Berlin ist trauriger Spitzenreiter, wenn es um die Zahl von Kindern geht, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Insgesamt beziehen derzeit 36 Prozent der Kinder unter 15 Jahren Sozialleistungen, in Bayern sind es dagegen nur 7,7 Prozent. Nach einem leichten Rückgang im Jahr 2008 ist die Zahl in Berlin 2009 wieder gestiegen.

"Wenn wir nicht umgehend gezielt etwas gegen Kinderarmut unternehmen, geben wir den Großteil einer ganzen Generation verloren", sagte Sabine Walther, Vorsitzende des Berliner Kinderschutzbundes, amMittwoch anlässlich des bevorstehenden Weltkindertages am 20. September. Häufig gehe die Armut einher mit Vernachlässigung, Gewalt und Suchtproblemen in der Familie.

Verwahrlosung und Schuleschwänzen

Erst am Mittwoch gab die Polizei bekannt, dass am Dienstagabend in Neukölln ein 13-jähriges Mädchen aus einer völlig verdreckten Wohnung geholt werden musste. Es soll seit den Sommerferien keine Schule mehr besucht haben. Alarmiert wurde die Polizei jedoch nicht von der Schule oder vom Jugendamt, sondern von Nachbarn, die sich wegen der Geruchsbelästigung beschwert hatten. Gegen die 35-jährige Mutter wird ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung der Fürsorgepflicht eingeleitet.

Solche Verwahrlosungen können vermieden werden, wenn die Hilfen für Familien viel früher ansetzen. Darüber sind sich die Experten einig. Funktionierende Modelle gebe es, es sei lediglich eine Frage des politischen Willens, sagt Sabine Walther vom Kinderschutzbund Berlin. Wie Kinderschutz funktionieren und damit sogar Geld gespart werden kann, beweist das Beispiel Dormagen nördlich von Köln.

In Köln kappt es besser

Vor fünf Jahren wurde hier ein Frühwarnsystem eingeführt, das dazu geführt hat, dass die Stadt laut Kinderschutzbund bundesweit die geringsten Kosten für Hilfen zur Erziehung pro Einwohner hat. Heinz Hilgers hatte als Bürgermeister von Dormagen das Konzept vor fünf Jahren eingeführt. Heute ist er Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Jedes neugeborene Kind wird in Dormagen von einem Mitarbeiter der Stadt mit einem Begrüßungspaket besucht. Die Eltern erhalten eine Urkunde, kleine Geschenke und bei Bedarf Hilfsangebote. "Das ist keine Frage der Kontrolle, sondern der Wertschätzung", sagt Hilgers: Wenn die Stadt den 100-Jährigen gratuliere, könne sie auch den Familien zur Geburt eines Kindes Glück wünschen.

Wenn die Kinder das dritte Lebensjahr erreicht haben und noch nicht in einer Kita angemeldet sind, werden die Familien erneut besucht. In Dormagen besuchte auch ohne Kitapflicht 100 Prozent der Kinder drei Jahre lang eine Kita, so Hilgers. In den Kindertagesstätten erhalten die Eltern nachmittags Erziehungskurse und Beratung. Heute, so Hilgers, gebe es zum Zeitpunkt der Einschulung kaum noch Sprachdefizite bei den Kindern.

Neukölln liegt vorn

Die Stadt Dormagen war auch das Vorbild für das Netzwerk Kinderschutz, das in Berlin 2007 beschlossen wurde. "Doch bis heute funktioniert das Netzwerk nicht wie geplant", sagt Sabine Walther vom Kinderschutzbund. In Bezirken mit besonders großer Kinderarmut wie Neukölln und Mitte würden längst nicht alle Eltern mit Neugeborenen besucht. Gleichzeitig steigen die Kosten des Kinderschutzes in Berlin.

#Wie berichtet, rechnet Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) damit, dass das Land Berlin für die Hilfen zur Erziehung, also für Familientherapeuten, Sozialarbeiter und stationäre Einrichtungen wie Kinderheime und -notdienste, in diesem Jahr 414 Millionen Euro ausgeben wird - 55 Millionen Euro mehr als vorgesehen. Damit erreichen die Hilfen zur Erziehung den höchsten Stand seit acht Jahren.

Investitionen zahlen sich aus

Der Kinderschutzbund fordert, zumindest in den besonders betroffenen Innenstadtbezirken das Dormagener Konzept modellhaft konsequent umzusetzen. Schließlich zahlten sich die Mehrausgaben schon in wenigen Jahren aus. Zudem sollen die Bedarfsprüfungen für die Nachmittagsbetreuung an den Grundschulen abgeschafft werden, fordert der Kinderschutzbund.

Derzeit haben nur berufstätige Eltern einen Anspruch auf einen Hortplatz. Nur in besonderen Notlagen können auch arbeitslose Eltern einen Hortplatz beantragen. "Statt das Geld für die Bürokratie auszugeben, sollten alle Kinder, die am Nachmittagsprogramm teilnehmen wollen, auch die Möglichkeit dazu bekommen", sagt Walther. Zudem fordert der Kinderschutzbund die Einrichtung von Eltern-Kind-Zentren in den Brennpunktgebieten.

Warmes Mittagessen und Hausaufgabenhilfe

Der Kinderschutzbund betreibt selber eine Kita und eine Beratungsstelle für Familien an der Malplaquetstraße in Wedding. Die Erzieher erhalten eine Schulung zur Armutskompetenz. Dazu gehört beispielsweise, dass von den Eltern keine Beiträge für Ausflüge verlangt werden. Stattdessen wird in der Einrichtung eine Ausstattung mit Schlittschuhen, Gummistiefeln und Badesachen für jedes Kind vorgehalten. Das Frühstück bringen die Kinder nicht von zu Hause mit, sondern erhalten es in der Einrichtung. Im benachbarten Schülerclub werden Kinder aus den Grundschulen nachmittags betreut. Sie erhalten ein warmes Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben.

In den kommenden Tagen will der Kinderschutzbund mit einer Kampagne auf die Ausgrenzung armer Kinder aufmerksam machen. Mit rotem Flatterband werden Einrichtungen symbolisch abgesperrt, die für Kinder aus armen Familien nicht zugängig sind. Das können Kultureinrichtungen, Gymnasien oder Sportvereine sein.