Ein schwerer Gewittersturm über dem Norden Berlins hat in der Nacht zu Sonnabend massive Schäden angerichtet. Besonders der Reinickendorfer Stadtteil Tegel wurde regelrecht verwüstet. In einer Schneise von gut 250 Meter Breite wurden mehr als 100 Bäume umgeknickt und teilweise entwurzelt. Umstürzende Bäume begruben in den Wohngebieten mindestens 20 Autos. Mehrere Häuser wurden schwer beschädigt.
Der Berliner Feuerwehrsprecher Jens-Peter Wilke sprach von Schäden in Millionenhöhe. Es grenze an ein Wunder, dass niemand verletzt oder getötet worden sei. Auch deutschlandweit richteten Unwetter massive Schäden an. Eine Golferin, die in Hessen vom Blitz getroffen worden war, schwebte auch am Sonnabend in Lebensgefahr. Der Deutsche Wetterdienst warnte vor neuen Unwettern.
Das Gewitter war am späten Freitagabend von Spandau aus nach Osten über das nördliche Berlin gezogen. Die Leitstelle der Berliner Feuerwehr löste um 22.12 Uhr den Ausnahmezustand aus. Damit wurden auch sämtliche 58 freiwilligen Feuerwehren in Berlin alarmiert. Die gesamte Nacht hindurch waren Einsatzkräfte damit beschäftigt, umgerissene Bäume und große Äste auf Straßen und Wegen zu beseitigen.
Der von der brandenburgischen Prignitz kommende Sturm hatte in Tegel unter anderem drei Schornsteine vom Dach eines Wohnhauses an der Veitstraße geweht. „Die Trümmer durchschlugen das Dach des Hauses und krachten in die darunterliegenden Geschosse“, sagte Feuerwehrsprecher Wilke. Besonders viele Bäume wurden im Bereich des Brunowplatzes entwurzelt. Dort glichen die Straßen auch am Sonnabend noch einem Trümmerfeld.
In der Gorkistraße wurde das Dach eines mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshauses zerstört. Nach Angaben der Feuerwehr hatte der Sturm 600 Quadratmeter Dachfläche angehoben und weggerissen. Für insgesamt 28 Mieter mussten Notunterkünfte organisiert werden, weil das Haus wegen der Sturmschäden und losen Dachziegel nicht mehr bewohnbar ist. Sie kamen vorübergehend in einem nahen Hotel unter. In den Nachtstunden hatte die Feuerwehr insgesamt 120 Fahrzeuge im Einsatz, um Sturmschäden zu beseitigen. Außerdem musste aus etwa zehn Kellern Regenwasser abgepumpt werden.
S-Bahn-Verkehr unterbrochen
Die Aufräumarbeiten der Feuerwehr dauerten am Morgen an. So setzte die Feuerwehr in der Bucher Straße im Pankower Ortsteil Französisch-Buchholz schweres Gerät ein, weil gleich vier große Bäume nicht mehr standsicher waren und umzustürzen drohten. Ein in der Nähe stehender Baum war in der Nacht zuvor entwurzelt worden. Zwischen Schönholz und Waidmannslust musste der S-Bahn-Verkehr der Linie S1 wegen umgestürzter Bäume unterbrochen werden. Stattdessen fuhren mehrere Stunden lang nur Busse.
Auch deutschlandweit hinterließen Unwetter schwere Schäden. In Kiel hieß es „Land unter“. „Einige Straßen in Kiel stehen so tief unter Wasser, dass die Fahrzeuge nicht mehr durchfahren können“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Rund 300-mal mussten Einsatzkräfte ausrücken, um vollgelaufene Keller und überspülte Straßen abzupumpen. Im Universitätsklinikum liefen Aufzugsschächte und Labors voll, ebenso die Tiefgarage eines Hotels, in der zahlreiche Fahrzeuge standen.
Auf der Bahnstrecke Hamburg–Berlin wurden drei ICE-Züge auf der Fahrt nach Hamburg an Bahnhöfen gestoppt, nachdem Bäume auf die Oberleitungen gestürzt waren. Auch in Gegenrichtung hatte ein ICE in Schwarzenbek bei Hamburg warten müssen. 15 bis 20 Personenzüge seien von der fünfstündigen Streckensperrung betroffen gewesen, sagte ein Bahnsprecher. Die meisten Züge wurden umgeleitet. Die Strecke wurde am Sonnabendmorgen wieder freigegeben.
Das über große Teile Norddeutschlands ziehende Gewitter führte auch zu Einsätzen in Hamburg, Niedersachsen und anderen Gebieten Schleswig-Holsteins. Im Süden legte ein Blitzeinschlag in ein Stellwerk am Sonnabend den Bahnverkehr am Regensburger Hauptbahnhof eine halbe Stunde lang lahm.
Für eine 50 Jahre alte Frau, die am Freitag auf einem Golfplatz in Nordhessen von einem Blitz getroffen und lebensgefährlich verletzt wurde, bestand am Sonnabend nur wenig Hoffnung. „Die Frau wurde eine halbe Stunde reanimiert“, sagte ein Polizeisprecher in Korbach. „Sie war mehrere Minuten klinisch tot.“ Drei weitere Frauen waren bei dem Blitzeinschlag in einen Unterstand der Golfanlage sofort gestorben. Der Deutsche Wetterdienst warnte vor weiteren Unwettern. Besonders der Nordwesten Deutschlands könne betroffen sein.
BMO


