Berliner Kältemobil

Artur Darga rettet Obdachlose vor der Kälte

Gerade bei den derzeitigen Temperaturen leistet die Berliner Stadtmission große Hilfe. Mit dem Kältebus holt Fahrer Artur Darga Obdachlose von der Straße. Morgenpost Online hat ihn auf einer seiner Nachtschichten begleitet.

Foto: Sven Lambert

Artur Darga lässt Zucker aus einer Ein-Kilogramm-Tüte in die Thermoskanne rieseln. Die Menschen, die heute Nacht von dem Kaffee trinken, sagt der 48 Jahre alte Sozialarbeiter, brauchen den starken Geschmack: Nikotin, Alkohol, Drogen und die Kälte betäuben den Geschmackssinn.

„Ich heiße Artur“, sagt der wuchtige Mann, der seine langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, „bitte duz mich doch“. Er wirft sich die schwarze Winterjacke über das breite Kreuz, als sein Handy klingelt: „Artur hier, Kältemission der Stadtmission. Wer da?“

Seit drei Jahren steuert der Pole fünf Mal in der Woche den Kältebus der Obdachlosenhilfe über Berlins Straßen. Er versorgt Menschen im Freien mit warmen Getränken und Schlafsäcken, bringt sie in die Notunterkünfte. Etwa in die Stadtmission am Hauptbahnhof, dort, wo der 48 Jahre alte Kältebus-Fahrer jeden Abend seine Tour beginnt.

21.08 Uhr In dieser Nacht hat der Sozialarbeiter geistliche Unterstützung: Die neue Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin, die Pfarrerin Ulrike Trautwein, hilft als Beifahrerin. Artur reicht die Thermoskanne an Trautwein: „Ulrike, du verteilst nachher den Kaffee, das machst du nach Gefühl“, sagt er und verstaut ein Dutzend Plastikbecher in seinem Bastkorb. Darin befindet sich alles, was Artur für seine Tour braucht: Die zwei silbernen Thermoskannen, zehn 40-Gramm-Tafeln Vollmilchnuss-Schokolade, ein Dutzend Packungen Taschentücher.

Handy-Klingeln im Minutentakt

Was Artur eigentlich nicht braucht, wie er sagt, sind die zwei Reporter, die ihn heute begleiten: einer vom Radio, einer von der Zeitung. „Du willst hinten sitzen?“, fragt Artur lachend und zieht die Schiebetür des blauen Mercedes-Sprinters auf. „Na dann, viel Spaß!“ Warum? „Das werdet ihr schon sehen…“

21.40 Uhr Das alte Nokia-Handy, auf dem Passanten den Kältebus alarmieren, klingelt im Minuten-Takt. An den Fenstern des Sprinters fließen die beleuchteten Prachtbauten und schicken Hotels der Hauptstadt vorbei. Artur hält am U-Bahnhof Nollendorfplatz. Dort wartet Dirk (47, im Wedding geboren, war sieben Jahre clean, spritzt jetzt wieder, Hausverbot bei Kaisers). Da er nicht mehr richtig laufen kann, sammelt ihn Artur ein, um in die Stadtmission zu fahren. Wer auf der Hinterbank neben Dirk sitzt, der riecht das Leben auf der Straße. Dirks Bierdose kippt um, eine Lache fließt über den Boden. „Für 48 Jahre haben Sie sich aber gut gehalten“, sagt Ulrike Trautwein zu dem Obdachlosen. Dirk antwortet: „In der Nacht sind alle Katzen grau.“

23:10 Uhr Artur sitzt am Steuer und spricht in das Mikrofon, das ihm die Radio-Reporterin hinhält: „Musik ist sehr wichtig im Auto. Sie verhindert Streitereien, wenn es voll ist.“ Musik übertöne die eigenen Gedanken und beruhigt. Und voll wird es schnell, zumal bei minus 14 Grad. Rund 30 Personen steuere er in einer Schicht an, die bis 3 Uhr morgens geht. Nicht alle wollen mit, Artur respektiert die Menschen und will nicht für sie entscheiden. Ob er es schon geschafft habe, einige Obdachlose langfristig von der Straße zu holen? „Ja“, brummt Artur. Einige kennt er persönlich, mehr will er darüber nicht sagen. Noch nicht.

23:53 Uhr Der Kältebus hält an einem Brückenbogen in Tempelhof. Eine Anruferin sagte, hier soll eine alte Frau wohnen. Artur atmet Kältewolken in die Nacht, der Lichtkegel seiner Taschenlampe tastet durch die Dunkelheit. Keine Frau. Das gehört dazu, sagt Artur.

00:48 Uhr Die Stadt ist leerer geworden. Artur fährt durch die Kurfürstenstraße. Einige der Prostituierten am Bürgersteig winken ihm zu.

Der letzte Schuss

Wie ist seine Geschichte? „Am vierten November 2002 um 15 Uhr habe ich mir den letzten Schuss gesetzt“, sagt der 48-Jährige. Nach drei Jahren auf der Straße, und 21 Jahren Abhängigkeit vom Heroin, war das der Wendepunkt in seinem Leben. In der Kurfürstenstraße hat ihm damals ebenfalls ein Sozialarbeiter geholfen. „Ich will nicht die Geschichte lesen: Ex-Drogenabhängiger hilft, um etwas zurückzuzahlen“, sagt Artur. Als er noch drogenabhängig war, half ihm zwar auch der Kältebus. Er erinnere sich daran jedoch nur noch silhouettenhaft. Im Gedächtnis geblieben sind die Gesichter. „Manche Leute, die ich heute mit dem Bus einsammle, kenne ich noch aus meiner Zeit auf der Straße.“

01:35 Uhr Unter einer Rampe, die auf ein Parkdeck führt, sitzt Herbert. Er hat sich in mehrere Decken gehüllt, vor ihm tanzt das Licht einer Kerze. Wie eine Mauer hat er ein paar Dutzend gefüllter Tüten um sich gelegt. Dies ist ein Kontrollbesuch, den Artur regelmäßig macht. Er bringt Kaffee, Tee, einen neuen Schlafsack. Herbert, erzählt Artur, sei 30 Jahre im Gefängnis gewesen. Wegen Totschlags. „Manchmal spricht er auch von sieben Jahren, das wechsle ständig“, sagt Artur. Die Leute klammern sich an ihre Geschichten, die zur Realität werden. Da kommt es nicht auf Nuancen an.

02:20 Uhr Bernd steht vor der Bar „Hexe“ in Friedrichshain. Ein Bekannter von ihm hat den Kältebus gerufen. „Er hat ADHS und ist stark alkoholisiert“, sagt der Anrufer. Auf der Rückbank flucht er, bedankt er sich, flucht wieder, bedankt sich. Bernd haut mit dem Kopf gegen die Lehne. Artur geht auf ihn ein, dreht die Musik lauter. Bernd beruhigt sich. Arturs Handy klingelt. „Ich hab echt Respekt, ihr helft mir echt“, sagt Bernd alkoholisiert. Ein Lächeln zuckt über das Gesicht von Artur. Er weiß, dass das, was Bernd da sagt, auch so gemeint ist.

So helfen Sie Obdachlosen

Aktion Der Verein „Berliner helfen“ der Berliner Morgenpost und der Radiosender 104.6 RTL (Hörer helfen) bitten um Spenden für Obdachlose. Gesucht werden von der Stadtmission vor allem Kaffee, Marmelade, H-Milch und Zucker sowie Aufschnitt und Käse für die Verpflegung der Menschen. Berlinweit werden warme Socken, Mützen, Handschuhe, Schals und Unterwäsche benötigt. Speziell in der Bahnhofsmission werden Rucksäcke sowie warme Winterschuhe ab Größe47 gebraucht.

Adressen Die Sachen können von Montag bis Freitag, 8 bis 16 Uhr, in der Berliner Stadtmission, Lehrter Straße 68 in Mitte, abgegeben werden. Auch zu 104.6 RTL können Spenden gebracht werden: Kurfürstendamm 207–208 in Charlottenburg, Montag bis Freitag, 8 bis 19 Uhr, Sonnabend, 9–14 Uhr. Dort werden gern entgegengenommen: Kaffee, warme Socken und Unterwäsche, Mützen, Schals und Handschuhe für Männer, Rucksäcke, Schlafsäcke, Winterschuhe ab Größe 47.

Spenden Berliner helfen e.V. Spendenkonto 55, Stichwort: Kältehilfe, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00