Lichtenberger U-Bahn-Schläger

Berliner Polizei sauer über Kriminologen-Vorwurf

Das Opfer der U-Bahn-Schläger, Marcel R., liegt noch im Koma. Derzeit ist unklar, wie es um seine Heilungschancen steht. Der Kriminologe Christian Pfeiffer wirft der Berliner Polizei eine Verharmlosung der Gewaltkriminalität vor.

Elf Tage nach dem brutalen Überfall auf Marcel R. im U-Bahnhof Lichtenberg liegt der 30 Jahre alte Malergeselle weiter im Koma. „Sein Zustand ist unverändert und weiter kritisch“, hieß es am Dienstag aus dem Unfallkrankenhaus Marzahn. Für weitergehende Prognosen sei es noch zu früh, sagte der Sprecher des Unfallkrankenhauses.

Unterdessen steht die Identität des Zeugen fest, der das zweite Überfallopfer vor den Schlägern beschützt hat. Dies bestätigte die Staatsanwaltschaft am Dienstag. Allerdings konnte der Mann noch nicht befragt werden. Auf ihn solle kein Druck ausgeübt werden, seine Zeugenaussage werde jedoch zur lückenlosen Aufklärung der Tat gebraucht, sagte Martin Steltner. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft wollte keine näheren Angaben zu dem Zeugen machen und kommentierte auch nicht, ob er der Rockergruppierung Bandidos angehört.

Erste Fortschritte hat die Polizei bei ihrer schwierigen Suche nach weiteren Zeugen erzielt. „Nachdem die ersten Aufrufe noch vergeblich waren, haben sich mittlerweile einige Zeugen bei uns gemeldet. Wir hoffen aber noch auf weitere Meldungen, jede Aussage kann für die Aufklärung der Tat von entscheidender Bedeutung sein“, sagte ein Beamter der 2. Mordkommission Morgenpost Online.

Die vier Tatverdächtigen, drei 17-Jährige und ein 14-Jähriger, konnten, wie berichtet, vergangene Woche festgenommen werden. Wegen des dringenden Tatverdachts erließ ein Richter am vergangenen Mittwoch Haftbefehle. Den Jugendlichen wird gemeinschaftlich begangener versuchter Raubmord in zwei Fällen vorgeworfen. Die gesetzlich zulässige Höchststrafe für dieses Verbrechen liegt bei zehn Jahren Jugendhaft.

Spendenaktion angelaufen

Für Marcels Schwester Katja de Graaf und ihre Mutter bedeutet die Aussicht auf langjährige Haftstrafen für die Täter keinen Trost. Sie hoffen im Moment nur darauf, dass Marcel wieder gesund wird. Täglich fahren Mutter und Schwester ins Krankenhaus, abwechselnd sitzen sie an seinem Bett, damit er nicht allein ist.

Kraft gibt ihnen dabei auch die Anteilnahme der Berliner am Schicksal ihres Bruders. Nach dem großen Spendenaufruf von Morgenpost Online und 104.6 RTL haben sich viele Leser und Hörer in der Redaktion und bei dem Radiosender gemeldet, die helfen wollen.

„Mir geht diese schreckliche Tat sehr nah, da ich mit der U-Bahn oft am Bahnhof Lichtenberg vorbeikomme“, sagt Leserin Katharina Händel aus Hellersdorf. Ein Leser aus Wilmersdorf sagt: „Ich finde es gut, dass Hilfe für das Opfer organisiert wird.“ Sogar aus der Schweiz haben sich zwei Spender gemeldet, die Marcel finanziell unterstützen wollen. Auch Daniel Wall, Vorstandsvorsitzender der Wall AG, beteiligt sich mit 1000 Euro an der Spendenaktion von Berliner helfen: „Dieser Vorfall hat uns sehr betroffen, traurig und auch wütend gemacht. In solchen Momenten ist es wichtig, dass unsere Gesellschaft zusammensteht, wir den Opfern Beistand leisten und sie mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln in dieser so schweren Zeit auffangen.“

Noch ist völlig ungewiss, wann die Ärzte den 30-Jährigen aus dem künstlichen Koma holen. Genauso unklar sind Marcels Heilungschancen nach den schweren Kopfverletzungen und damit seine berufliche Zukunft.

Auch in dieser Hinsicht soll die Spendenaktion ihm und seiner Familie Mut machen. Unterstützung verspricht dabei Alba-Vorstand und Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Eric Schweitzer. „Der Fall macht sehr betroffen. Wenn sich sein Gesundheitszustand bessert, stehen wir bereit, dem jungen Mann zu helfen.“

Der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover hat unterdessen die Berliner Polizei scharf kritisiert und behauptet, die Gewaltkriminalität in der Hauptstadt werde verharmlost. Er könne nicht verstehen, dass die Polizei den brutalen Überfall erst nach vier Tagen öffentlich gemacht habe, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in einem Interview im RBB-Inforadio. „So was wäre, wenn es in irgendeiner anderen Großstadt passiert wäre, bis in die Tagesschau gekommen. Weil das eine exzessive Brutalität ist, die sich dort abgespielt hat“, so Pfeiffer am Dienstag. Zudem werde in der Hauptstadt zu wenig gegen Gewaltkriminalität vorgegangen, die Aufklärungsquote sei „mickrig“, erklärte Pfeiffer.

Erstaunlicher Rundumschlag

In Berlin haben die Ausführungen des Kriminologen allseits Erstaunen ausgelöst. Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verteidigte die Polizei. Sie verdiene für die schnellen Festnahmen nach dem brutalen Raubüberfall Lob. „Wir schulden ihr Dank und nicht pauschale, besserwisserisch klingende Kritik“, so Wowereit. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sprach von einem „erstaunlichen Rundumschlag“ gegen die Polizei. Pfeiffers Aussagen, speziell zu Aufklärungsquoten, seien zudem teilweise fehlerhaft, sagte Körting Morgenpost Online. Polizeipräsident Dieter Glietsch nannte die Anwürfe unqualifiziert: „Wer sich seriös mit dem Thema Jugendkriminalität beschäftigt, der weiß, dass unsere Arbeit im bundesweiten Vergleich als vorbildlich anerkannt wird“, sagte der Polizeipräsident.

Der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, sagte: „Es ist abenteuerlich, Berlins Polizei die Verharmlosung von Gewaltkriminalität vorzuwerfen.“ Die Videobilder von den Überfall in Lichtenberg seien veröffentlicht worden, sobald diese der Polizei vorlagen.

Wenn Sie dem jungen Mann helfen wollen, mit den Folgen des brutalen Überfalls fertigzuwerden und ihn bei seiner Genesung und der Rückkehr in ein normales Leben unterstützen wollen, spenden Sie bitte an: Berliner helfen e.V.

Spendenkonto 55

Stichwort: Marcel

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BLZ 100 205 00

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