Bitterkalt ist es, aber das merken viele gar nicht. Die meisten der mehr als 500 Menschen am Donnerstagabend auf dem Marktplatz in Berlin-Friedrichshagen schäumen vor Wut. Sie fühlen sich von der Politik verschaukelt, verraten und verkauft. Es ist nur wenige Stunden her, da ist es Gewissheit geworden: Ab dem Sommer werden im Minutentakt Düsenjets von Schönefeld kommend über den Müggelsee donnern .„Und das in nur 1000 Meter Höhe. Das ist eine Kriegserklärung“, sagt eine Bürgerin. „Ab heute hat der Kampf begonnen“, pflichtet ihr Tobias Apelt von der Friedrichshagener Bürgerinitiative (FBI) bei.

„Die Politik hat sich zum Zuhälter der Airlines gemacht“, setzt er nach und erntet Zustimmung. So sehen dies die meisten der mehr als 500 Menschen, die sich zu einer Spontandemo nach der Entscheidung des Bundesamts für Flugsicherung am Donnerstagvormittag am Abend auf dem Friedrichshagener Marktplatz versammelt haben. „Man hat uns den Fehdehandschuh hingeworfen, und wir nehmen ihn auf“, erklärte FBI-Sprecher Ralf Müller. „Wowereit raus!“ brüllen die Bürger, pfeifen auf Trillerpfeifen und halten Plakate wie „Überflug tut selten gut!“ in die Höhe.

„Wowereit, Platzeck, und wie sie alle heißen, sind Lügner“, ruft eine aufgeregte Frau. Sie habe seit dem Sommer Magenschmerzen und könne nicht mehr richtig schlafen, so wütend und frustriert sei sie. Grund hierfür ist ein Mietshaus in Friedrichshagen. Das habe sie sich zusammen mit ihrem Mann erst vor rund anderthalb Jahren zugelegt. „Das sollte unsere Altersvorsorge sein.“ Den letzten Cent hätten sie für den Kauf lockergemacht. Sie fühlt sich betrogen. „Wir hätten niemals gekauft, wenn wir das mit den Flugrouten über den Müggelsee gewusst hätten.“ Nun hätten auch schon erste Mieter angekündigt, ausziehen zu wollen. „Das ist eine Katastrophe“, ruft sie.

„Die Region kocht“, erzählt Müller. „Wir sind kein isländischer Vulkan, der den Flugverkehr wochenlang stilllegen kann, aber die Region brodelt.“ Die Friedrichshagener setzen auf Protest pur. „Uns werden die nicht mehr los“, kündigt er an. Denn Gesetze scheinen nichts mehr zu gelten. „Wenn ein Naherholungsgebiet überflogen werden soll, dann muss man doch erwarten können, dass es Umweltverträglichkeitsprüfungen gibt. Aber nichts da“, sagt Müller. „Das ist grob fahrlässig. Schon morgen werden unsere Anwälte eine EU-Beschwerde vorbereiten und nach Brüssel schicken.“

Müller verspricht sich hiervon eine Menge. „Wir werden den Start des BER zwar nicht verhindern können, aber später vielleicht doch stilllegen wie der Vulkan“, setzt der FBI-Sprecher nach.

Dennoch forderte er Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf, die Situation am Müggelsee zu befrieden und sich den Menschen zu stellen. „Bisher ist Wowereit Teil des Problems am Müggelsee und nicht die Lösung“, betont er.

dpa/bee