9,99 Euro kostet ab morgen die Patenschaft für ein ausgesuchtes Aquariumstier für ein Jahr. Das Angebot hat seinen Grund: Das Aquarium wird am Sonnabend 99 Jahre alt. Gefeiert wird tags darauf, wenn Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz von einer Russlandreise zurückgekehrt ist. Das Fest ist als Auftakt gedacht für das große Jubiläumsjahr hin zum 100-jährigen Bestehen.
Die Kunden sind treu. „Wir haben im Schnitt 900.000 Besucher pro Jahr“, sagt Aquariumskurator Rainer Kaiser. Einziger bitterer Beigeschmack: „Seit 2012 erhält das Aquarium keine Zuwendungen mehr vom Land Berlin“, so der Vorsitzende der Freunde des Hauptstadtzoos, Thomas Ziolko. Deshalb wirbt Eberhard Diepgen als Vorsitzender des Zoo-Stiftungskuratoriums ebenfalls um Paten.
Gründung ist einem Konflikt geschuldet
Schwierige Situationen sind nichts Neues in der Geschichte des Hauses. Sogar die Gründung vor rund 100 Jahren ist einem Konflikt geschuldet. Der Zoo baute sein eigenes Aquarium erst, nachdem 1910 das von Alfred Brehm eröffnete Berliner Aquarium Unter den Linden geschlossen hatte. Der Grund: Bauspekulation. „Eine Versicherungsgesellschaft hatte Aquariumsaktien aufgekauft, weil sie auf dessen Boden bauen wollte“, erzählt der Zoo-Historiker Harro Strehlow. Da man sich auf keinen Neubau einigte, kamen alle Tiere in die Zoos Leipzig und Frankfurt am Main. Berlins Zoochef Ludwig Heck ließ seinen Direktionsassistenten Oskar Heinroth ein eigenes Aquarium planen. Bauzeit: 22,5 Monate. Es wurde 53 Meter lang, 35 Meter breit und drei Stockwerke hoch, zeigte Wassertiere und Reptilien und Amphibien. „Die Dreiteilung haben wir bis heute beibehalten“, sagt Kaiser.
Mittelpunkt ist die Krokodilhalle. Ein Novum in der Geschichte zoologischer Gärten: „Erstmals konnten Besucher durch eine überdachte Freilufthalle gehen“, sagt Kaisers Chef, Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz, „die Halle ist einer meiner Lieblingsorte.“
Nach Schließungen während des Ersten Weltkriegs machte Heinroth das Haus ab 1923 zum artenreichsten Institut weltweit. Im Jahr 1939 waren es 746 Arten mit 8532 Individuen. Die Zahlen führt der Autor Goetz Kronburger in seinem Buch „Aquarium Berlin. Die schönsten Geschichten“ an.
Bombenschäden im Krieg
Heinroth leitete das Haus bis zum – vorläufigen – Ende. In der Nacht auf den 24. November 1943 schlug eine Bombe in die Krokodilhalle ein. Das Wasser rauschte aus den Eingängen, die meisten Tiere starben. Das Gebäude wurde zur Ruine und geschlossen. Heinroth starb am 31. Mai 1945. Seine Frau Katharina Heinroth übernahm die Leitung des Zoos, ihr nicht weniger legendärer Kollege Werner Schröder kümmerte sich um das Aquarium. Von 1952 über 1956 bis 1959 wurde Stockwerk für Stockwerk wieder aufgebaut und eröffnet. Schröder besorgte viele Tiere auf Reisen, brachte ein weißes Krokodil aus Miami im Handgepäck zurück. Schröder war pfiffig und diplomatisch, intelligent und ein Freund von Künstlern. Walt Disney wollte ihn als wissenschaftlichen Berater anstellen, Mick Jagger lud ihn nach einer spontanen Führung zu einem Rolling-Stones-Konzert in die Waldbühne ein.
1977 folgte Jürgen Lange als Aquariumschef, später wurde er Zoo-Direktor. „Es war nach 25 Jahren höchste Zeit für eine Sanierung.“ Lange erinnert sich lebhaft an seinen ersten Rundgang hinter den Kulissen. „Danach wollte ich meinen Vertrag rückgängig machen.“ Doch er blieb und holte Rainer Kaiser aus dem Zoo Stuttgart, der Wilhelma, nach Berlin zwecks Renovierung und Neubau. Das 1981 eröffnete Achteck im Osten des Altgebäudes beherbergt fünf große Landschaftsbecken für tropische Süß- und Seewassertiere plus Uferlandschaft und passender Vegetation. Kosten: 3,5 Millionen Euro.
Der Tierbestand veränderte sich. „Viele Meerestiere wie Haie, Quallen und Korallen konnte man früher nicht halten“, so Lange. Doch dann wurden neue Filter-, Strömungs- und Beleuchtungstechniken entwickelt. Die Tierpfleger um Marco Hasselmann in der Fischabteilung erfanden einen Quallenzylinder, Kaiser meldete ihn im Sommer 2012 als Patent an. „Wir haben so viele Anfragen von Ausstellungshäusern, Versicherungen und Banken, dass wir mit unserer Erfindung Geld verdienen können.“
Eine Schabe namens Thomas Große
Gewachsen sind seit Mitte der 80er-Jahre die Zuchtabteilungen – aus Neugier und Not. Viele Tiere sind gefährdet. „Wir haben uns auf die schwierige Zucht von Korallen, Korallenfischen und Quallen konzentriert“, sagt Lange. Er lobt heute noch die Mitarbeiter des Hauses wegen ihrer Hingabe. So wurde eine Schabe (Lucihormetica grossei) nach dem Aquariumsgärtner Thomas Große benannt. Er hatte sie 1997 in Venezuela entdeckt. Zu den Gewässern am Rand der Sahelzone publizierten Reviertierpfleger Marco Hasselmann und Quallenzüchter Daniel Strozynski jüngst in Fachzeitschriften. Hasselmann hat hinter den Kulissen Seepferdchen und Sepien nachgezüchtet, künftig widmet er sich mit universitärer Begleitung den afrikanischen Zitterwelsen. „Ich will mehr über die elektrischen Impulse herausfinden.“
Die letzte Sanierungsphase wurde vor einem Jahr abgeschlossen, dabei erhielt die Fassade wieder den ockerfarbenen Originalanstrich. „Wir stehen gut da“, kommentiert Blaszkiewitz. Neue Bauvorhaben gebe es keine, Pläne sehr wohl. „Uns fehlt ein großes Haibecken.“


