Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) sieht in den steigenden Kosten bei den Hilfen zur Erziehung ein Problem für den Haushalt. Er arbeitet darauf hin, dass deutlicher zwischen dem Auftraggeber, den Jugendämtern der Bezirke, und den Auftragnehmern, den freien Trägern, getrennt wird. Zurzeit läuft eine Tiefenprüfung. In drei Bezirken werden jede Akte gesichtet und die Ermittlungskriterien für die Vergabe der Hilfen zur Erziehung bestimmt. Der Senator will Indikatoren ermitteln, damit Fälle in allen Bezirken gleich gehandhabt werden. Zudem wird die Wirkung der Hilfen zur Erziehung geprüft. Ende 2010 will er die Ergebnisse vorstellen. In diesem Jahr werden die Kosten für Kinder in Not, die in Heimen leben oder Hilfe durch Sozialarbeiter benötigen, auf 414 Millionen Euro und damit ein neues Acht-Jahres-Hoch steigen.
Zum Beispiel Tempelhof-Schöneberg. In immer mehr Fällen müssen die Jugendämter eingreifen, um Kindern in Not zu helfen. Allein im ersten Halbjahr 2010 mussten Kinder in 575 Fällen (2009: 544 Fälle) aus ihren Familien herausgenommen und in Heimen und Noteinrichtungen untergebracht werden. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Steigerung von 5,7 Prozent. Die Zahl der ambulanten Familienhilfen, in denen Therapeuten in die Familien gehen, stieg von 559 auf 622 Fälle, was einem Plus von 11,3 Prozent entspricht. Die Zahl der teilstationären Hilfen stieg um sieben auf 127 Fälle an (+5,8 Prozent). „Es werden uns viel mehr Fälle von möglicher Kindesgefährdung gemeldet. Und wir wollen genau hingucken, damit uns kein Kind verloren geht“, sagte die Jugendstadträtin des Bezirks, Angelika Schöttler (SPD). Bei den Verdachtsmomenten gab es im ersten Halbjahr 2010 ein Plus von 20 Prozent (434 gemeldete Fälle). Schöttler verwies auf die Kampagnen der vergangenen Jahre und Berichte über vernachlässigte Kinder, mit denen die Bevölkerung, aber auch die Erzieherinnen in den Kitas, die Lehrer und die Polizei für eine mögliche Kindeswohlgefährdung sensibilisiert wurden.
Dirk Paelecke ist seit zehn Jahren in der Familienhilfe in Marienfelde und Lichtenrade tätig. Der Geschäftsführer der AHB Berlin Süd kennt die Veränderungen der vergangenen Jahre. Die Jugendämter der Bezirke setzten vermehrt auf ambulante Hilfen, um so früh den Kindern in prekären Lagen zu helfen, damit sie nicht in die teuren Heime und stationären Einrichtungen eingewiesen werden müssen. „Aber die sozialen Probleme haben so zugenommen, dass auch die Fallzahlen deutlich steigen“, berichtet auch Paelecke, dessen Mitarbeiter eng mit dem Jugendamt zusammenarbeiten. Denn die Behörden sind aufgrund von Personalkürzungen häufig nicht in der Lage, ersten Warnhinweisen direkt nachzugehen. Deswegen gehen die AHB-Sozialarbeiter zu einem „Clearing“ in die Familien, um zu schauen, ob und wenn welche Hilfe nötig ist.
Kritiker sehen in einer zu engen Zusammenarbeit von Jugendamt und freien Trägern allerdings die Gefahr, dass die Jugendämter die Pädagogen der freien Träger zu schnell einsetzen. Hinzu kommt der Druck innerhalb der Behörden, beim Kinderschutz keine Versäumnisse aufkommen zu lassen. Deswegen werde auch schneller Hilfe bewilligt als nötig sei, heißt es bei den Finanzpolitikern des Abgeordnetenhauses. Dem halten die Bezirksstadträte entgegen, dass es mehr Fälle gebe und jede Familie in Not einen gesetzlichen Anspruch auf Hilfe habe. „Ein besserer Kinderschutz, den wir ja wollen, kostet eben auch Geld“, sagte Jugendstadträtin Schöttler. Sie verwies darauf, dass schon in den vergangenen Jahren deutliche Schranken für die Bewilligung der Hilfen eingezogen worden seien. So gebe es bei der Auftragsvergabe im Jugendamt das Vier-Augen-Prinzip.




