Prozess in Berlin

Bewährungsstrafe wegen Missbrauch bei Parkeisenbahn

Es war der letzte Prozess im Berliner Missbrauchsskandal. Der Staatsanwalt hatte zuvor eine Haftstrafe gefordert.

Foto: Robert Schlesinger / dpa

Die beiden Berliner wirkten bis zum Urteil optimistisch, hatten offenbar gehofft, doch noch mit einem Freispruch davon zu kommen: Gregor E. 1 und Gregor E. 2. Beide haben, nachdem sie offiziell eine Lebenspartnerschaft eingegangen sind, nicht nur den gleichen Vornamen, sondern tragen auch den gleichen Nachnamen.

Gregor E. 1 ist 30 Jahre alt, Gregor E. 2 neun Jahre älter. Beide sind gelernte Lokführer und waren ehrenamtliche Mitarbeiter der Parkeisenbahn Wuhlheide, die durch sexuelle Missbrauchsfälle in den vergangenen Monaten für negative Schlagzeilen sorgte.

Zu den Tätern, davon ist ein Moabiter Schöffengericht überzeugt, gehörten auch die beide Angeklagten. Beide wurden am Donnerstag wegen sexuellen Missbrauchs eines Schutzbefohlenen zu Bewährungsstrafen von zwölf und 15 Monaten verurteilt. Zudem müssen sie je 2500 Euro Schmerzensgeld an ihr Opfer zahlen.

Schwierige Beweislage

Der junge Mann saß bei der Urteilsverkündung als Nebenkläger mit im Gerichtssaal: Thomas S. ist heute 19 Jahre alt. Beim ersten vom Gericht festgestellten sexuellen Missbrauch durch Gregor E. 1 war er 15 Jahre alt.

Die Tat soll sich während eines Ausfluges abgespielt haben. Mitglieder der Parkeisenbahn besuchten das Emsland. Den Ermittlungen zufolge soll Thomas S. dort zunächst von einem anderen Betreuer missbraucht worden sein. Gregor E. 2 kam zufällig dazu, sagte aber kein Wort und verschwand wieder. Wenig später soll dann Gregor E. 1 den Schüler in ein anders Zimmer beordert und dort missbraucht haben. Er und Gregor E. 2 waren damals schon ein Paar.

Gericht und Staatsanwalt gehen davon aus, dass die beiden damals über Thomas S. sprachen und dass für beide klar war, dass der gefügig wirkende Junge fortan auch für ihre sexuellen Bedürfnisse zur Verfügung stehen würde. So soll es dann auch geschehen sein. Zwar wurden angesichts der schwierigen Beweislage nur noch sechs weitere Fälle verurteilt, in einem sollen die beiden Angeklagten den Jungen auch gemeinsam missbraucht haben. Es gab in der Anklage jedoch noch weitaus mehr Vorwürfe.

Der Staatsanwalt hatte für Gregor E. 1 ein Jahr und acht Monate ohne Bewährung beantragt, für Gregor E. 2 forderte er ein Jahr und vier Monate mit Bewährung. Er beschrieb den Beginn des Missbrauchs bei der Fahrt ins Emsland als eine „besonders perfide Situation“. Thomas S. habe resigniert bemerken müssen, dass es keine Hilfe gab, als ein Gruppenbetreuer die Missbrauchshandlung seines Kollegen entdeckte.

Stattdessen kam mit Gregor E. 1 wenig später ein dritter Gruppenbetreuer und forderte den Jungen ebenfalls auf, sich auszuziehen und aufs Bett zu legen. Der Junge sei gar nicht in der Lage gewesen, sich wirkungsvoll zu widersetzen, sagte der Staatsanwalt. „Er wollte keine Nestbeschmutzer sein, hatte Angst, nicht mehr kommen zu dürfen, wenn er etwas erzählt.“

Die Bahn sei für Thomas S. ja auch weitaus mehr als ein Hobby gewesen. „Sie war sein Leben“, sagte der Anklagevertreter. „Er befürchtete, seine Freunde zu verlieren. Und er wollte ja auch beruflich bei der Bahn weiter machen und eine Lehrstelle bekommen.“ Genau das sei den beiden Angeklagten auch bewusst gewesen.

Beide hätten sich ebenfalls schon als Schüler für die Parkeisenbahn Wuhlheide begeistert und seien im Laufe der Jahre in der Hierarchie aufgestiegen. Sie hätten die Mechanismen und die Abhängigkeiten sehr genau gekannt und ausgenutzt. Und ihnen sei auch egal gewesen, dass Thomas S. gar nicht homosexuell veranlagt war und ihnen das auch mitteilte. Bei seiner Zeugenaussage sagte Thomas S., er habe sich geekelt.

Verteidigung fordert Freisprüche

Die beiden Angeklagten hatten den Missbrauch des Jungen vor Gericht gestanden. Allerdings soll Thomas S. zu Beginn der sexuellen Handlungen angeblich schon 16 Jahre alt gewesen sein. Ihre Verteidiger beantragten Freisprüche.

Sie betonten, dass sich ihre Mandanten von 2008 bis 2010 – also im Tatzeitraum – nur noch wenige Male und auch nur aushilfsweise auf dem Gelände der Kindereisenbahn aufgehalten hätten. Thomas S. sei ihnen auch nicht zur Erziehung oder zur Ausbildung anvertraut oder im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses untergeordnet gewesen.

Da der Jugendliche zu ihnen nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden habe, handele es sich folgerichtig nicht um strafbares Handeln. „Auch wenn diese sexuellen Handlungen mit einem Jugendlichen bei einem Großteil der Bevölkerung auf Ablehnung stoßen, kann das angesichts der Rechtslage nicht Grund für eine Verurteilung sein“, sagte ein Verteidiger.

Die Richterin sah im Gegensatz zu den Verteidigern aber durchaus ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Opfer und den Angeklagten. „Es ist Ihnen sehr leicht gemacht worden“, sagte sie zu Gregor E. 1 und Gregor E. 2. Der Missbrauch sei von anderen offenkundig „ignoriert oder zumindest geduldet worden“.

Thomas S. hatte die Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Parkeisenbahn Wuhlheide vor zwei Jahren ausgelöst. Er hatte mit seiner älteren Schwester gesprochen, die ihn ermunterte, zur Polizei zu gehen. Im Rahmen der Untersuchungen kam dann zutage, dass noch 27 weitere Jungen missbraucht wurden und es bei einigen Verantwortlichen offenbar ein regelrechtes System für diesen Missbrauch gab.

Der Prozess ist das letzte Verfahren um die Missbrauchsfälle an der Parkeisenbahn Wuhlheide. Inzwischen gibt es schon mehrere rechtskräftige Verurteilungen. Ein ehemaliger Werkstattleiter wurde zu anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt. Ein anderer Mitarbeiter bekam eine zweijährige Bewährungsstrafe. Ein Bahnhofsleiter wurde zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Im Falle des langjährigen Geschäftsführers der Parkeisenbahn wurde von der Staatsanwaltschaft geprüft, ein Verfahren einzuleiten. Ihm wird vorgeworfen, schon 2002 von den Übergriffen erfahren, aber nicht eingegriffen zu haben. Nachdem die Presse das aufdeckte, trat er Ende Mai 2012 von seinem Amt zurück.