Antisemitismus

„Jude“ ist an Berliner Schulen wieder ein Schimpfwort

An vielen Schulen in der Hauptstadt gehört Judenfeindlichkeit zum Alltag. Ein Lehrer berichtet über seine Erlebnisse.

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In Berlin ist ein Rabbiner zusammengeschlagen worden – weil er ein Jude ist, weil er eine Kippa trug. Am Sonnabend zeigten viele Berliner ihre Solidarität mit dem Rabbiner – bei einem Flashmob auf dem Kurfürstendamm, bei einem Fest auf dem Schloßplatz. Rainer Werner, Autor des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“, hat bis zu seiner Pensionierung am John-Lennon-Gymnasium in Mitte unterrichtet. Er ist entsetzt über den Angriff auf den Rabbiner. Überraschend kommt dieser Übergriff für ihn jedoch nicht.

„Du Jude, du Opfer“

„Du Jude, du Opfer.“ Dass diese Wörter auf deutschen Schulhöfen wieder zu Schimpfwörtern geworden sind, sollte uns beschämen.

Im Sommer 2010 veranstaltete die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) einen Workshop, auf dem die Lehrer über ihre Erfahrungen mit deutschfeindlichen Äußerungen von muslimischen Schülern berichten sollten. Für eine linke Gewerkschaft, die bisher immer die Fahne des Multikulturalismus hoch gehalten hatte, war dies eine bemerkenswerte Veranstaltung.

Deprimierend waren die Informationen, die von den Lehrkräften, die an Schulen in sozialen Brennpunkten unterrichten, zusammengetragen wurden: Jungen aus arabischen und palästinensischen Elternhäusern beschimpfen deutsche Mädchen als „scheiß-deutsche Schlampen“.

Ihre deutschen Klassenkameraden werden als „Christen“ verunglimpft, die „unrein“ seien, weil sie Schweinefleisch essen. An der legeren Kleidung der Mädchen lesen sie ab, dass sie „Huren“ und „Schlampen“ seien. In Neukölln sind solche Hass-Tiraden keineswegs nur das Privileg männlicher Halbstarker muslimischen Glaubens. An einer Schule gab es eine Mädchen-Gang, die die Losung ausgab: „Kopftuch gegen Blond“. Das Kopftuch, das bislang nur als Symbol religiöser Identität bekannt war, wurde von ihnen zum Hass-Zeichen gegen deutsche Mädchen umfunktioniert.

Was beim Workshop der GEW nicht zur Sprache kam, war der Hass gegen Juden, der an Schulen mit hohem muslimischem Schüleranteil grassiert. Dabei richtet sich die Verunglimpfung „du Jude“ keineswegs gegen wirkliche Juden – diese ziehen es aus Sicherheitsgründen zumeist vor, eine jüdische Schule zu besuchen.

Das Wort „Jude“ ist zum allgemeinen Schimpfwort geworden, mit dem muslimische Jugendliche ihren Hass gegen die Gesellschaft oder ihren Selbsthass an vermeintlich Schwächeren abreagieren. Oft wird das Wort „Jude“ mit der Vokabel „Opfer“ kombiniert. „Du Jude, du Opfer“ – gesprochen auf deutschen Schulhöfen. Wer empfindet dabei nicht Scham und Wut.

Kampf gegen Intoleranz und Ignoranz

Vor Kurzem hat sich der verbale Hass gegen Juden in einer schändlichen Gewalttat entladen. Im Schöneberger Ortsteil Friedenau haben vier mutmaßlich arabische Jugendliche den Rabbiner Daniel A. beschimpft, niedergeschlagen und seine kleine Tochter mit dem Tod bedroht.

Dieser Übergriff zeigt deutlich, wie sehr der Hass auf Juden in bestimmten Kreisen der muslimischen Bevölkerung virulent ist. Er wird genährt von Elternhäusern, die ihr Fremdsein in der pluralistischen Kultur unseres Landes mit verstärkter religiöser Identität beantworten. Teil dieser Identität ist der Hass auf das Volk, dem sie den Verlust ihrer Heimat (Palästinenser) oder die Demütigung durch militärische Niederlagen (Araber) anlasten.

Viele dieser Familien zählen zu den Verlierern der modernen Leistungsgesellschaft. Von Sozialtransfers lebend, entwickeln sie kein Selbstwertgefühl, das sich aus der erfolgreichen Teilhabe an einer offenen, freien Gesellschaft speisen könnte. Es ist in der Geschichte der internationalen Migration einmalig, dass eine zugezogene Minorität das Gastland, dem es einen bescheidenen Wohlstand verdankt, verachtet und seine Bewohner beschimpft.

Die Schule könnte der Ort sein, an dem eine Brandmauer gegen Hass, Ausgrenzung und Rassismus errichtet werden kann. Bisher hat man die Zielrichtung der Anstrengung immer nur so verstanden, die benachteiligten Kinder aus muslimischen Familien in das Schulleben zu integrieren. Vielleicht muss man in Brennpunktschulen den Spieß umdrehen und die Wortführer muslimischen Hasses in die Schranken verweisen. Wie das gehen könnte, hat eindrucksvoll die türkische Lehrerin Betül Durmaz beschrieben. Sie unterrichtet an einer Schule in Gelsenkirchen-Neustadt.

In diesem Wohngebiet wohnen fast nur Einwanderer, viele leben von Hartz IV. Ihre Lehrertätigkeit ist zu 80 Prozent Sozialarbeit: Abbau von Aggressivität, Ressentiments und Gewalt. Als Muslimin hat sie gute Karten, bei den Jugendlichen unsere Kultur der Toleranz durchzusetzen, weil ihr kein Schüler vorwerfen kann, sie als „Andersgläubige“ umerziehen zu wollen. In ihrem Buch „Döner, Machos und Migranten – Mein zartbitteres Lehrerleben“ beschreibt sie, wie sie den Kampf gegen Intoleranz und Ignoranz aufgenommen hat. Sie hat deutsch- und christenfeindliche Äußerungen im Unterricht strikt verboten. Sie verweist störende Schüler konsequent des Raumes, weil die Unterrichtszeit kostbar ist.

Unterricht als Privileg

Die Störenfriede müssen ihr Problem mit einem Lehrer aufarbeiten und einen Rückkehrplan entwickeln. Unterricht als Privileg, als Startrampe für den sozialen Aufstieg. Betül Durmaz ist nicht davor zurückgeschreckt, einen libanesischen Schüler, der sie bedroht und beschimpft hatte („scheißtürkische Lehrerin“), wegen Beleidigung anzuzeigen.

Von dessen Vater als Nestbeschmutzerin beschimpft, stand sie den Prozess mit einer bemerkenswerten Begründung durch: Es gibt Regeln, an die sich jeder halten muss – egal, welcher Nationalität und welchem Glauben er angehört. Man wünschte sich unter den Lehrern viele solcher couragierter Pädagogen und Streiter für Recht und Toleranz.

Viele Schulen lassen in der Vergangenheit leider den von Betül Durmaz an den Tag gelegten Mut vermissen. Auf den Ruf ihrer Schule bedacht, haben sie antichristliche oder antijüdische Ausfälle muslimischer Schüler oft verschwiegen, ja, zum Schulgeheimnis erklärt. Die Jugendlichen müssen ein solches Wegducken geradezu als Einladung verstehen, ihr provokantes Verhalten fortzusetzen. Die Problemlösung müsste gerade darin bestehen, rassistische Äußerungen, gleichgültig gegen wen sie sich richten, schulöffentlich zu ächten und zu ahnden.

Eltern „mitbeschulen”

Der überwiegende Teil muslimischer Kinder verhält sich in den Schulen unseres Landes völlig unauffällig. Ich selbst habe im Unterricht erlebt, wie Kinder aus dem türkischen Mittelstand ihren deutschen Klassenkameraden an Wissbegier und Ehrgeiz in nichts nachstehen. Der jüngste Integrationsbericht der Bundesregierung bestätigt diese subjektive Erfahrung. Schüler mit Migrationshintergrund holen bei den Schulabschlüssen – auch beim Abitur – kräftig auf. Umso wichtiger wäre es, die moralische Verwahrlosung, die sich in den rassistischen Entgleisungen weniger Jugendlicher äußert, entschieden zu bekämpfen. Das dürfte auch im Interesse der muslimischen Mehrheit in unserem Lande sein.

Die verstorbene Jugendrichterin von Berlin, Kirsten Heisig, hat in ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ beschrieben, wie man gegen die Unkultur des Hasses vorgehen kann. An Brennpunktschulen hat sie Elternabende besucht und sich mit arabischen Vätern auseinandergesetzt. Sie hat ihnen erklärt, dass die „Ehre der Familie“ und das „religiöse Gesetz“ gegenüber den Werten unseres Grundgesetzes – Freiheit, Toleranz und Gleichheit der Geschlechter – zweitrangig seien.

Sie hat im Verein mit der Polizei durchgesetzt, dass die Familien, deren Angehörige im Stadtraum durch Gewalt aufgefallen sind, in regelmäßigen Abständen polizeilichen Besuch (Polizeijargon: Gefährderansprache) bekommen haben. Wie wäre es, wenn ein Lehrer und ein Sozialpädagoge die Eltern der Schüler regelmäßig besuchten, die in ihrer Schule durch rassistischen Hass aufgefallen sind. Wie sagte Betül Durmaz treffend: „Eigentlich müsste man diese Eltern mitbeschulen.“ Fangen wir doch damit an.