Die Berliner S-Bahn im Kriechgang, die landeseigene BVG am Ende ihrer Reserven: Am Dienstag gab es im Verkehr in der Hauptstadt wenige Verbesserungen. Nach wie vor fahren nur knapp die Hälfte der vertraglich vereinbarten 562 Doppelwagen, die eigentlich auf den Gleisen sein müssten. Immerhin konnte die angeschlagene Berliner S-Bahn ihr seit Jahresbeginn nochmals ausgedünntes Fahrangebot wieder leicht verbessern können. Statt der zunächst angekündigten 200 Züge rollten am Dienstag 278 Züge, wie ein S-Bahn-Sprecher sagte. Die Mitarbeiter in den Werkstätten kämen angesichts der milderen Temperaturen mit Reparaturen an den Zügen schneller voran als geplant.

Was die S-Bahn für den Verkehr in der Hauptstadt bedeutet, macht eine Zahl klar: Früher beförderte die Tochter der Deutschen Bahn werktags etwa 1,3 Millionen Menschen. Heute schafft die S-Bahn nur noch den Transport von weniger als eine Million Passagieren täglich. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) versuchen zu helfen, wo es nur geht. Mittlerweile stößt aber auch die BVG an ihre Grenzen, berichtete ihre Sprecherin Petra Reetz dem RBB.

Lange dürfe die Notsituation bei der S-Bahn nicht mehr anhalten. Der Senat und Brandenburgs Landesregierung erwarten indes mit Spannung einen Bericht der Deutschen Bahn, wie ihre S-Bahn-Tochter aus der Krise geführt werden soll. Die Frist für den Bericht läuft an diesem Mittwoch ab. Die Regierungen in Berlin und Potsdam hatten die S-Bahn Mitte Dezember wegen Nichterfüllung des Verkehrsvertrages abgemahnt und vom Mutterkonzern einen Maßnahmekatalog verlangt. Am 10. Januar soll dann Bahnchef Rüdiger Grube im Verkehrsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses Rede und Antwort stehen. Er habe sein Kommen zugesagt, hieß es in der Verkehrsverwaltung.

Die Landesregierungen in Potsdam und Berlin unternähmen zu wenig gegen das S-Bahn-Chaos, sagten die Generalsekretäre der CDU Brandenburg und Berlin, Dieter Dombrowski und Bernd Krömer. „Die S-Bahn hat zwei Weltkriege, die deutsch-deutsche Teilung und zahlreiche Wirtschaftskrisen überstanden, nun lässt sie die rot-rote Koalition in Brandenburg und Berlin zugrunde gehen“, fügten die beiden Politiker hinzu. Dass ganze Kommunen im Umland trotz günstigerer Witterungsbedingungen abgekoppelt wurden, sei „nicht hinnehmbar“.

Die Berliner Grünen forderten, Senat und S-Bahn müssten endlich durchgreifende Verbesserungen beschließen. Andernfalls dürfe der schlechte Vertrag, den Senat und Deutsche Bahn zu verantworten hätten, nicht länger Bestand haben. Mit dem Abhängen ganzer Stadtteile habe die S-Bahn endgültig gezeigt, dass sie das Desaster allein nicht in den Griff bekomme. Jetzt müsse „der Mutterkonzern für die Mangelleistung der S-Bahn einstehen“.

Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat gefordert, dass die S-Bahn ihre Kunden für die aktuelle Krise wie im vergangenen Jahr entschädigt. Abonnenten sollen zwei kostenlose Monate erhalten, alle anderen Fahrgäste sollten Freifahrten etwa am Wochenende bekommen, sagte Junge-Reyer der „Berliner Zeitung“. Das würde die Deutsche Bahn etwa 77 Millionen Euro kosten. Zudem kündigte sie an, der S-Bahn auch im Januar die Zuwendungen zu kürzen. In den vergangenen beiden Krisenjahren seien von 550 Millionen Euro, die Berlin und Brandenburg an das Unternehmen hätten zahlen müssen, 90 Millionen einbehalten worden.

EVG fordert Sonderbeauftragten für S-Bahn

Die Bahngewerkschaft EVG plädierte für einen „Sonderbeauftragten S-Bahn“ bei der Deutschen Bahn AG. Für die Einrichtung eines Krisenstabs unter Leitung eines Sonderbevollmächtigten des Konzernchefs mit entsprechenden Durchgriffsrechten in alle Konzernbereiche sprach sich auch die Berliner SPD aus. Zudem gehe es um die Vorlage eines umfassenden Zeit- und Kostenplans für die Wiederherstellung eines funktionierenden S-Bahn-Betriebs, sagte der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christian Gaebler. Auch müssten klare Aussage zu weiteren Entschädigungen für die Fahrgäste getroffen werden. Die komplette Stilllegung von Streckenästen sei völlig überzogen.

Zudem verlangte die SPD vom Bahnkonzern einen umfassenden Zeit- und Kostenplan für die Wiederherstellung eines funktionierenden S-Bahn-Betriebs und klare Aussagen zu weiteren Entschädigungen für die Fahrgäste.

Die CDU in Berlin und Brandenburg warf den rot-roten Landesregierungen in Potsdam und Berlin erneut vor, zu wenig gegen das S-Bahn-Chaos zu unternehmen. Seit Monaten seien die Bürger der Hauptstadtregion von massiven Beeinträchtigungen betroffen und SPD und Linke sähen nur tatenlos zu, erklärten die beiden CDU- Generalsekretäre Dieter Dombrowski (Brandenburg) und Bernd Krömer (Berlin). Sie forderten die Landesregierungen auf, gemeinsam mit der S-Bahn nach Lösungen zu suchen.

Nach Angaben eines Bahnsprechers arbeiten Mechaniker in allen sechs zur Verfügung stehenden Bahnwerken an der Reparatur und Wartung von S-Bahn-Zügen. Alle 24 Stunden würden 90 bis 95 Züge die Werkstätten verlassen. Der Austausch von Radsätzen laufe parallel zu den anderen Arbeiten.

Bei der S-Bahn fahren mittlerweile neben der Ringbahn S41/42 auch die Linien S1 zwischen Gesundbrunnen und Zehlendorf sowie S3 zwischen Friedrichshagen und Ostbahnhof wieder im 10-Minuten-Takt. Auch für die S5 gilt auf dem Abschnitt zwischen Hoppegarten/Mahlsdorf und Charlottenburg ein 10-Minuten-Takt, teilte die Bahn mit. Die übrigen Linien verkehren im 20-Minuten-Takt. Zu den Verbesserungen gehört es auch, dass die S75 zusätzlich zwischen Springpfuhl und Westkreuz verkehrt. Damit fahre alle vier Minuten ein Zug auf der Stadtbahn, sagte ein Bahnsprecher. Spandau und Bahnhöfe wie Hennigsdorf, Wartenberg oder Strausberg in Brandenburg bleiben aber weiterhin vom S-Bahn-Verkehr abgehängt. Hier sind Busse im Einsatz.

Die BVG setze auf den Linien U5, U6 und U8 mehr Züge als normal ein, berichtete Reetz. Auf den Linien U1 und U2 würden Züge in Bereitschaft gehalten, die erforderlichenfalls eingesetzt werden könnten. Die Busse X34 und X49 hielten am Scholzplatz, um den Ausfall der S-Bahn nach Spandau etwas auszugleichen. Es werde auch überlegt, von Montag nächster Woche an mehr Straßenbahnwagen in der Hauptstadt einzusetzen. Allerdings stoße auch die BVG vor allem personell mittlerweile an ihre Grenzen. Bei den Regionalbahnen gab es witterungsbedingt ebenfalls Einschränkungen. Es standen weniger Fahrzeuge zur Verfügung und Gleise mussten teilweise noch von Schnee geräumt werden. Züge fielen aus oder waren verspätet. Betroffen sind nach Angaben der Deutschen Bahn noch bis zum Freitag die Linien RE1, RE2, RE11, RB13, RB20 und RB21.

dpa/ddp/toto