Beziehungsgeflechte

Berliner Wissenschaftler erforschen soziale Tiernetzwerke

Facebook und Twitter haben sie zwar nicht, aber Tiere netzwerken unablässig - Fruchtfliegen genauso wie Rothirsche.

Foto: Reto Klar

So wie sich die Rocklänge der Frauen ändert, so verbreiten sich auch die Moden bei Walgesängen. Und letztlich funktioniert die Bildung von Affen über ihren Buschfunk – ganz so wie im Telekolleg. Biologen entdecken immer mehr Beziehungsgeflechte im Tierreich.

Es ist eines der größten Rätsel der Biologie. Streng nach Darwin sollten Tiere auf ihren eigenen Vorteil bedacht sein. Nur: Das tun sie häufig nicht. Löwinnen jagen im Rudel, statt sich alleine satt zu fressen. Um Vogelhäuschen herum gruppieren sich gemischte Schwärme aus Kohlmeisen, Blaumeisen und Kleibern, die einander zuzwitschern, sobald es frische Körner gibt. Und Fische ziehen in riesigen Schwärmen durch die Meere, obwohl sie das Plankton dadurch teilen müssen. Fast alle Tiere lieben Gesellschaft, auch solche Arten, die nicht in Schwärmen leben. Sie kooperieren, statt zu konkurrieren. Die Frage aber ist: warum?

Die Individuen in Schwärmen, so nahm man lange an, sind alle gleich – quasi austauschbar. „Das stimmt nicht“, erklärt Tiernetzwerkforscher Jens Krause vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie in Berlin. Auf den ersten Blick sehen sich Fische im Schwarm zwar zum Verwechseln ähnlich, aber keine zwei Tiere sind gleich. Sie variieren in den Genen, dem Geschlecht, der Größe und dem Alter, aber vor allem im Verhalten. Es gibt vorsichtige Fische und wagemutige, Einzelgänger und Gesellige. Bei nahezu allen Spezies von Katzen über Mäuse bis zu Delfinen haben Biologen solche individuellen Unterschiede im Verhalten gefunden. Tiere haben Persönlichkeit, heißt es seither. Das wirkt sich auf die Gemeinschaft aus: „Die Charakterunterschiede begünstigen Kooperation“, erklärt Krause. „Sie sind typisch für Tiernetzwerke.“ Einzelgänger sondern sich ab, Kontaktfreudige bilden den Kern des Sozialgefüges. Die Wagemutigen spähen nach Feinden, und die Vorsichtigen profitieren davon. Weil Tiere verschieden sind, halten sie zusammen und bilden ein Netzwerk. Die Charakterunterschiede führen dazu, dass die Tiere unterschiedlich stark vernetzt sind. Nicht jeder kann mit jedem.

Seit vielen Jahren fliegen Jens Krause und sein britischer Kollege Darren Croft von der Universität Exeter auf die vor Südamerika gelegene Insel Trinidad, um dort das Netzwerk kleiner Süßwasserfische, der Guppys, zu entwirren. Jedes Tier markieren sie mit zwei farbigen Punkten auf dem Rücken und können so bis zu 200 Fische mit bloßem Auge auseinanderhalten. Tagelang stehen sie im kniehohen Wasser und beobachten die Tiere. „Deren Netzwerk ist unglaublich dicht“, sagt Croft. Als Grafik dargestellt, gleicht es einem undurchdringbaren Knäuel von Punkten, den Fischen, und schwarzen Verbindungslinien, den Kontakten zwischen den Tieren. Fast im Sekundentakt begegnen sie sich. Dennoch lässt sich ein Muster erkennen: Im Zentrum des Netzwerks stehen ausgewachsene Weibchen.

Charakter entscheidet

Sie schwimmen am häufigsten im Schwarm mit anderen Tieren und haben am meisten Kontakte. Die Damen sind dabei aber durchaus wählerisch. Sie suchen sich aus, mit wem sie umherziehen. Weder das Geschlecht noch die Verwandtschaft sind dabei von Belang, sondern der Charakter. „Rastlose Tiere schwimmen gern mit Rastlosen. Tiere, die immer auf der Futtersuche sind, bevorzugen ebensolche. Gesellige suchen sich wieder Gesellige“, sagt Krause. Kurzum: Gleich und gleich gesellt sich gern. „Diese Gruppenbildung ist die Basis für kooperatives Verhalten“, so Croft. Denn auch die gegensätzlichen Charaktere brauchen einander.

Im Labor stellten Krause und Croft den Mut der Guppys auf die Probe. Sie jagten ihnen mit einer Raubvogelattrappe einen Schreck ein und zeichneten auf, wie lange die Tiere in der Schreckstarre verharrten. Die Mutigen überwanden den Schock schnell, die Ängstlichen brauchten etliche Minuten. Dann stellte Krause vier kühne Fische, vier Ängstliche und ein gemischtes Quartett zu Teams zusammen. Diese traten sodann gegeneinander an: Zunächst erschreckten die Forscher sie mit dem Raubvogel, dann hängten sie eine Futterquelle ins Aquarium. Die Kühnen und das gemischte Team erstarrten nur kurz und machten sich früher als die Ängstlichen auf den Weg zum Futter. Stets schwamm ein ängstlicher Guppy direkt hinter einem Risikofreudigen. Die Vorsichtigen profitieren so, indem sie schneller an Futter kamen. Doch das gemischte Team fraß insgesamt mehr als die vier Waghalsigen. Diesen kam somit auch die Gesellschaft der Ängstlichen zugute. In freier Wildbahn finden sich in jedem Schwarm ohnehin beide Charaktere – zum Vorteil beider.

Das stellte Bernhard Völkl, Biologe an der Humboldt-Universität, auch bei Affen fest. Die Forscher untersuchen hier Fellpflegenetzwerke. Sie beobachten, wer wem den Pelz reinigt. Mit der Primatenforscherin Claudia Kasper von der Universität Straßburg wertete Völkl 81 Fellpflegegemeinschaften von 32 verschiedenen Primatenarten aus. Im Schnitt bilden sich Gruppen von neun Affen, die einander gegenseitig lausen. Aber die Struktur des Wer-pflegt-wen variierte innerhalb einer Art stark. Mal gab es einen Kern an Tieren, der besonders intensiv gepflegt wurde. Mal wurde allen in etwa die gleiche Aufmerksamkeit zuteil. Nah verwandte Gorillas und Schimpansen mit ähnlichem Erbgut können in puncto Fellkosmetik ganz unterschiedlich organisiert sein. Dagegen können bei weit entfernten Arten wie Makaken und Menschenaffen ähnlich zentralisierte Strukturen mit einem Pflegehäuptling auftreten. „Das Verhalten der Tiere und der Lebensraum sind viel wichtiger für das soziale Gefüge als die Gene.“

Alte Fragen neu beantwortet

Wer das Netzwerk einer Affenhorde kennt, kann alte Fragen neu beantworten. In den 40er-Jahren verteilten Forscher Süßkartoffeln am Strand der japanischen Insel Kojima, um Makaken aus dem Wald zu locken. Ein Weibchen begann, die Süßkartoffeln im Meer zu waschen. Mit Salzkruste schmeckte das Gemüse auch besser. Langsam verbreitete sich diese Zubereitungsmethode unter den Affen der Insel. „Das wurde lange als erstes Anzeichen von Kultur bei Primaten gesehen“, sagt Völkl. Doch einige Forscher wunderten sich, dass sich die neue Fertigkeit derart langsam durchsetzte. Völkl geht davon aus, dass die damalige Vorstellung zum Wissenstransfer unter Affen schlichtweg falsch war.

Mittlerweile weiß man, dass nicht ein Tier vom anderen lernt, sondern meist mehrere Tiere einen „Lehrer“ haben. „Öffentlichen Rundfunk“ nennt Völkl dieses Prinzip, das dafür sorgt, dass Informationen rasant die Runde machen. Demnach müsste sich aber die Kunde vom Kartoffelsalzen via Buschfunk sofort ausgebreitet haben. Doch Völkl nimmt an, dass der „öffentliche Rundfunk“ manchmal auf taube Ohren stößt. Denn nicht jeder Affe lernt bereitwillig von jedem Lehrer. Es gibt Ungleichgewichte im Informationsnetzwerk. „Das Salzen erfand ein junges Weibchen. Die alten Paschas wollten es deshalb nicht annehmen“, mutmaßt Völkl. Die Erfindung musste sehr lange „öffentlich ausgestrahlt“ werden, bis sie Anklang fand. „Indem Forscher heute beobachten, wann ein Affe eine neue Fertigkeit erwirbt, können sie mit mathematischen Methoden ableiten, wie das Wissen durch das Netzwerk der Tiere geflossen ist.“

Wie sich Informationen unter Walen ausbreiten, wüsste Hal Whitehead von der Dalhousie University im kanadischen Halifax nur zu gerne. Seit den 70er-Jahren segelt er auf den Weltmeeren und zeichnet mit Unterwassermikrofonen die Wal-Laute auf. Manche seiner Mitschnitte geben Rätsel auf: Blauwale singen im Süd- und im Nordpazifik jeweils andere Lieder. Aber jedes Jahr werden die Gesänge überall auf der Welt etwa eine Oktave tiefer, so Whitehead. „Wir wissen nicht warum“, sagt er. Einige vermuten, es liege am zunehmenden Meereslärm. Doch dann dürfte das Phänomen auch nicht in der vergleichsweise ruhigen Antarktis auftreten. Aber auch dort verändert sich die Stimmlage der Wale im globalen Trend. Whiteheads Theorie: „Es ist wie mit der Rocklänge der Frauen in der westlichen Kultur. Die Röcke sind im Laufe des vergangenen Jahrhunderts kürzer geworden.“ Er ist überzeugt, dass auch Wale eine Kultur haben und ihre Gesänge sich nach der Mode richten.