Spree-Leiche

Ehemann soll vierfache Mutter getötet haben

Fast acht Wochen wurde eine 28 Jahre alte Mutter von vier Kindern vermisst. Nun hat die Berliner Polizei ihre Leiche aus der Spree geborgen und nur wenig später ihren Ehemann festgenommen.

Foto: Steffen Pletl

Für die türkischstämmige Familie M. aus Reinickendorf und deren Angehörige haben sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Fast acht Wochen bangten die vier Kinder und deren Großeltern um eine 28-Jährige, die seit dem 29. Juni vermisst wurde. Keine 24 Stunden nach dem Fund einer weiblichen Leiche in Charlottenburg kam nun die traurige Gewissheit. Bei der Toten aus der Spree handelt es sich um die vierfache Mutter Gülsen M. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde die Frau von ihrem Ehemann getötet. Der 34-jährige Faricin M. wurde am späten Montagvormittag von Kriminalbeamten in seiner Wohnung im Märkischen Viertel unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die vorsätzliche Tötung seiner Ehefrau vor. Ob es sich dabei aus juristischer Sicht um einen Mord handelt, müssen die Ermittlungen der 8. Mordkommission klären. Ermittlerkreisen zufolge spreche einiges dafür, dass als Motiv der Umstand in Frage komme, dass sich das Opfer von seinem Ehemann trennen wollte.

Was Ende Juni zunächst als Vermisstenfall begonnen hatte, ist nun zum tödlichen Familiendrama geworden. Bereits nach gut einer Woche hatte sich eine Mordkommission in die Ermittlungen zu dem Verschwinden von Gülsen M. eingeschaltet. Nicht zuletzt, weil es mehr als ungewöhnlich erschien, dass eine Mutter ihre erst acht Monate alte Tochter im Stich lässt – ganz zu schweigen von den drei älteren Söhnen im Alter von sieben, acht und neun Jahren.

Auch der 34 Jahre alte Ehemann war im Juli von den Kripobeamten befragt worden. Ein dringender Tatverdacht hatte sich damals jedoch nicht ergeben. Am Sonntagabend dann entdeckten Passanten gegen 19.50 Uhr in der Nähe der Charlottenburger Schleuse einen auf der Spree treibenden Plastiksack und riefen die Polizei. In Höhe des Nonnendamms konnten Beamte der Wasserschutzpolizei den Sack bergen. Sie machten eine grausige Entdeckung: In dem Müllsack befand sich ein Leichnam. Wie lange das Behältnis schon im Wasser gelegen hatte, blieb zunächst unklar. Ebenso ist noch offen, wie sich das Verbrechen abgespielt hat und wo der Plastikbeutel versenkt worden ist. Nach Informationen von Morgenpost Online wies die Leiche Spuren von zahlreichen Stichverletzungen auf. Frühere Angaben, die Tote sei zerstückelt gewesen, bestätigten sich nicht. Beamte der Mordkommission untersuchten bis in die Nachtstunden die Umgebung des Fundortes nach Spuren.

Am Montagvormittag bezogen dann Kriminalbeamte einer Fahndungs- und Observierungseinheit der örtlichen Polizeidirektion1 Stellung vor einem Hochhaus am Dannenwalder Weg. Im obersten Stockwerk des achtgeschossigen Wohnhauses lebte das Ehepaar M. mit den vier Kindern. Am Morgen war auch Gülsens Schwiegermutter in der Wohnung. Faricin M. war vormittags noch im nahen Supermarkt einkaufen. Minuten später klickten die Handschellen. Vier Kripobeamte nahmen den 34-Jährigen in seiner Wohnung fest. Der Tatverdächtige wurde anschließend zur Vernehmung beim Mordkommissariat abtransportiert.

Nur wenige Minuten nach der Festnahme ihres Vaters kehrten die beiden ältesten Söhne von Gülsen M. aus der Schule zurück. Wenig später, gegen 13 Uhr, verließen die beiden Jungen mit ihrer Großmutter den Wohnblock.

Nachbarn entsetzt

Nachbarn am Dannenwalder Weg zeigten sich entsetzt über den Verdacht gegen den Ehemann. Die Familie lebe erst seit zwei, drei Jahren in dem Hochhaus am Rande des Märkischen Viertels, hieß es. Anwohner erzählten , dass die attraktive 28-Jährige offenbar keine glückliche Beziehung führte. Sie habe sich von ihrem Mann trennen wollen, wurde übereinstimmend berichtet. Es gab auch Gerüchte, die junge Frau sei öfter von ihrem Ehemann geschlagen worden. „Ich habe mich gewundert, dass die Frau vor ihrem Verschwinden in kurzer Zeit so stark abgenommen hat“, sagte Nachbarin Gudrun Schleiermacher der Berliner Morgenpost. Im Umfeld hieß es weiter, der 34-Jährige habe versucht, die kriselnde Ehe zu retten. Der Mann habe eine gemeinsame Urlaubsreise ohne die Kinder geplant. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts, offenbar wollte Gülsen M. nicht mit ihrem wegen diverser Gewaltdelikte vorbestraften Mann wegfahren. Auffällig ist, dass es Gülsens Eltern waren, die sich am 30. Juni besorgt an die Polizei gewandt und eine Vermisstenanzeige erstattet hatten. Einen Tag zuvor hatten Cengiz und Sosun B. von ihrem Schwiegersohn erfahren, dass Gülsen nicht mehr bei ihren Kindern sei. Er habe sie nur kurz am Telefon informiert, dass seine Frau verschwunden sei, ohne irgendwelche näheren Erklärungen abzugeben, berichteten die besorgten Eltern den Beamten. Ihre Tochter habe ständigen und engen Kontakt zu ihnen gehabt. Dass sie tagelang nicht zu erreichen ist, sei noch niemals vorgekommen, gaben die Eltern bei der Polizei an.

Als von der 28-jährigen vierfachen Mutter nach mehr als einer Woche immer noch kein Lebenszeichen kam, schaltete sich die Mordkommission in den Fall ein. Man könne nach bisherigem Kenntnisstand nicht ausschließen, dass die türkischstämmige Mutter einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, sagte ein Polizeisprecher damals. Am 8. Juli durchsuchten Kripobeamte die Wohnung der Familie, setzten dabei Spürhunde ein und untersuchten auch das Auto. Im Kofferraum des Ford Mondeo machten die Ermittler einen seltsamen Fund – drei nagelneue Schaufeln und eine Spitzhacke. Was wollte Faricin M., der keiner geregelten Beschäftigung nachging, mit den Gartengeräten, rätselten die Ermittler. Eine Laube besitzt die Familie nicht. Auch die Verwandten fanden dafür keine Erklärung. Offenbar konnte der 34-Jährige den Beamten aber eine Antwort liefern. Einen konkreten Verdacht ergab die Durchsuchung nicht. Doch die Ermittler dürften Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Mannes gehegt haben. Aussagen über häusliche Gewalt durch Gülsens Eltern und die kolportierten Trennungsabsichten blieben den Polizisten im Zuge der Ermittlungen nicht verborgen.

Kripobeamter spricht von Ehrenmord

Nach dem grausigen Leichenfund zog ein Kripobeamter eine Parallele zum Tod der Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü. „Das Verbrechen an der Türkin kann durchaus als Ehrenmord klassifiziert werden“, so der Beamte. Hätte die mehrfache Mutter ihren Mann verlassen, hätte das eine Verletzung der Ehre des Mannes bedeutet. Sicher sei die Tat nicht im Detail mit dem Fall Sürücü zu vergleichen, bei der per Familienrat das Todesurteil beschlossen wurde. Doch der Entschluss, in Zukunft frei handeln und denken zu wollen, könne gleichgesetzt werden mit Hatun Sürücüs Streben nach einem von westlichen Werten geprägten Leben.

Gülsen M.'s Eltern hatten die Hoffnung, ihre Tochter lebend und wohlbehalten wiederzusehen, bis zuletzt nicht aufgegeben. Sie verteilten Suchplakate mit Foto und initiierten Suchaufrufe, die Ende Juli in zwei türkischsprachigen Zeitungen und deren Internetauftritten verbreitet wurden. Vergebens.