Am Donnerstag hat die Berliner Polizei die Geschäftsräume der Agentur Easy Abi GmbH und drei Wohnungen durchsucht. Bei der Razzia konnten Beamte des Landeskriminalamtes umfangreiches Beweismaterial sicherstellen, das jetzt ausgewertet werden muss. Außerdem wurden mehrere Konten gesperrt und Bargeld beschlagnahmt. Die Ermittlungen wegen Leistungsbetrugs werden gegen drei Beschuldigte geführt. Inzwischen liegen den Ermittlungsbehörden mehr als 40 Anzeigen vor. Mehr als tausend Schüler wurden nach Angaben der Polizei betrogen. Easy Abi hatte für die Ausrichtung von Abi-Feiern von den Schülern Geld kassiert, dieses jedoch anschließend nicht an die Betreiber der ausgewählten Veranstaltungsorte weitergeleitet.
Mehr als 20 Fahnder starteten um 10.30 Uhr zeitgleich die Durchsuchungen. Neben dem Firmensitz an der Schlesischen Straße 28 in Kreuzberg vollstreckten die Beamten auch für die Wohnungen der mutmaßlichen Betrüger in Tempelhof, Köpenick und Wilmersdorf Durchsuchungsbeschlüsse der Berliner Staatsanwaltschaft. „Alle drei Beschuldigten wurden dabei angetroffen. Die Kollegen konnten während der fünfstündigen Aktion zahlreiche Aktenordner, Unterlagen, sechs Computer sowie einen nennenswerten Geldbetrag in Bar beschlagnahmen, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Zusammen mit den Mitteln der gleichzeitig eingefrorenen Bankkonten sei den Beschuldigten laut Staatsanwaltschaft so insgesamt ein Betrag von 360.000 Euro entzogen worden.
Nach Informationen dieser Zeitung richten sich die Betrugsvorwürfe gegen aktuelle oder ehemalige Geschäftsführer bei der Eventagentur Easy Abi waren. Unterdessen sind jetzt auch in Hamburg ähnliche Betrugsfälle bekannt geworden. Die Schülerin eines Gymnasiums im Stadtteil Eidelstedt hatte Anzeige gegen einen Hamburger Partyveranstalter erstattet. Er soll 12000 Euro für eine Abschlussfeier kassiert haben, die Ende Juni stattfinden sollte. „Der Beschuldigte hat die Feier aber weder ausgerichtet noch das Geld zurückgezahlt“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Donnerstag. Auch eine Handelsschule in St. Georg sei betroffen. Die dort betroffenen Schüler erstatteten nach Morgenpost-Informationen jedoch Anzeige, bevor sie das Geld überwiesen hatten. Der Hamburger Veranstalter firmiert unter dem Namen Abi-Stars. Der Beschuldigte André H. soll jedoch bis Herbst 2010 seine Geschäfte unter dem Namen Easy Abi Hamburg geführt haben. André H. war nach Morgenpost-Informationen damals angezeigt worden, nachdem er im Sommer 2010 elf Abi-Bälle in der Messehalle Hamburg-Schnelsen ausrichten wollte, in sieben Fällen jedoch nicht bezahlte. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt seit September gegen H. und will jetzt prüfen, ob Verbindungen zu der beschuldigten Berliner Agentur Easy Abi bestehen oder bestanden haben.
Schüler versuchen Sponsoren zu finden
Während die Polizei intensiv ermittelt, versuchen die Schüler stadtweit Sponsoren zu aktivieren, um nicht auf ein glamouröses Fest verzichten zu müssen. Fast niemand möchte eine schlichte Alternativ-Lösung. „Die Schüler, vor allem die Mädchen, wollen ihren Traumball im Festsaal nicht aufgeben“, sagt Paul Müller vom Festkomitee der Sartre-Schule in Marzahn-Hellersdorf. In letzter Minute hat sich der Jahrgang am Mittwochabend deshalb entschieden, den Abi-Ball doch wie ursprünglich geplant am heutigen Freitag im Hotel Maritim stattfinden zu lassen, obwohl für viele Schüler auch der abgespeckte Preis von 36 Euro pro Karte zu hoch ist. Schließlich haben sie ja schon einmal für einen Ball bezahlt und brauchen für sich und ihre Eltern mindestens drei Karten. Ein Sponsor hat bereits die Teilnahme von drei Schülern aus einkommensschwachen Familien gesichert.
Am Donnerstagabend wollten die Schüler deshalb mit der Sammelbüchse auf der Warschauer Brücke unter jungen Leuten um Spenden bitten. „Wir glauben, Jugendliche müssten am meisten Verständnis haben“, sagt Paul Müller. Schüler des Dathe-Gymnasiums aus Friedrichshain wollen auf dem Alexanderplatz singen und tanzen, um Spenden für ihren Abi-Ball zu sammeln.
„Mit ihrem frühen Termin für den Abi-Ball hat es die Sartre-Schule am schlimmsten getroffen, die Schüler hatten kaum Zeit zu reagieren und Sponsoren zu finden“, sagt Andreas Lotz von der Agentur Lord of Event, der im Auftrag des Hotels Maritim und des Penta-Hotels das Veranstaltungsmanagement für insgesamt elf Abi-Bälle übernimmt. Neun der elf Bälle wurden von der Agentur Easy-Abi nicht bezahlt. Im Normalfall wäre es kaum möglich, nur mit einem Tag Vorlauf einen Ball zu buchen, wie im Fall der Sartre-Schule. Es sei ein großer Kraftakt, auch vom Hotel, das Catering so kurzfristig sicher zu stellen, sagt Andreas Lotz.
Sorgen auch in München
Insgesamt sei die Hilfsbereitschaft in Berlin sehr groß. Das würden die meisten Schulen berichten. Allerdings versuchten auch einige Anbieter, die sich als Unterstützer ausgeben, die Situation der Schüler auszunutzen, warnt Lotz. Auch in anderen Städten sorgen sich Schüler nun, dass ihre gezahlten Gelder für Abi-Feste oder -Fahrten verschwinden könnten. „Bei uns rufen den ganzen Tag über Schüler an, die sich vergewissern wollen, ob auch sicher alles klappt“, sagt Benedict Herrmann, Geschäftsführer der Agentur Abi-Stars in München, die für 40 Münchner Schulen die Abi-Bälle organisiert. Auch er habe früher extern für Easy-Abi gearbeitet, damals sei aber alles korrekt abgelaufen.
Gänzlich ausfallen werden die meisten Abi-Bälle in Berlin nicht. Einige Partys finden nun in den Schulen statt. In anderen Fällen haben Hotels günstigere Konditionen angeboten. Der Berliner Club Matrix bietet auf seiner Facebook-Seite am Freitag Abiturienten bis Mitternacht freien Eintritt an. Auch Fußball-Zweitligist 1. FC Union springt den Schülern zur Seite. „Unser VIP-Zelt im Stadion an der Alten Försterei ist absolut Party-erprobt. Wir stellen es betroffenen Schulen für ihre Abi-Bälle mietfrei zur Verfügung, damit sie in würdigem Rahmen feiern können. Wer sich schnell bei uns meldet, dem können wir sicher auch kurzfristig helfen“, so Union-Sprecher Christian Arbeit.



