Gastbeitrag

Wolfgang Thierse heißt Schwaben in Berlin willkommen

3000 Hass-Mails erhielt er nach der Schwaben-Lästerei. In einem Beitrag für die Berliner Morgenpost unterbreitet er nun ein Friedensangebot.

Foto: Reto Klar

Er hätte nicht im Traum damit gerechnet, dass seine kleine Lästerei über integrationsunwillige Schwaben in Prenzlauer Berg solche Folgen haben könnte: Wolfgang Thierses Interview in der Silvesterausgabe dieser Zeitung schlug nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit hohe Wellen der Empörung. In diesem Gastbeitrag zieht der Bundestagsvizepräsident Bilanz und beteuert: "Ich bin kein Schwabenfeind."

Ich reibe mir die Augen. Was ist nur passiert? Seit Tagen rollt eine Empörungslawine über mich hinweg. Die "Bild"-Zeitung widmet mir schon mehrere Tage ihre Aufmerksamkeit. Der ach so seriöse "Tagesspiegel" füllt inzwischen mehrere Seiten mit diesem offensichtlich besonders wichtigen Thema. Die Zeitungen in Schwaben sind angefüllt mit Wut und Spott über mich.

Weit über 3000 Mails haben mich erreicht, mit Kritik und Belehrung, aber oft auch mit Beschimpfungen und Beleidigungen. Spießer, Rassist, Nazi, Arschloch werde ich genannt. Was nur habe ich getan? Die Leser dieser Zeitung wissen es. In der Silvester-Ausgabe der Berliner Morgenpost erschien ein Interview mit mir. Um Erfahrung und Jugendlichkeit in der Politik ging es darin, um Berlin/Bonn, um Demokratie, um Ostdeutsche und ihre Karriere in der Politik – also um ernsthafte Themen, die aber wohl niemanden aufregen.

Dann aber fragte der Redakteur nach meinem Wahlkreis, nach dem Prenzlauer Berg, und das Unglück begann. Denn ich habe ironisch geantwortet: Ich müsse allmählich als einer der letzten Heimatverbliebenen unter Artenschutz gestellt werden, schließlich seien 90 Prozent meiner Nachbarn im Kollwitzplatz-Kiez erst nach 1990 dort hingezogen, andere also auf mehr oder minder schmerzliche Weise verdrängt worden.

Und dann – jetzt kommt das Entsetzliche – habe ich mich hinreißen lassen, zwei kleine Beobachtungen zu Misshelligkeiten im alltäglichen Zusammenleben von Einheimischen und Zugezogenen zu erwähnen: Ich möchte auch weiterhin Schrippen sagen dürfen und nicht Wecken, Pflaumenkuchen und nicht Datschi.

Auweia! Wie borniert von mir, mich als Verteidiger des Berlinerischen aufzuspielen! Und schlimmer noch, ich habe auf einen Widerspruch hingewiesen: Als Schwabe nach Berlin zu kommen, weil hier alles so bunt und unordentlich ist, aber es nach einiger Zeit doch wieder so haben zu wollen wie in der schwäbischen Kleinstadt mit Kehrwoche. Rums! Ich habe bei den Antworten gelacht, der Morgenpost-Parlamentskorrespondent erst recht. Nicht ahnend, dass diese läppisch-unernsten Bemerkungen zu einem solchen (schwäbischen) Aufruhr führen würden, führen könnten.

Eigentümliche Untertöne

Dieser Aufruhr ist allerdings auch ein wenig inszeniert. "Spiegel online" verkürzte mein Interview auf eine "Breitseite gegen die Schwaben", die "Bild"-Zeitung Stuttgart machte damit groß auf, andere schwäbische Zeitungen folgten, prominente Schwaben kanzelten mich öffentlich ab. In vielen Reaktionen gab es eigentümliche Untertöne: Warum ich mich denn nicht an den Türken abarbeitete!! Wer so verwahrlost aussähe wie ich, sollte gefälligst sein Maul halten!! Wer über den Länderfinanzausgleich nach Berlin Geld fließen lasse, über den dürfe nichts, aber auch gar nichts Ironisch-Kritisches gesagt werden!! So viel Humorlosigkeit, so viel geradezu preußische Schärfe – das hätte ich nicht erwartet. Dabei können die Schwaben doch alles, außer Hochdeutsch.

Nun habe ich den Salat. Und muss beteuern, dass ich kein Schwabenfeind bin, wirklich nicht. Ich habe schwäbische Mitarbeiter und Freunde, war in Schwaben zum Urlaub und fahre wieder hin, esse in der Bundestagskantine gelegentlich sogar schwäbisch. Und ich weiß, dass Hölderlin, Hegel und Schiller aus Schwaben stammen und viele andere noch, die die Kultur Deutschlands geprägt haben. Ob mir das alles hilft? Ich bleibe ja Berliner, liebe die Berliner Mundart und den Stil unserer Stadt und verteidige sie beide, weil sie ein Stück Heimat für mich sind. Und hoffe, dass Sprache und Stil Berlins auch Heimat für die vielen Zugezogenen, auch aus Schwaben, werden. Ihr seid willkommen!

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