Dass in Berlin die Welt zu Gast ist, darf getrost als Gemeinplatz gelten. Einmal im Jahr aber lockt diese Binsenweisheit Hunderttausende nach Kreuzberg zu einem der größten und fröhlichsten Feste der Stadt. Zum 17. Mal zieht am Pfingstsonntag der Karneval der Kulturen vom Hermannplatz über die Hasenheide sowie Yorck- und Gneisenaustraße. 700.000 Besucher erwarten die Veranstalter von der Neuköllner Werkstatt der Kulturen in diesem Jahr. „Der Karneval der Kulturen ist die größte Veranstaltung, die in Berlin stattfindet“, sagte Werkstatt-Geschäftsführerin Philippa Ebéné. Die Organisatoren beklagen seit Jahren allerdings ein mangelndes finanzielles Engagement von Politik und Verwaltung.

Gefeiert wird bei dem Musik- und Kulturspektakel ab Freitag, dem 25. Mai. Vier Tage lang warten beim Straßenfest auf dem Blücherplatz 350 Stände mit Leckereien und Kunsthandwerk auf Festgäste. 62 Künstler zeigen auf dem „Rasen in Aktion“ ihr Können, 99 Bands vor allem aus der Bundeshauptstadt sorgen auf vier Bühnen für musikalische Untermalung. Auch beim Straßenumzug, der am Sonntag um 12.30 Uhr startet, sind mit 96 Gruppen und mehr als 5000 Teilnehmern wieder etwa so viele Akteure dabei wie in den vergangenen Jahren. 21 Gruppen laufen zum ersten Mal mit, darunter die Seniorentruppe „Venezial-Zündung“ hinter venezianischen Masken, kostümierte Nepalesen unter dem Motto „Gai-Jatra“ oder die Volkstänzer von „Lucky Bon Odori Japan“. Überhaupt ist der ferne Osten erstmals mit mehreren Ensembles dabei. Auch Kinder- und Jugendgruppen sind nicht nur beim Kinderkarneval vertreten, der bereits am Pfingstsonnabend um 13.30 Uhr mit einem Kostümumzug am Mariannenplatz beginnt und zwischen 15 und 19 Uhr mit dem Kinderfest im Görlitzer Park fortgesetzt wird. Beim Hauptumzug am Sonntag machen 25 Kinder und Jugendgruppen mit. Motorisiert treten 72 Ensembles auf, 31 Formationen gehören als Fußgruppen zur Karawane. Um den Preis für die Gesamtformation bewerben sich 65 Gruppen.

Stau und Verkehrsbehinderungen

Ebenfalls Tradition haben die Verkehrsbehinderungen rund um den Karneval. Erschwerend wirkt sich aus, dass der Verkehr der Linie U1 zwischen Möckernbrücke und Wittenbergplatz wegen Bauarbeiten unterbrochen ist. Bei der U1 sowie bei der U6 werden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Verstärkerzüge einsetzen beziehungsweise die Züge verlängern. „Wir appellieren an alle, nicht mit dem Fahrzeug zu kommen“, heißt es seitens der Polizei, die mit 400 Mitarbeitern im Einsatz sein wird. Erhöhte Alarmbereitschaft, unter anderem wegen der am 1. Mai aufgetauchten Rohrbomben, besteht laut den Sicherheitskräften aber nicht. „Es gibt keine Hinweise auf mögliche Anschläge“, so der zuständige Beamte der Polizeidirektion 5. Neu ist ein Verbot für die Mitnahme von Fahrrädern hinter die Absperrungen.

Kritik gibt es seitens der Veranstalter erneut an der Politik. 270.000 Euro erhielt der Karneval der Kulturen 2010 und 2011 aus dem Landeshaushalt. Die Mittel decken nur den geringeren Teil der Logistikkosten von insgesamt 750.000 Euro. Dem gegenüber stand in der Vergangenheit laut Berechnungen der Volkswirte bei der Investitionsbank Berlin (IBB) ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt durch das Spektakel von 53,2 Millionen Euro über fünf Jahre. 2011 hat demnach jeder in den Karneval investierte Euro das Fünffache an öffentlichen Einnahmen gebracht. Wegen der laufenden Haushaltsverhandlungen gibt es in diesem Jahr bisher aber kein Signal vom Land über die Förderung für 2012, beklagte Karnevals-Organisatorin Nadja Mau. Auch die Verwaltungen wollen die Organisatoren in die Pflicht nehmen. Sie könnten mit Übernachtungsplätzen für Gäste in Turnhallen oder mit Probenräumen helfen. Gefordert wird seit Jahren außerdem ein Fonds, bestückt von Politik und Wirtschaft, mit 60.000 bis 90.0000 Euro.

Bis zu 9000 Euro Kosten

Daraus könnten Aufwendungen der Gruppen teilweise finanziert werden. „2000 bis 9000 Euro muss jede Gruppe aufbringen, um teilzunehmen“, sagte Mau. Kosten entstehen für Kostüme und Wagen, Transporte und Proberäume. Dass es immer schwieriger wird, Sponsoren zu gewinnen, kann Hidemburo Hipolito de Oliveira bestätigen. Der Brasilianer gründete vor 15 Jahren die Gruppe „Boi Da Caipora Doida“. „Sonst hatte ich drei Monate vor dem Umzug Sponsoren“, so Hipolito de Oliveira. „Dieses Jahr gibt es zwei Wochen vorher noch niemanden.“