Nur ein Gratismonat

S-Bahn – Politiker fordern höhere Entschädigung

"Jämmerlich", "unzureichend", "enttäuschend": Berliner Politiker reagieren enttäuscht auf die Ankündigung der S-Bahn, lediglich einen Gratismonat zu gewähren. Klaus Wowereit will Bahnchef Grube zu einer höheren Entschädigung bewegen.

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Das neue Entschädigungspaket der Berliner S-Bahn GmbH fällt wesentlich geringer aus als erwartet. Abo- und Jahreskartenkunden sowie Inhaber von Firmentickets fahren nur einen Monat frei. Einzelfahrausweise gelten an den Februarwochenenden und am 5. Juni jeweils als Tagestickets, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner am Freitag. Politiker zeigten sich enttäuscht über das Paket. Der Chef des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, sagte, die Fahrgäste würden mit einer „halben Entschuldigung“ abgespeist.

Buchner zufolge werden kalendergebundene Monatskarten und das Sozialticket im Mai um 15 Euro billiger, im Mai beginnende gleitende Monatstickets sind eine Woche länger gültig. Auch Schüler- und Geschwistertickets kosten für diesen Monat 15 Euro weniger. Der Monatsanteil für Jahreskarteninhaber wird laut Buchner im März zurückerstattet beziehungsweise verrechnet. Erstattungen für Semestertickets sind erst ab Oktober geplant. Abokunden bekommen das Geld im November verrechnet.

Die S-Bahn bietet seit 19 Monaten nur einen eingeschränkten Betrieb an. Darüber hinaus gibt es bereits die dritte Winterperiode in Folge massive Ausfälle, Verspätungen und verkürzte Züge.

Das sogenannte Entschuldigungspaket hat ein Volumen von 38,5 Millionen Euro. Rückwirkend können von S-Bahn-Kunden keine Ansprüche geltend gemacht werden. Das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn hatte in der Vergangenheit Fahrgästen bereits zweimal Entschädigungen zugestanden. Das Volumen des Pakets für Ende 2010 betrug 70 Millionen Euro. Ein erstes Paket für 2009 umfasste 35 Millionen Euro.

Politiker reagieren enttäuscht

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) will Bahnchef Rüdiger Grube zu einem besseren Entschädigungsangebot für die Fahrgäste der krisengeplagten Berliner S-Bahn bewegen. „Das Angebot von nur einem Monat Gratisfahrt für die Stammkunden reicht nicht aus“, erklärte der SPD-Politiker. „Ich werde Bahnchef Rüdiger Grube bitten, dies noch einmal zu überdenken.“ Die Entschädigung der Kunden 2011 dürfe nicht geringer ausfallen als die Entschädigung des vergangenen Jahres, als es zwei Gratismonate für Stammkunden gab. „Die Bahn tut sich keinen Gefallen damit, wenn sie beim Thema Entschädigung Vorschläge macht, die nicht dem Gerechtigkeitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger entspricht“, erklärte Wowereit. Er verwies darauf, dass auch in diesem Jahr ein großer Teil der S-Bahn-Züge ausgefallen und ein Ende der Schlechtleistungen der S-Bahn nicht abzusehen sei. Zudem gelte derzeit nur ein Notfahrplan mit verringerten Zuggeschwindigkeiten

Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) nannte die neuen Regelungen „enttäuschend“. Obwohl sich nichts verbessert habe, bleibe die S-Bahn jetzt sogar noch hinter ihrer Entschädigung vom vergangenen Jahr zurück. Ein Monat Freifahrt für Zeitkarteninhaber sei „vollkommen ungenügend“.

Auch die Abgeordnetenhaus-Fraktionen zeigten sich über die Höhe der Entschädigungen enttäuscht. SPD-Landeschef Michael Müller reagiert erbost. Ein Monat Freifahrt sei bei all den Zugausfällen und bei der Unzuverlässigkeit der S-Bahn mit Sicherheit zu wenig, sagte er. „Auch die Regelung für S-Bahnkunden ohne Jahreskarte ist frech.“ Zugleich forderte Müller Regelungen für die ebenfalls vom S-Bahn-Chaos betroffenen Gewerbetreibenden.

Für CDU-Landeschef Frank Henkel und den Unions-Verkehrsexperten Oliver Friederici sind die Regelungen „ein schlechter Scherz“. Beide fordern für Mai und Juni Freifahrten für Abokunden, für alle anderen S-Bahn-Nutzer müssten in dieser Zeit an den Wochenenden Einzeltickets als Tagestickets gelten.

Grünen-Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling nannte Buchners Entschuldigungspaket „jämmerlich“. Den Fahrgästen stünden zwei Monate Gratisfahrten zu. Die Spitzen der FDP-Fraktion sagten, das Paket verdiene den Namen Entschädigung nicht. Fraktionschef Christoph Meyer und sein Vize Klaus-Peter von Lüdeke forderten zwei Freifahrtmonate für Stammkunden und zusätzlich an mindestens sechs Wochenenden kostenloses Fahren für alle Fahrgäste.

Auch die Linke forderte zwei Monate Freifahrt für Abokunden. Das aktuelle Paket sei „unzureichend“. Darüber hinaus forderten alle Parteien eine schnelle Rückkehr der S-Bahn zum Normalbetrieb.

Buchner kündigte an, dass in der kommenden Woche über eine mögliche Verlängerung des seit Montag gültigen Winterfahrplans entschieden wird. Bislang gilt der Plan bis Ende Februar. Seinen Angaben zufolge sollen darüber am 4. Februar noch Gespräche geführt werden, unter anderen mit dem Brandenburger Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD). Ab Donnerstag (3. Februar) könnten sich Kunden von S-Bahn, BVG und VBB über die neuen Entschädigungen im Internet und in einer Sonderausgabe der Berlin-Brandenburger S-Bahn-Kundenzeitung „punkt 3“ informieren.

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