Der erste Patient ist schon am Mittwoch in die Sprechstunde von Professor Karl-Christian Bergmann gekommen. Diagnose: Heuschnupfen. „Das ist sehr ungewöhnlich“, sagt der Charité-Arzt, der gleichzeitig Leiter des Polleninformationsdienstes in Deutschland ist. Wegen der hohen Temperaturen hat die Pollensaison in Deutschland sehr früh begonnen. Bereits Ende Dezember wurden Hasel- und Erlenpollen gesichtet, teilte die Europäische Stiftung für Allergieforschung (Ecarf) mit.

Auch Bergmann hat einige Haselnusspollen in der Falle der Charité gefangen. „Sonst beginnt der Pollenflug erst Ende Januar“, sagt Bergmann, der davon ausgeht, dass der frühe Pollenflug auch ein Indiz dafür ist, dass die Pollenbelastung erst sehr spät in diesem Jahr endet. Eine Beobachtung, die der Mediziner schon seit Längerem macht: „Die letzten Kräuterpollen messen wir noch im November.“

Bergmann erwartet außerdem, dass die Birkenpollen in diesem Jahr verstärkt fliegen werden. Das sagen auch die Experten von der Ecarf voraus. „Die haben einen zweijährigen Rhythmus, wie Apfelbäume“, erklärt er die sogenannten Mastjahre. Zuletzt war im Jahr 2010 die Birkenpollenkonzentration besonders hoch.

Birke im März

„Die Birke blüht aber erst Ende März“, sagt Sandra Kannabei. Als Diplom-Geografin an der Freien Universität beobachtet Kannabei die Pollenkonzentration. Betroffenen empfiehlt sie, sich rechtzeitig Antihistaminika zu besorgen, die die Beschwerden innerhalb von zehn Minuten lindern können. Darüber hinaus sollten Pollenallergiker blühende Sträucher meiden, vor dem Schlafengehen Haare waschen, ihre Kleidung wechseln, wenn sie ihre Wohnung betreten, und nur nachts oder direkt nach dem Regen die Zimmer lüften.

Aus medizinischer Sicht sei es wichtig, herauszufinden, welche Pollen den Betroffenen belasten, sagt Professor Bergmann. Dazu müsse man sich einem Test unterziehen, bei dem verschiedene Stoffe unter die Haut gespritzt werden. „Anschließend kann der Patient zusammen mit seinem Arzt entscheiden, ob sich eine Immuntherapie lohnt.“ Hierbei bekommt der Patient das Allergen verabreicht, um den Körper unempfindlicher gegenüber dem Allergieauslöser zu machen.

Bergmann schätzt, dass in Deutschland jeder Sechste unter Heuschnupfen leidet. Anderen Schätzungen zufolge ist es gar jeder Vierte, was hieße, dass hierzulande 20 Millionen Menschen betroffen wären.

Die Sprechstunde von Professor Bergmann wird in den kommenden Wochen wohl eher voller werden. Bleiben die hohen Plusgrade, sei zu erwarten, dass die jetzt noch geringe Konzentration der Hasel- und Erlenpollen in der Luft weiter steigt, sagt seine FU-Kollegin Kannabei: „Die Beschwerden werden zunehmen, aber sollte es gleichzeitig viel regnen, wird das wieder aus der Luft gewaschen.“

jük