Abschied

Dach der Deutschlandhalle in Berlin gesprengt

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Mit einer Staubwolke endete ein besonderes Kapitel in der Geschichte Berlins. Große Sportveranstaltungen, legendäre Konzerte, Europas größte Zirkusshow und historische Momente machten Deutschlands größte Mehrzweckhalle zu einem Ort von bundesweiter und manchmal auch weltweiter Bedeutung. Jetzt wurde das 6000 Quadratmeter große Dach gesprengt.

Mit einem gewaltigen Knall und 40 Kilogramm Dynamit ist am Samstagmorgen das Dach der Berliner Deutschlandhalle gesprengt worden. Das 6.000 Quadratmeter große Laternendach stürzte innerhalb weniger Sekunden ein. Damit hat die Messegesellschaft den ersten großen Schritt zum Abriss der geschichtsträchtigen Veranstaltungshalle getan. In der Deutschlandhalle spielten Bands wie die Rolling Stones und Queen.

Eine Staubwolke erhob sich über dem Stadtteil Charlottenburg, verzog sich aber schnell, wie ein Messesprecher sagte. Nur wenige Minuten nach der Sprengung wurde der 200-Meter-Sperrkreis aufgehoben und die Autobahn A 115 (Avus) freigegeben. Schaulustige versuchten, einen Blick auf die Ruine zu erhaschen. Die Wände der Halle werden in den nächsten Wochen abgerissen.

Vor ziemlich genau 76 Jahren, am 29. November 1935, wurde die Deutschlandhalle nach neun Monaten Bauzeit eingeweiht. Seitdem kamen fast 29 Millionen Besucher zu insgesamt 7.200 Veranstaltungen in das Gebäude auf dem Messegelände. Mit einem Rad-Mannschaftsrennen feierte die Halle am 7. Dezember 1935 ihre Sportpremiere. Kein Jahr später blickte die ganze Welt auf die Berliner Halle, als dort im August 1936 die Endkämpfe des Olympischen Boxturniers ausgetragen wurden.

Besonders eng mit der Erfolgsgeschichte der Deutschlandhalle ist die Show „Menschen – Tiere – Sensationen“ verknüpft, die zum ersten Mal am 17. April 1937 in die Manege lud. Seitdem wurde Europas größte Zirkusshow insgesamt 48-mal in der Deutschlandhalle aufgeführt. Die rund 4000 Artisten und 1.700 Tiere, die im Laufe der Jahre in der Manege auftraten, wurden von 4,8 Millionen Besuchern beklatscht.

Bomben zerstören die Halle im Weltkrieg

n den 40-er Jahren überschatteten tragische Ereignisse die Historie der Halle. So stürzte im Januar 1940 die junge Artistin Camilla Mayer von einem 20 Meter hohen Mast in den Tod. Eine weitere schwarze Stunde folgte am Abend des 16. Januar 1943: Mitten in einer Vorstellung von „Menschen – Tiere – Sensationen“ wurde Fliegeralarm ausgelöst und Brandbomben schlugen in das Dach ein. Glücklicherweise gelang es Zuschauern, Artisten und Tieren, sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Später wurde das Gebäude von Sprengbomben getroffen, die das Gebäude in Schutt und Asche legten. Rund 14 Jahre lang blieb der riesige Trümmerhaufen liegen. Zwar beschloss der Senat von Groß-Berlin schon im November 1949 den Wiederaufbau, doch die eigentlichen Aufräumarbeiten begannen erst 1956. Am 19. Oktober 1957 wurde die Deutschlandhalle dann zum zweiten Mal eröffnet.

Wieder wurden Sportveranstaltungen, wie das Sechstagerennen, ausgetragen und Shows aufgeführt. Einen historischen Moment erlebte die Deutschlandhalle am 25. August 1967. An diesem Tag drückte der damalige Vizekanzler Willy Brandt in der Halle den legendären roten Knopf, durch den die erste Farbübertragung im deutschen Fernsehen gestartet wurde.

Mit verbesserter Akustik kommen auch Popstars

Nachdem sich 1973 die Akustik durch eine neue Deckenkonstruktion erheblich verbessert hatte, wurde die Deutschlandhalle auch bei berühmten Musikern zu einem beliebten Ort für Konzerte. So gaben sich in den 70-er Jahren unter anderem die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan und das New York Philharmonic Orchestra mit dem legendären Leonard Bernstein die Ehre.

Auch Rock- und Pop-Legenden wie Jimi Hendrix, die Rolling Stones und Tina Turner füllten die Mehrzweckhalle. Bei den Stones wollten viele Fans gar ohne Karte in die Deutschlandhalle, was zu handfesten Auseinandersetzungen mit der Polizei führte. Für gute Stimmung sorgten auch Udo Lindenberg, Liza Minelli, Johnny Cash und David Bowie.

Einen weiteren historischen Moment erlebte die Halle drei Tage nach dem Mauerfall. Im November 1989 kamen mehr als 50.000 Menschen zum „Konzert für Berlin“, das weit mehr als eine Kulturveranstaltung war. Nach der Wende erlebte die Deutschlandhalle eine neue Blüte. Dennoch beschloss der Berliner Senat 1996, die Halle zu schließen. Den Schlusspunkt setzten die Artisten von „Menschen – Tiere - Sensationen“. Am Silvestertag 1997 wurde die Deutschlandhalle geschlossen.

Nach dem Abriss der alten Halle soll auf dem Gelände bis Ende 2013 eine deutlich größere Kongresshalle entstehen

( dpa/dapd/nbo )