Angst vor dem Darminfekt

Telefonaktion – Die Fragen der Berliner zu EHEC

Wegen des EHEC-Erregers warnen die Infektiologie-Experten des Robert-Koch-Instituts vor Tomaten, Gurken und Salaten. Doch reicht das tatsächlich aus? Morgenpost Online hat Mediziner ausgewählt, die die Fragen der Leser beantwortet haben.

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Keine Tomaten, Gurken oder Salate

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„Koch es, schäl es oder vergiss es“, so lautet die Faustregel für Auslandsreisende, wenn es um den Verzehr von Obst und Gemüse geht. Bei Rohkost aus Spanien gilt das in den kommenden Tagen ganz besonders, dort sucht das RKI nach der Ursache der zahlreichen Infektionen in Deutschland. EHEC kann in seltenen Fällen zu lebensgefährlichem Nierenversagen führen. Reicht da die Faustregel?

Mit dabei waren Dr. Marlies Höck, Chefärztin des Instituts für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der DRK-Kliniken, Dr. Herbert Koop, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin und Gastroenterologie am Helios-Klinikum Buch, Dr. Christian Träder, Facharzt für Innere Medizin am Auguste-Viktoria-Klinikum, sowie Martin Matz, Bezirksstadtrat für Soziales und Gesundheit in Spandau.

Das waren die Fragen der Leser:

Heide Wiener (35) aus Prenzlauer Berg: Ich kaufe oft im Biosupermarkt ein, muss ich da aufpassen?

Martin Matz: Ja, da kann ich leider keine Entwarnung geben. Für Biosupermärkte gilt dasselbe wie für alle anderen Lebensmittelgeschäfte auch. Sie sollten beim Einkauf darauf achten, dass Salat, Gurken oder Tomaten nicht aus Norddeutschland oder Spanien stammen.

Herta Schwarz (86) aus Wilmersdorf: Wir haben uns so auf die Obstsaison gefreut, darf ich denn jetzt Erdbeeren essen?

Dr. Christian Träder: Bei Obst- und Gemüsesorten, die auf dem Boden wachsen, wäre ich derzeit vorsichtig, vor allem wenn sie aus Norddeutschland oder aus Spanien kommen. Baumobst ist ungefährlicher, weil es mit Dung nicht in Verbindung kommt. Essen Sie ruhig Äpfel, Birnen, Kirschen. Ich rate Ihnen Blattgemüse, Gurken oder Tomaten in den nächsten Tagen zu streichen. Denken Sie aber auch daran, dass der Körper Vitamine braucht, denn die stärken den Organismus. Wenn Sie Gemüse erhitzen, stirbt der schädliche Erreger ab.

Elsa Krafft (63) aus Steglitz: Kann ich jetzt noch Gemüse aus Holland essen?

Dr. Marlies Höck: Aktuell ist in Holland kein EHEC-Ausbruch bekannt und es liegt auch keine Warnung vor. Da die Grenze zu Norddeutschland nicht weit ist, sollten Sie vorsichtig sein. Wenn Sie ihre Tomaten einige Minuten in Wasser einweichen und dann mit einem Tuch trocken reiben, können Sie sich nicht infizieren.

Margot Häuser (57) aus Wilmersdorf: Am Wochenende kommt meine Familie zu Besuch und ich will Bouletten machen. Kann ich den Teig abschmecken?

Dr. Herbert Koop: Dieses Mal sollten sie den Bouletten-Teig blind zubereiten und auf das Abschmecken verzichten. Zwar warnt das RKI derzeit nicht vor dem Verzehr von Fleisch. Aber wir wissen noch nicht, von welcher Rinderherde der EHEC-Erreger ausging und ob dabei auch Fleisch mit dem Keim in Berührung gekommen ist. Ich rate Ihnen zudem davon ab, rohes Fleisch in den Mund zu nehmen und dann wieder auszuspucken. Der Kontakt würde für eine Infektion ausreichen.

Irma Lebeck (73) aus Steglitz: Ich habe nun mein ganzes frisches Gemüse in den Müll geworfen. Kann ich denn noch Tiefkühlspinat und Dosenobst essen?

Höck: Tiefkühlkost wird vor dem Verpacken pasteurisiert, also mindestens zwei Minuten lang bei 70Grad Celsius erhitzt. Dabei sterben die Erreger ab. Gleiches geschieht mit Obst, das in Dosen gefüllt wird. Deshalb kann Tiefkühlobst und -gemüse ebenso wie Dosenobst verzehrt werden. Allerdings töten Sie den EHEC-Erreger nicht ab, indem Sie Gemüse einfrieren, der Keim überlebt die Kälte.

Peter Teskau (45) aus Wedding: In der Kantine meines Unternehmens gibt es heute süß-saure Nierchen. Kann ich das bedenkenlos bestellen?

Höck: Das Fleisch ist über längeren Zeitraum gekocht, deshalb kann eine mögliche Schmierinfektion ausgeschlossen werden.

Maria Fuchsberg (45) aus Spandau: Ich habe verschiedene Kohlsorten eingekauft, kann ich die jetzt noch verwenden?

Matz: Wenn Sie diese gründlich waschen und dann kochen, dann kann da gar nichts passieren. Achten Sie aber beim Einkauf trotzdem darauf, wo das Gemüse herkommt, Ware aus Hamburg oder Spanien sollten Sie beim Einkaufen die nächsten Tage von der Liste streichen.

Margret Meier (58) aus Charlottenburg: Mein drei Jahre altes Enkelkind kommt mich besuchen. Muss ich nun vor jedem Keks, den ich ihm gebe, Hände waschen?

Höck: Ja, bei jedem Keks, selbst wenn dazwischen nur eine halbe Stunde vergangen ist. Waschen Sie sich und ihrem Enkelkind die Hände gründlich mit Wasser und Seife. Damit beugen sie nicht nur einer EHEC-Infektion vor. Über Essen gelangen auch andere Bakterien in unseren Körper.

Ullrich Rehm (63) aus Zehlendorf: Ich habe vor vier Tagen in Hamburg Salat gegessen. Wann weiß ich, ob ich mich mit EHEC angesteckt habe?

Koop: Die Gefahr wird von Tag zu Tag geringer. Am vierten Tag sind sie schon fast über den Berg. Die Inkubationszeit der Keime beträgt zwei bis sieben Tage. Wenn Sie bis dahin keine Beschwerden wie Durchfall und Schwäche haben, müssen Sie sich keine Sorgen machen.

Helga Wiebusch aus Schleswig Holstein: Kann ich unsere vier Meerschweinchen noch mit Salat füttern oder ist EHEC auch für Tiere gefährlich?

Höck: Tieren macht der EHEC-Erreger nichts aus, sie werden nicht krank. Aber sie sind Träger des Keims und können Menschen damit anstecken. Deshalb gilt die Lebensmittelwarnung des RKI auch für Ihre Meerschweinchen.

Anna Braun (38) aus Prenzlauer Berg: Kann ich mit meinen Kindern in den Zoo gehen?

Matz: Auf diesen Besuch müssen Sie nicht verzichten. Sollten die Kinder darauf drängen, in den Streichelzoo zu gehen, achten Sie darauf, dass sie sich danach und besonders vor der nächsten Mahlzeit die Hände waschen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt, die Hände mehrere Minuten unter warmes Wasser mit Seife zu waschen. Reinigen Sie auch Ringe oder Uhren, denn dort siedeln sich Bakterien an.

Friederike Deppe (45) aus Spandau: Ich habe seit gestern wässrigen Durchfall, habe ich mich mit EHEC infiziert?

Träder: Das kann ich von hier aus nicht genau sagen. Ich rate Ihnen noch einige Tage abzuwarten. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird bald alles wieder normal sein. Dieser Darmkeim ist nicht neu, er sorgt nur derzeit für sehr viel Aufmerksamkeit, weil sich Krankheitsfälle in Norddeutschland häufen. Menschen sind die ganze Zeit mit Krankheitserregern umgeben und kommen eigentlich sehr gut damit klar. Sollte es nicht besser werden, gehen Sie zum Arzt. Ist ihr Stuhl blutig, suchen Sie bitte dringend eine Klinik auf.

Gerlinde Koppen (77) aus Spandau: Ich mache mir große Sorgen, wird es eine Epidemie geben?

Träder: Ich kann Sie beruhigen, dieser Darmkeim ist seit vielen Jahren bekannt. Derzeit gibt es 400 Fälle, die meisten verlaufen glimpflich, Betroffene leiden höchstens einige Tage an wässrigem Durchfall. Nur zwei von 100 Menschen sterben nach einer EHEC-Infektion. Als das Norovirus 2007 grassierte, war die Situation viel bedenklicher als jetzt, damals erkrankten 200000 Menschen.

Knut Bahles (74) aus Schwerin: Bekommen wir einen EHEC-Ausbruch wieder in den Griff?

Koop: Ja, sobald die Ursache der zahlreichen Infektionen sicher ist, kann die Verbreitung von EHEC aufgehalten werden. Die Erkrankung selbst ist bekannt und wir wissen, wie sie behandelt werden muss.

Anne Hellgart (50) aus Wilmersdorf: Welche körperlichen Symptome deuten auf EHEC hin?

Träder: Die Symptome reichen von wässrigem bis blutigen Durchfall. Es kann aber auch sein, dass Sie trotz Infektion überhaupt keine Beschwerden haben. Weitere Anzeichen sind konzentrierter Urin, Wassereinlagerungen, beispielsweise in den Beinen oder Luftknappheit. Wenn Sie unter wässrigem Durchfall leiden und es nach fünf Tagen nicht besser wird, sollten Sie zum Arzt gehen.

Nina Bach (33) aus Hamburg: Ich habe Durchfall. Wie erkenne ich, ob der blutig ist? Kann ich am Sonnabend meinen geplanten Türkei-Urlaub antreten?

Koop: Blutigen Durchfall erkennen sie an der deutlichen Rotfärbung. Insgesamt wird der Durchfall dunkler, da das Blut zum Teil schon geronnen ist. Mit Tomatenschalen können Sie das nicht verwechseln, die ringeln sich ja. Wird der Durchfall nach einigen Stunden nicht besser, gehen Sie zum Arzt oder in die Notaufnahme, um einen EHEC-Verdacht auszuschließen. Auch wenn der Stuhlgang nicht blutig ist. Ein Test dauert jedoch einige Tage, ihren Türkei-Urlaub müssten Sie verschieben, wenn die Ursache des Durchfalls nicht geklärt werden kann.

Marie Grolus (75) aus Reinickendorf: Können Ärzte nach einer Blutprobe sagen, ob ich mich mit EHEC infiziert habe?

Träder: Nein, durch eine Blutprobe kann eine Infektion nicht festgestellt werden, es sei denn Sie leiden unter HUS und ein dadurch verursachtes Nierenversagen. Für gewöhnlich wird eine Stuhlprobe untersucht. Es dauert manchmal bis zu zwei Wochen, bis das Ergebnis da ist.

Ulrike Bender (64) aus Wannsee: Wird EHEC ausschließlich durch den Kontakt mit Körperausscheidungen übertragen?

Höck: Ja, allerdings müssen die Körperausscheidungen nicht zwangsläufig zu sehen sein. EHEC wird über eine Fäkaloralinfektion, wie die Schmierinfektion auch genannt wird, übertragen. Wer ein Spucketröpfchen abbekommt, muss sich keine Sorgen machen, dabei ist eine Ansteckung unwahrscheinlich. Um sich anzustecken muss man zwischen zehn und hundert Bakterien zu sich nehmen.

Lina Redich (69) aus Zehlendorf: Stimmt es, dass Antibiotika nicht helfen?

Höck: Das stimmt, Antibiotika können bei einer EHEC-Infektion dem Patienten sogar zusätzlich Schaden. Die Kranken müssen viel trinken und bekommen gegebenenfalls Elektrolyte zugeführt, damit der Erreger ausgespült wird.

Fritz Arnd (65) aus Lankwitz: Kann ich mich beim Händeschütteln anstecken?

Koop: Nein, dabei ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung gering. Auch in der U-Bahn an den Stangen und Haltegriffen ist eine Infektion nahezu auszuschließen. Die Zahl der dort aufgenommen Bakterien ist zu gering.

Maria Pagaroth (44) aus Spandau: Ich will Urlaub in Schleswig-Holstein machen. Geht das noch?

Koop: Ja, es werden sich dort nicht sofort Bakterien auf Sie stürzen. Es gelten die gleichen Regeln wie hier, bei Salat, Tomaten und Gurken sollten Sie vorsichtig sein und bis die Infektionsquelle gefunden ist, darauf verzichten.

Silvia und Heinz Seegert aus Hamburg: Wir fragen uns, wie Gülle auf Gewächshausgemüse gelangt, für Freilandgemüse ist die Zeit ja noch lange nicht reif?

Höck: Wo die Quelle liegt, ist noch nicht sicher, das versuchen mehrere Experten-Teams derzeit herauszufinden. Das müssen Sie sich wie folgt vorstellen. Die Teams versuchen zu rekonstruieren, wo die Salate, die den Keim übertragen haben, gekauft wurden. Dann wird der Vertreiber überprüft, er muss immer eine Rückstellprobe bereithalten. Diese Rückstellprobe wird dann auf EHEC untersucht. Fällt diese Untersuchung positiv aus, überprüft man den zuständigen Bauernhof und die Tiere. Wenn Rinder beispielsweise den EHEC-Keim in sich tragen, wird überprüft, was diese gefressen und getrunken haben.

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