Sie ist die Lobbyistin der Patienten. Seit acht Jahren ist Karin Stötzner Patientenbeauftragte in Berlin. Ihr Aufgabengebiet wurde gerade noch um den Bereich Pflege erweitert. Die 61-Jährige ist bestens vernetzt in der Gesundheitslandschaft – und beobachtet, wo Handlungsbedarf besteht. Morgenpost Online hat mit ihr gesprochen.
Morgenpost Online: In den vergangenen Wochen machten Nachrichten über Krankentransporte die Runde, mit denen gefährliche Keime von Klinik zu Klinik transportiert werden. Warum lässt sich das Problem der Krankenhauskeime nicht beherrschen?
Karin Stötzner: Das Beispiel mit der keimverseuchten Frühchenstation in Bremen zeigt, wie schwierig es ist, die Quelle zu finden. In Bremen hat das Wochen gedauert, und am Ende war es ausgerechnet der Desinfektionsmittelspender, über den die Keime verteilt wurden. Keime sind ein Riesenproblem. Und es ist vor allem ein Jammer, weil hier wieder die Geldfrage im Vordergrund steht. Wenn man einmal richtig Geld in die Hand nehmen würde, dann ließe sich das Problem eindämmen. Mit Strukturveränderungen, mit Einführung eines Monitorings und vor allem mit Maßnahmen in Altenheimen, aus denen immer wieder Keime mit ins Krankenhaus kommen. Und für alles braucht man mehr Pflegepersonal, damit Hygienemaßnahmen nicht dem Stress anheimfallen.
Morgenpost Online: Kann man sich schützen?
Karin Stötzner: Ich fürchte, die Krankenhäuser nehmen das Problem immer noch nicht ernst genug. Patientenverbände fordern immer wieder transparent zugängliche Daten darüber, welche Krankenhäuser welchen Status haben, mehr vergleichende Qualitätssicherung, damit ein öffentlicher Druck entsteht. Für die Betroffenen ist das Thema Keime oft ein richtiges Drama, wenn Menschen nicht an den Folgen der Erkrankung, sondern an den Infektionen sterben oder in der Anschlussbehandlung unendliche Schwierigkeiten haben.
Morgenpost Online: Sind die Patienten also ausgeliefert?
Karin Stötzner: Bis zu einem gewissen Grad: Ja. Es wäre gut, wenn Infektionen mit resistenten Keimen aus dem Krankenhaus als Behandlungsfehler anerkannt würden. Voraussetzung wäre ein Screening, mit dem sich nachweisen ließe, dass man unbelastet eingeliefert wurde. Dadurch würde der Druck auf die Institution verlagert, dafür Sorge zu tragen, dass es dabei auch bleibt. Wir brauchen Instrumente, die Kliniken zu drängen, mehr in das Thema zu investieren. Der Druck muss steigen.
Morgenpost Online: Sie sind seit 2004 Patientenbeauftragte Berlins. Was ist Ihr Eindruck vom Gesundheitssystem?
Karin Stötzner: Deutschland ist ein Land mit einer sehr guten, sehr hochwertigen und komplexen medizinischen Versorgung. Und die meisten Patienten sind zufrieden. Dennoch merke ich, wie die Ökonomisierung des Gesundheitssektors zugenommen hat. Bei sehr vielen Entscheidungen geht es vorrangig ums Geld, die Versorgungsbedürfnisse treten zu oft in den Hintergrund. Das beschreiben Patienten in ihren Anfragen an mich sehr nachdrücklich.
Morgenpost Online: Was hat sich verbessert?
Karin Stötzner: Die Stimme von Patienten wird mehr gehört. Mit der Patientenbeteiligung wurden Mitspracherechte geschaffen, das ist eine Verbesserung.
Morgenpost Online: Der Patient hat mehr Rechte, muss aber auch mehr selbst entscheiden. Dazu ist viel Information nötig. Welcher Kranke kann das leisten?
Karin Stötzner: Parallel zur Ökonomisierung des Gesundheitsmarktes werden die Patienten in der Tat auch stärker in die Rolle von autonom Handelnden gedrängt. Das ist ambivalent. Einerseits wollen sie gern ernst genommen werden. Sie wollen, dass Entscheidungen nach ihren Bedürfnissen mit ihnen gemeinsam gefällt werden – nach ausführlicher Abwägung und Erklärung. Andererseits werden viele Prozesse in die Hände des Patienten zurückgegeben, und der steht damit erst mal allein da.
Morgenpost Online: Was schlagen Sie vor?
Karin Stötzner: Wenn die behandelnden Ärzte diese Rolle nicht besser wahrnehmen, brauchen wir so etwas wie einen Patientencoach. Eine Instanz, die den Patienten bei den vielen Instanzen, bei den komplexen Entscheidungen, die ja auch viel mit sozialrechtlichen Regelungen zu tun haben, hilft.
Morgenpost Online: Gibt es nicht schon genügend Beratungsstellen in Berlin?
Karin Stötzner: Beratungsstellen gibt es. Aber das Beispiel der Unabhängigen Patientenberatungsstelle zeigt, dass die Nachfrage weit höher ist als das Angebot – dort sind die Telefone meist besetzt. Aber es geht nicht nur um Beratung. Gerade alte Leute, die überfordert sind mit Pflegeversicherung, ärztlicher Versorgung, ambulanter Reha oder Fahrdienst, brauchen keine Beratung, die brauchen Unterstützung. An der Art der Fragen, die ich gestellt bekomme, sehe ich da einen sehr großen Bedarf.
Morgenpost Online: Wie sieht der Service der Krankenhäuser dabei aus?
Karin Stötzner: Für das Entlassungsmanagement gibt es sogar einen gesetzlichen Auftrag an die Krankenhäuser. Sie sind verpflichtet, entsprechende Maßnahmen zu veranlassen. Aber die Sozialdienste der Krankenhäuser sind nicht ausgestattet dafür, sich um mehr als die nächsten paar Tage nach der Entlassung zu kümmern. Sie können dafür sorgen, dass der Patient seine Medikamente bekommt, aber alles, was darüber hinausgeht, wie etwa die Besorgung einer häuslichen Krankenpflege, das klappt oft nicht. Auf dem Gebiet haben wir viele Beschwerden, weil die Patienten von einer Stelle zur nächsten geschickt werden, hin und her zwischen Krankenhaus, Hausarzt und Kasse. Das ist nicht sauber geregelt.
Morgenpost Online: Die Bundesregierung hat ein neues Patientenrechtegesetz beschlossen. Laut Gesundheitsminister ermöglicht es Arzt-Patienten-Gespräche „auf Augenhöhe“. Hört sich das vor dem Hintergrund für Sie zynisch an?
Karin Stötzner: Das strukturelle Ungleichgewicht zwischen Arzt und Patient wird immer bleiben. Man hat als Patient einfach nicht das Fachwissen und sucht Rat. Krankheit und Schmerzen sind außerdem immer mit Angst verbunden. Aber dieses neue Gesetz bringt trotzdem Verbesserungen. Damit wird eine andere Aufklärungskultur eingefordert. Die behandelnden Ärzte werden verpflichtet, in einer verständlichen Sprache die Patienten aufzuklären. Für schwere Entscheidungen wird Bedenkzeit eingeräumt. Das Recht auf Zweitmeinung wird implementiert. Die Kopie der eigenen Patientenakte steht einem zu. Das wird nun erstmals in einem Gesetz zusammengefasst.




