Integration

Berliner Migrationsforscherin widerspricht Sarrazin

Anders als Thilo Sarrazin sieht die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan bei der Integration hierzulande große Fortschritte. Vor allem Berlin ist für sie beispielgebend.

Foto: Christian Hahn

Noch vor wenigen Wochen war die Deutsch-Iranerin Naika Foroutan allenfalls Fachleuten ein Begriff, die sich mit dem Thema Bildung von Migranten beschäftigen. Dies hat sich geändert, seit Reinhold Beckmann und Maybrit Illner sie in dieser Woche als Gastrednerin geladen hatten, um von ihr eine Meinung zu Thilo Sarrazins Thesen über Bildungserfolge von Migranten einzuholen. Foroutan leitet ein Forschungsprojekt an der Humboldt-Universität, welches sich mit Statistiken zur Lage der Migranten in Deutschland befasst.

Morgenpost Online: Frau Foroutan, in diesen Tagen wurde der Preis "Berliner Tulpe" ausgeschrieben, der Vereine und Projekte auszeichnen soll, die sich für den deutsch-türkischen Gemeinsinn vorbildlich einsetzen. Wie werten Sie solch ein Engagement vor dem Hintergrund der Debatte um Sarrazins Buch?

Naika Foroutan: Seit der Islamkonferenz 2006 gab es immer mehr solche Aktionen, auf unterschiedlichen Ebenen, ein Prozess der Vergemeinschaftung. Bei der Konferenz hatte ja der damalige Innenminister Schäuble erklärt, dass der Islam Teil unserer Vergangenheit und Zukunft ist und dass auch die Muslime zu Deutschland gehören. Das war eine Zäsur und eine wichtige Wegmarke zum Positiven. Die fünf Jahre davor waren dagegen geprägt von einer "gesellschaftlichen Vergiftung", einer Entfremdung und Polarisierung, der Trennung in eine westliche und islamische Welt. Muslime wurden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als Vorlage für Feindbilder benutzt. Die gibt es ja immer in Einwanderungsnationen. Am Anfang waren es "die Italiener", "die Türken", "die Gastarbeiter" und dann irgendwann die "Ausländer". Nach dem 11. September wurden aus den Ausländern "die Muslime", die als Bedrohung empfunden wurden.

Morgenpost Online: Ist das nicht eher eine Sichtweise, die von einigen Medien gepflegt wird? Der Otto-Normal-Deutsche, der etwa in Berlin aufgewachsen ist, hat in der Regel doch keine Ressentiments!

Foroutan: Natürlich ist nach dem 11. September jeden Tag irgendeine Nachricht über eine schreckliche Tat oder ein Attentat mit muslimischen Tätern irgendwo auf der Welt in die Wohnzimmer eingesickert und wurde dann hier unterfüttert mit Begrifflichkeiten wie Ehrenmord, Zwangsehe, Integrationsverweigerer, Bildungsabsteiger, Sozialschmarotzer. Dieser Wortschatz wurde dann mit dem Islam und den Muslimen in Verbindung gebracht – und das hat in den ersten fünf Jahren nach dem 11. September die "gesellschaftliche Vergiftung", von der ich sprach, begünstigt. Immerhin titelte dann 2006 zum Auftakt der Islamkonferenz die FAZ: "Auch wir können von den Muslimen lernen?" Das war eine Trendwende, davor gab es eine massive Verschärfung der Sicherheitsgesetze oder etwa die Rasterfahndung, von der viele Muslime in Deutschland auch betroffen waren.

Morgenpost Online: Gleichwohl gibt es dann solch versöhnliche Worte, wie die von Schäuble zum Islam? Glauben Sie, dass eine Mehrheit der Deutschen das auch so sieht?

Foroutan: Noch nicht. Ich glaube, dass Schäuble da sehr weit in die Zukunft geschaut hat. Aber er hat ja seinerzeit auch als Innenminister argumentiert. Er sah die Gefahrenlage und erkannte, wenn wir hier jetzt nicht reingrätschen, dann könnten vielleicht auch hier irgendwann Straßenkriege wie in den Vororten von Paris entstehen. In Deutschland ist die Situation aber vergleichsweise gut. Seit fünf Jahren gibt es von der gesamten Bundesregierung ernsthafte, wahrhaftige Bemühungen den Islam als Teil Deutschlands zu sehen, vergleichbar dem Judentum oder anderen Religionen.

Morgenpost Online: Agiert Berlins Innensenator Körting auch so vorbildlich?

Foroutan: Herr Körting ist wirklich ein Vorreiter in dieser Debatte um den Islam. Er hat ja an seiner Seite auch eine kompetente Beraterin mit palästinensischem Hintergrund, die sehr vertraut ist mit allen relevanten Daten zu Berlinern mit Migrationshintergrund. Körting hat seinem Parteikollegen Sarrazin deshalb auch viele Zahlen entgegensetzen können, die dessen Thesen widersprechen.

Morgenpost Online: Die verstorbene Jugend-Richterin Kirsten Heisig hätte sicher einige von Sarrazins Argumenten gestützt, etwa die, dass es eine auffällige Häufung bei Straftaten in Milieus mit Migrationshintergrund gibt.

Foroutan: Sarrazin spricht hier Straftaten an, die von Mitgliedern arabischer Clans begangen werden. Das hat nichts mit dem Islam zu tun.

Morgenpost Online: Dennoch haben sich junge Gewalttäter im Falle der Ehrenmorde auf ein höheres, kulturell und religiös verankertes "Recht" berufen.

Foroutan: Die Clans kann man durchaus mit Strukturen der italienischen Mafia vergleichen. Deren Bosse haben auch gemordet und oft Worte wie Ehre und Gott angeführt. Auch deren Taten sind letztlich nur kriminelle. Und die Täter bezeichnen sich als urkatholisch. Aber niemand käme auf den Gedanken, von einer katholischen Mafia zu reden. ….

Morgenpost Online: Nun relativieren Sie.

Foroutan: Es geht nicht darum zu beschwichtigen. Die Richterin Heisig war sehr kritisch, Körting ist es und Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky auch. Aber das alles wird mit Interesse vorgetragen und einem liebenden Blick für die Menschen, die als Kerngruppe angesprochen werden. Kirsten Heisig war sehr beliebt in ihrem Kiez. Bei der Trauerfeier war die Kirche zu drei Vierteln voll mit Muslimen. Das hat bestätigt, dass Muslime sich nicht immer in der Opferrolle sehen, sondern für Kritik offen sind. Es muss nur klar sein, dass die Kritik dient, um weiterzukommen, etwas zu verbessern, und zwar gemeinsam.

Morgenpost Online: Sehen Sie die Gesellschaft nicht etwas zu positiv? Bei "Beckmann" in der ARD führten Sie Zahlen an, wonach die Zahl der Abiturienten etwa bei den Türken um mehr als 900 Prozent gestiegen sei.

Foroutan: Natürlich hat man immer seine eigene Brille auf. Aber die Zahlen habe ich mir nicht ausgedacht. Sie stammen aus dem Mikrozensus und aus der ersten groß angelegten repräsentativen Studie "Muslime in Deutschland" vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sie widerlegen die Argumentation Sarrazins, wonach bei Muslimen kaum Bildungsverbesserungen zu beobachten sind. Als die ersten Türken einwanderten, hatten 3 Prozent eine Hochschulreife, heute, also in der 2. und 3. Generation, machen ca. 27 Prozent Abitur bzw. Fachabitur (ca.18 Prozent Abitur). Das entspricht einer Steigerung von 800 bis 900 Prozent.

Morgenpost Online: Dazu muss man doch sagen, wenn man von ganz unten kommt, sind die Steigerungen immer groß. Die meisten, die kamen waren ja bäuerlicher Herkunft, da konnte es ja nur besser werden.

Foroutan: Das stimmt, aber es wurden damals ja auch Kohlenschlepper und Leute fürs Fließband gesucht, um Deutschland mit aufzubauen und keine Informatiker.

Morgenpost Online: Sie führten im Fernsehen eine andere Zahl an, dass der Anteil der "Ausländer", speziell der Türken, 83 Prozent betrage, die alle "gut" oder "sehr gut" Deutsch sprechen.

Foroutan: Die Zahlen sind eine Fremdzuschreibung, geben also wider, wie die Interviewer dies beurteilen.

Morgenpost Online: Deshalb muss es noch nicht stimmen. Ein Spaziergang durch Neukölln lässt anderes vermuten.

Foroutan: Wir unterscheiden ja zwischen der Zuwanderergeneration und der heutigen. Bei der ersten Generation liegt der Wert eben nicht bei 83 Prozent, sondern bei ca. 58 Prozent im Falle der Männer und bei den Frauen bei ca. 35 Prozent. Die Bertelsmann-Stiftung hat letztes Jahr eine Umfrage bei Allensbach in Auftrag gegeben, die besagt, dass 70 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund ab 16 Jahren gut oder sehr gute Deutschkenntnisse vorweisen können – und zwar nicht nach ihrer eigenen Einschätzung, sondern nach Einschätzung der Interviewer.

Morgenpost Online: Dennoch beklagen Pädagogen, dass es auch heute oft an einfachsten Dingen im Sprachschatz fehle. Ich erlebe Berlin anders.

Foroutan: Sie müssen sehen, dass die Studien Gesamtdeutschland abbilden. In Stuttgart oder Köln, z.B. bei Ford oder Daimler, hat eine andere Arbeitssozialisation stattgefunden, da musste man mit dem Kollegen deutsch sprechen, ebenso bei den Kumpels im Ruhrpott. Heute kann man Deutschdefizite sehr früh durch Sprachförderung bereits in der Kita angehen. Und das geschieht auch. Das zeigt, es gibt einen Trend zur stetigen positiven Verbesserung. Das ist eben nicht das statische Bild, das Sarrazin in seinem Buch entworfen hat, in dem für Muslime eigentlich nur Stagnation konstatiert wird.

Morgenpost Online: In der "Berliner Zeitung" schilderte eine junge Aushilfslehrerin ihr Berufsleben in einer Klasse in Wedding. Einer Klasse mit mehr als 85 Prozent Migrantenanteil. Der Artikel vermittelte keine Aussichten. Er war überschrieben mit den Worten: "Du Frau, gucken nach unten…" Das war Kapitulation!

Foroutan: Ich habe den sehr berührenden Artikel auch gelesen. Aber es gibt auch Beispiele wie das der Rütli-Schule, die der Bezirk mit viel Engagement und Geld zu einer Vorzeigeschule "gedreht" hat. Auch dort waren die Zustände vor wenigen Jahren haarsträubend. Der Wandel wurde geschafft. Insgesamt ist Berlin in vielen "Migranten-Belangen" Beispiel gebend, etwa beim Quartiersmanagement. Aber man muss auch selbst aktiv werden. Mir war es wichtig, dass meine Kinder nicht in diesem Elfenbeinturm in Mitte, wo ich wohne, aufwachsen, sondern dass sie in eine Kita kommen, wo es neben Paul und Paula auch Aysche und Ali gibt, in Wedding. Das tun leider viel zu wenige. In der Hinsicht findet auch von Seiten der Etablierten in Alt-Mitte eine Integrationsverweigerung statt. Das Deutschland, von dem Herr Sarrazin redet, gibt es doch kaum noch. Wenn mehr Menschen, und da schließt sich der Kreis zum Gesprächsanfang mit der "Berliner Tulpe", etwas tun, um Brücken zu bauen, dann hätte Herr Sarrazin weniger Gelegenheit, einige der durchaus vorhandenen Missstände zu beklagen. Leider zeigt er zu wenige Lösungen auf.

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