Die Berliner Straßen werden für Fußgänger und Fahrradfahrer immer gefährlicher – das geht aus der jüngsten Verkehrsunfallstatistik hervor. Danach starben im vergangenen Jahr 40 Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs waren. Insgesamt verunglückten 2011 in Berlin 54 Personen tödlich. Das ist die höchste Zahl seit 2008.
Verkehrsexperte Mario Schwarz von der Kfz-Sachverständigenorganisation Dekra rief alle Verkehrsteilnehmer zu gegenseitiger Rücksichtnahme auf. Gleichzeitig kritisierte er die mobilen Blitzanlagen der Polizei als „fotoproduzierende Gelddruckmaschinen“.
Statistisch stirbt in der Hauptstadt fast jede Woche ein Mensch im Straßenverkehr. „Berlin ist ein gefährliches Pflaster, auch im Vergleich zu anderen Ballungsgebieten“, sagte Schwarz bei der Vorstellung des Verkehrssicherheitsreports 2012. Im Jahr 2010 hatte die Zahl der Verkehrstoten noch 44 betragen.
Die Zahl der verunglückten Radfahrer und Fußgänger lag 2010 noch bei 30. Die Steigerung um knapp 20 Prozent nannte Schwarz „eine unerfreuliche Entwicklung“. Die sogenannten schwächeren Verkehrsteilnehmer machen somit in Berlin fast zwei Drittel der Verkehrstoten aus.
Auch im neuen Jahr setzt sich der Negativtrend fort: Mit den beiden am Montag am Virchow-Klinikum von einem Taxifahrer getöteten Rentnern sind seit Jahresbeginn in Berlin bereits zehn Menschen ums Leben gekommen. Nach Polizeiangaben waren darunter allein neun Fußgänger.
Auch bundesweit steigt die Zahl der Verkehrstoten
Allerdings gibt es bundesweit die gleiche Entwicklung wie in der Hauptstadt. Danach sind laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr erstmals nach 20 Jahren wieder mehr Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen. 3991 Menschen starben 2011 auf deutschen Straßen, das sind 343 oder 9,4 Prozent mehr Getötete als im Jahr 2010. Man forsche noch nach den Ursachen für den Anstieg.
Ein Faktor, sagte Schwarz, seien die Wetterbedingungen 2011. Ein stabiles Frühjahr und ein schöner Herbst hätten insgesamt zu einer relativ langen Zeit mit trockenen Fahrbahnen geführt. Damit seien mehr Menschen auf den Straßen unterwegs gewesen, die auch schneller gefahren seien. Das erhöhe die Unfallgefahr.
Alle Menschen müssten ihr Verhalten auf der Straße überdenken – etwa durch ein verstärktes Risikobewusstsein sowie die Beachtung von Vorschriften und Sicherheitsstandards, sagte Schwarz. Viele Unfälle ließen sich so vermeiden.
Dekra: Mehr Verkehrsfrüherziehung, keine Helmpflicht
Die Dekra fordert, vor allem die Verkehrsfrüherziehung für Kinder und die Ausbildung für Fahranfänger zu verbessern. Aber auch mehr Verkehrskontrollen könnten Abhilfe schaffen, sagte der Verkehrsexperte. Dabei kritisierte er die mobilen Blitzanlagen der Polizei. „Fotoproduzierende Gelddruckmaschinen an die Straßen zu stellen ist keine Steigerung der Verkehrssicherheit“, so Schwarz weiter. In vielen Fällen werde dort geblitzt, wo das meiste Geld zu verdienen sei.
Die Dekra fordert stattdessen, besondere Unfallschwerpunkte wie die Kreuzung Leipziger Straße und Wilhelmstraße ins Visier zu nehmen und dort Geschwindigkeitsübertretungen oder Rotlichtverstöße zu ahnden.
Das ist indes problematisch: Wegen Einsparungen fehlten immer mehr Polizisten auf der Straße, kritisierte Klaus Eisenreich von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Zudem beklagte er das allgemein schlechte Verhalten von Berlinern auf der Straße. „Radfahrer und Fußgänger sind da keine Ausnahme.“
Einer Helmpflicht für Fahrradfahrer erteilte die Dekra eine Absage. Erfahrungen aus Ländern mit Pflicht hätten gezeigt, dass die Unfallzahlen nach der Einführung sogar noch gestiegen seien. „Wir schaffen damit eine falsche Sicherheit, die Rücksicht der Autofahrer nimmt ab“, sagte Schwarz. Trotzdem solle die Helmtragequote erhöht werden. Die Industrie sei gefordert, den Fahrradfahrern „formschöne Helme“ anzubieten. „Immer mehr Radfahrer tragen Skihelme, weil sie die schöner finden und sich wohler fühlen“, sagte der Verkehrsexperte.





