonnen.





