Nerds in Action

Berliner Szenetypen duellieren sich auf Hipster-Olympiade

Hornbrillen-Weitwurf und Jutebeutel-Sackhüpfen: Berlins Szenegänger haben sich bei einer Hipster-Olympiade miteinander gemessen.

„Zusammenklappen und dann mit viel Rotation ganz flach werfen!“ Mit diesen Worten nimmt Sebastian die Hornbrille und schleudert sie von sich. Mia, seine Bekannte, jubelt, als die Brille weit entfernt im Gebüsch landet. Ihre Augen sind mit blau, grün und silbern glitzernder Schminke umrandet, im Ausschnitt ihres T-Shirts klebt ein Sticker mit einem Schnurrbart und der Aufschrift „Hipster Olympiade“. Sebastian und Mia sind Mitglieder eines von zehn Teams, die auf der Freifläche des Postbahnhofs in Friedrichshain darum kämpfen, „Hipster 2012“ zu werden.

Hipster sind ein Phänomen, das in Berlin besonders ausgeprägt ist. Manche finden sie cool, andere wollen selbst einer sein oder hassen sie – nur um dadurch selbst wieder hip zu sein. Denn die Codes des typischen Hipsters scheinen längst zu einer Parodie seiner selbst verkommen zu sein. Jeder kann sich mit Jutebeutel samt lustig-ironischer Aufschrift (etwas wie „My other Bag is Chanel“), Röhrenjeans, Mütze, Hornbrille und Mate-Getränk in der Hand als Hipster verkleiden.

Schräger als schräg, ist die Devise

Die „offiziellen Hipster Disziplinen“ der Olympiade heißen daher auch Hornbrillen-Weitwurf (sechs, sieben Meter sind schon machbar), Skinny-Jeans-Tauziehen, Jutebeutel-Sackhüpfen oder Vinyl-Platten-Drehen. Der typische Hipster ist nämlich eher „retro“, kauft Secondhand-Klamotten, die er „Vintage“ nennt und gibt sich außerdem stets sehr ironisch. Mit Ironie muss er auf der Hipster-Olympiade dann selbst erst mal klarkommen. „Wir wollen diese ganzen Klischees ein bisschen überspitzen und auf den Arm nehmen“, sagt Alexander Bernikas, der die Olympiade mit seinem Bruder Christian veranstaltet. „Dazu pumpen wir alles ganz groß auf.“

Und so gibt es auch ein „Internationales Hipster Olympiade-Committee“, das zu Beginn der Veranstaltung eine Hornbrille für den Fernsehturm, einen Club-Mate-Springbrunnen am Rosenthaler Platz und mehr Jutebeutel-Garderobenhaken im Szene-Club Berghain fordert. Die wären auch am Postbahnhof nötig. Das Publikum der Hipster Olympiade trägt Jutebeutel in Massen. Sie sind beinahe überall, die Aufschriften gehen vom fast schon klassischen „George, Gina & deine Mudder“ über „Home is where Berghain is“ bis hin zu der, die einen mit dem „Bread and Butter“-Logo als Mode-Experten ausweist. Denn jeder Jute-Beutel soll etwas aussagen – so gibt es natürlich auch welche mit dem Hipster Olympiaden-Logo. „Damit zeigt man, dass man dieses Berliner Hipster-Ding eher ironisch sieht“, sagt Besucherin Clara, die sofort einen der Beutel gekauft hat. Auch sonst ist das Publikum im klassischen Hipster-Sinne gestylt, es gibt Neon-Turnschuhe, große Brillen, enge Hosen, Jeans- und Karo-Hemden.

Das Team um Teilnehmerin Svenja startet mit Prinzessinnenkrönchen und roten Lippen bei der Olympiade. „Privat bin ich auch mit Jutebeutel unterwegs“, sagt Svenja. „Irgendwie färbt das doch einfach ab. Wohnt man in Mitte, dann entscheidet man sich irgendwann unwillkürlich für den Jutebeutel und die Hornbrille – einfach, weil man es immer wieder auf der Straße sieht.“

Täglicher Wettkampf auf Berlins Straßen

Dabei wollen Hipster doch eigentlich etwas Besonderes sein, sich absetzen von allen anderen, die „mainstream“, also eher durchschnittlich sind. Anfangs war die Hornbrille oder das Fixie-Fahrrad, das man über die Kastanienallee schiebt, vielleicht noch ironischer Ausdruck der eigenen Einzigartigkeit – doch inzwischen ist es fast zum Wettbewerb geworden, möglichst individuell, anders und „verrückt“ aufzutreten. „Genau diesen täglichen Wettkampf auf den Straßen Berlins wollten wir mal in einen wirklichen Wettkampf überführen“, sagt Veranstalter Alexander Bernikas. Und deshalb steht heute eine Prinzessin mit roten Lippen und Fingernägeln zwischen dem Typen in Trainingsjacke und V-Ausschnitt-Shirt sowie dem Mädchen mit Neon-Schirmmütze und Jeansjacke – und wirft eine Hornbrille.

Sind sie nun alle Hipster – oder wollen sie den Typus mit ihrer Teilnahme lächerlich machen? „Wer sich Hipster nennt, ist ja keiner“, sagt Svenja aus dem Prinzessinnen-Team und nennt damit eine wichtige Hipster-Regel, „aber mir gefällt der Stil und auch, es mal zu überspitzen.“ Die Hipster, die an der Olympiade teilnehmen oder zuschauen, sie scheinen sich heute einfach mal selbst zu feiern, ironisch, selbstironisch und albern. Laut Wikipedia sind Hipster „Angehörige einer subkulturartigen gesellschaftlichen Gruppierung (…), die ihrem Szenebewusstsein bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber ignorant bis extravagant Ausdruck verleihen”.

Ignorant war keiner bei der Hipster-Olympiade. Vielmehr galt das Motto: „Froh, dabei zu sein.“ Das konnte man so auch lesen – auf einem Jutebeutel.

Abschluss bildet am Sonnabend ab 22 Uhr im Postbahnhof die Aftershow-Party. Die Veranstalter versprechen Berliner Musik-Labels, DJs und Live Acts - von Elektro über Rock/Indie bis hin zu 90er und HipHop.