Berlin Art Week

Kunst in ganz Berlin

Die Berlin Art Week bündelt Ausstellungen in sechs Tagen.

Foto: Tim Van Laere Gallery

Überall in der Stadt hüpfen gelbe Sonnen auf schneeweißen Beuteln umher. Wer so einen überm Arm hat, gehört eindeutig zur Community der neuen Berlin Art Week. Sieht etwas studentisch aus, aber das ist halt Berlin. In München gäbe es sicher einen Glitzerbeutel – und überall High Heels.

Für sechs Tage sind alle auf den Beinen, die etwas mit bildender Kunst zu tun haben. Synergie heißt das Zauberwort, denn fest steht: der Kunst-Standort Berlin muss nach dem Aus des Art Forums durch gebündelte Aktivitäten gestärkt werden.

In den Kalender passt nicht mehr ein Termin, wirklich. Zwei Coffees to go haben längst keine Wirkung mehr. Wir wünschen uns urbane Meilenstiefel für den Marathon quer durch die Stadt. Besichtigung von St. Agnes, die Kreuzberger Kirche wird von Johann König zur Galerie ausgebaut.

James-Simon-Preisvergabe an das Sammlerehepaar Würth im Bode-Museum. Besichtigung der Neupräsentation des Bunkers von Werbemann Christian Boros, der übrigens die Sonne und das gelbe Logo für die Kunstwoche entwickelt hat. Schnell noch hinüber in den Schinkel-Pavillon zum angesagten jungen Künstler Cyprien Gaillard und seinem Bagger-Ballett. Offizieller Empfang beim Senat im Ruinencharme des Stadtbades Oderberger Straße. Klick, ein Gruppenfoto ist geschossen. Alle Beteiligten, Museumschefs wie Galeristen zeigen hier ihren Willen zur Gemeinsamkeit.

Eine Eröffnung jagt die nächste

Gegen 22 Uhr steht noch die Bekanntgabe der vier Nominierten für den Preis der Nationalgalerie an, der nächstes Jahr - erstmals undotiert - vergeben wird. Und dann gibt es noch Galerien-Einladungen ins Grill Royal und Soho-Haus. Gefühlt hundertfünfzig Termine sind hier in den sechs Tagen abzuarbeiten, zu viel, um sie alle zu bewältigen. In gewisser Weise zieht einer dem anderen die Leute ab. Dass Museen und Ausstellungshäuser kooperieren, ist wünschenswert. Nur: viele von ihnen konnten sich noch nicht wirklich auf den gemeinsamen Termin einstellen. Im Programm stehen bereits (aus)laufende Präsentationen.

Alle Augen richten sich natürlich auf die abc, art berlin contemporary. Ehemals als trotzige Alternative einiger Galeristen zum Art Forum entwickelt, muss dieses Flaggschiff nun die gefloppte Kunstmesse ersetzen. Einiges hat sich seit dem vergangenen Jahr verändert. Letztes Jahr gab es ein übergeordnetes Thema, Malerei hieß es, dieser Überbau samt Kurator ist nun verschwunden. Statt zwei werden nun drei luftige Hallen in der Station am Gleisdreieck bespielt.

135 Galerien aus 18 Ländern sind heuer dabei, vertreten mit ein oder zwei künstlerischen Positionen. The Third Line und Carbon 12 kommen aus Dubai, Vilma Gold aus London, Stevenson reiste aus Kapstadt an. Die Gallery Hyundrai stammt aus Seoul und hat den Konzeptkünstler und Outsider Seng-Taek Lee mit seinen wundersamen Wandzeich(nung)en aus den Siebzigern für den Kunstmarkt wiederentdeckt. Kavi Gupta Gallery, in Berlin und Chicago zuhause, präsentiert den Documenta-Star Theaster Gates - mit Teilen der Installation „12 Ballads“, die er im Hugenotten Haus in Kassel zeigt. So aus dem Zusammenhang gerissen, zeigen die hölzernen Monumente des Vergehens allerdings kaum Wirkung. Mehr als die Hälfte der Galerien haben in der Station am Gleisdreieck ein Heimspiel. Junge Galeristen wie Klemm’s sind erstmals dabei.

Auf die konventionellen, engen Messekojen haben die abc-Macher wieder verzichtet. Hier wird nicht nach Quadratmeter gezahlt, sondern nach Position. Schlichte Baugerüste wurden aufgestellt, sie fungieren als flexible Stellwände. Berlin als ewige Baustelle?

Offen und ausbaufähig

Es gilt das Motto: offen, wandelbar, ausbaufähig. Mancher Besucher mag vielleicht die Nase rümpfen über diesen gewissen Retro-Schick, aber zum Glück wirkt hier nichts aufgesetzt oder bemüht, sondern großzügig und experimentierfreudig. Timm Ulrichs (Wentrup) hat die Ausstellungsarchitektur in seiner Installation in Form einer 100-Quadratmeter-Wohnung gleich aufgenommen. Knarzende Türen gehen auf und zu, locken zum Eintritt ins transparente Kunstgehäuse.

Vieles gibt es zu entdecken beim ersten Rundgang. Etwa Sofie Bird Moller bei Sasse Trülzsch (Berlin). Sie hat einen handgroßen Lederband mit französischer Orginal-Lithographie in XXL-Format von zwei mal drei Meter auf Industrieleinwand übertragen. Die schönen Motive aus der Liebesmystik übermalte sie. Auf Metallrahmen locker aufgezogen wirken diese „Papierarbeiten“ beinahe skulptural. 8000 Euro kostet eines dieser Blätter. Wie ein fliegender Teppich wirkt die Skulptur „PrayWay“ des 2006 gegründeten Künstlerkollektivs Slavs and Tatars, die Pop- und Hochkultur, Geschichte und Aktuelles in ihren Arbeiten verbinden.

Highlight der Messe ist sicher Jeff Walls’ „Authentication“ der Galerie Johnen. Im Stil einer Dokumentation wird in dieser Installation an die Geschichte des großen Kaufhauses Nathan Israel in Berlin erinnert. Historische Kleider und Schuhe gehören neben den Fotografien zum Ensemble. Deutsch-jüdische Vergangenheit zum Anfassen. An Johnens ausgewähltem Angebot sieht man, wie sich das einst experimentelle Ausstellungsformat der abc stärker zur Messe entwickelt hat. Wie zugkräftig die abc aber tatsächlich ist, werden die Verkäufe am Ende zeigen.