Kundgebung

Verletzter Rabbiner setzt Dialog der Religionen fort

An einer Kundgebung gegen Antisemitismus nahm auch der verletzte Rabbiner teil. Seinen Willen haben die Täter nicht brechen können, sagt er.

Foto: DPA

Für Stephan Meyer-Brehm steht außer Frage, dass die Berliner jetzt Flagge zeigen müssen. Gemeinsam mit Hunderten Menschen hat er sich an diesem Sonntagmittag am Grazer Platz eingefunden, um gegen Antisemitismus zu protestieren. „Ich wohne im Haus gegenüber der Familie des Rabbiners, der am Dienstagabend vor seiner Wohnung brutal zusammengeschlagen worden ist“, sagt er. Diese Tat sei schockierend. Im Kiez hätten die Leute zum Glück sofort reagiert und deutlich gemacht, dass sie jede Form von Gewalt ablehnen. Insgesamt werde aber noch viel zu wenig unternommen, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Glaubens beleidigt und angegriffen würden.

Das sieht auch Anna Burwieck so. Sie ist aus Reinickendorf nach Friedenau gekommen, um ihr Mitgefühl mit dem Rabbiner zu zeigen. „Wir können nicht zu Hause bleiben, wir müssen ein klares Zeichen setzen“, sagt sie.

Das jüdische Leben hochhalten

Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD), die die Protestveranstaltung eröffnet hat, ruft dem anwesenden Rabbiner Daniel A., der am vergangenen Dienstag überfallen worden ist, zu: „Wir brauchen Sie, diese Stadt braucht Sie.“ Berlin werde das jüdische Leben hochhalten, verspricht Kolat. „Dafür setzen wir uns alle ein.“ Die Tat bringe allerdings ans Licht, dass es auch unter Muslimen Antisemitismus gebe. Darüber dürfe nicht hinweggesehen werden. Kolat fordert die muslimischen Verbände auf, das zu thematisieren. Es dürfe nicht bei dieser Protestkundgebung bleiben, sagt die Senatorin. „Wir alle müssen Zivilcourage zeigen und gegen jede Form von Rassismus im Alltag aufstehen.“ Zum Schluss spricht auch Rabbiner Daniel A.: „Berlin ist und bleibt eine tolerante Stadt“, sagt er und dankt allen Anwesenden für die bekundete Solidarität: „Ich habe mein Jochbein gebrochen bekommen, aber nicht meinen Willen, für Verständigung und Dialog zwischen den Religionen einzutreten.“

Laut Polizeiangaben haben knapp 1000 Menschen an der Kundgebung teilgenommen, die von der SPD Friedenau und der Evangelischen Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde nahe dem Tatort organisiert worden ist. Rabbiner Daniel A. war am Dienstagabend von Jugendlichen vermutlich arabischer Herkunft angegriffen und schwer verletzt worden. Seine Tochter bedrohten sie mit dem Tode. Die Tat hat weltweit Entsetzen ausgelöst.

Nach der Kundgebung wird wenige Schritte vom Tatort entfernt ein großflächiges Banner aufgehängt. Neben der Aufschrift „Wir sind gegen Gewalt und Antisemitismus“ trägt es die Unterschriften von Hunderten Demonstranten. SPD-Mitglieder kündigen an, eine Bürgerstiftung zu gründen. Alle seien eingeladen, sich zu beteiligen.