Die Frauen, die in Berlin zu Zwangsprostituierten gemacht werden, kommen aus der ganzen Welt. Aus Osteuropa, Afrika oder Asien – kein Weg ist den Frauen zu weit, um in Deutschland ein vermeintlich besseres Leben zu finden, vielleicht eine Ausbildung oder Arbeitsstelle. Doch schnell wird dieser Traum zum Albtraum.

„Die Frauen sind leichte Beute für Menschenhändler. Sie werden nach Deutschland geschleust und müssen hier ihre Reise- und Visakosten abarbeiten“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle des Caritas-Fachverbandes „In Via“, Barbara Eritt. „In Via“ ist eine wichtige Anlaufstelle für die Zwangsprostituierten. Denn die sind sonst meist völlig auf sich allein gestellt und stehen zudem unter permanenter Bewachung ihrer Zuhälter, die sie zwingen, alle Wünsche von Freiern zu erfüllen. Oder sie werden zwangsverheiratet.

Nach dem Fall der Mauer seien in den 90er-Jahren mehrheitlich Frauen aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion eingeschleust worden, sagt Barbara Eritt. Heute kommen sie aus Ländern, die noch weiter entfernt sind – entsprechend höher sind die Schulden, die sie den Schleusern zahlen sollen. „Frauen aus Osteuropa wird meist ein Betrag zwischen 1500 Euro und 3000 Euro angelastet, afrikanischen und asiatischen Frauen teilweise 20.000 Euro.“

Barbara Eritt berät die Frauen in der Caritas-Beratungsstelle und hilft ihnen, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien. „In Via“ hat in den vergangenen 25 Jahren 1500 Frauen in Berlin betreut und 9000 Beratungsstunden geleistet. Im vergangenen Jahr wurden 87 Frauen beraten.

„Die meisten Zwangsprostituierten kommen über die Polizei zu uns“, sagt Barbara Eritt. Sie spreche mit ihnen bereits auf der Wache und biete ihnen dort Hilfe an. Viele Frauen seien froh, endlich über ihre Situation sprechen zu können. „Trotzdem sagen sie nicht immer gegen die Täter aus“, sagt Barbara Eritt. Denen seien häufig die Adressen der Frauen in Berlin und die der Familie im Heimatland bekannt, sie äußerten dann Drohungen.

Einmal habe man ein kleines Kind vor den Zuhältern aus Bulgarien retten müssen. Angesichts solch länderübergreifender Kriminalität ist das Netzwerk der Caritas unverzichtbar. 140 Beratungsstellen gibt es weltweit, zum Beispiel in Polen und Bolivien. Um die Zwangsprostituierten zu schützen, werden sie an verdeckten Wohnorten untergebracht.

Im Jahr 2009 hat die Polizei in Berlin 131 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung abgeschlossen, bundesweit waren es 534 Fälle. Die Dunkelziffer sei aber wesentlich höher, sagt Barbara Eritt. Man gehe insgesamt in Berlin von 900 bis 1150 Zwangsprostituierten aus.

Die Zahl der Zwangsprostituierten steigt auch bundesweit, nur wenige Täter werden überführt. „Es kommt immer häufiger vor, dass auch deutsche Frauen zu Zwangsprostituierten werden“, so Barbara Eritt. Auch über das Internet köderten Zuhälter Frauen. „In Via“ hat darum ein Projekt gegründet, in dem Eltern, Pädagogen und Internetnutzer über die Gefahren aufgeklärt werden sollen.

bih