Charité

Wo Babys in Berlin um ihr junges Leben kämpfen

Der Klinikskandal von Mainz hat die Arbeit auf Säuglingsstationen ins Bewusstsein gebracht. Morgenpost Online hat die Berliner Charité, das größte Perinatalzentrum des Landes, besucht.

Die jüngsten Menschen von Berlin leben hinter sehr vielen Türen. Am Ende langer, fahl beleuchteter Gänge mit verwirrenden Wegweisern. Im zweiten Stock eines Gebäudes, dass Bettenhochhaus genannt wird und genau das ist, was man sich darunter vorstellt. Man muss an Gegensprechanlagen und resoluten Schwestern vorbei, um zu ihnen zu kommen, durch Räume, die nach Desinfektionsmitteln riechen. Die jüngsten Menschen von Berlin sind ein paar Tage alt, und sie sind zu früh auf die Welt gekommen, einige von ihnen viel zu früh.

Sie brauchen Hilfe beim Atmen, beim Trinken, beim Leben. Auf die abgedunkelten Scheibe, hinter der ihre Betten stehen, hat jemand in rund geschwungenen Buchstaben geschrieben: Psst, wir wachsen. Hinter der Scheibe, neben den Betten, sitzen Eltern, die darauf warten, manchmal Tag und Nacht. Sie sitzen zwischen Gardinen und Kissen in fröhlichen Farben, zwischen Sonnen und Clowns und Blumen auf Bildern und Mobiles, die von den Decken hängen, und vor allem für sie da sind. Auf der Station 107i/108i der Charité. I wie intensiv.

Hin und wieder, sagt eine Schwester, vergessen das selbst die Eltern fast: Es ist eine Intensivstation. Aber in dieser Woche gab es kaum jemanden, der es vergaß, im Gegenteil. Die Besorgnis wuchs, und mit ihr kamen die Fragen. Längst nicht nur von den Eltern. Vielleicht, weil es die Jüngsten traf. Die so offensichtlich Hilflosesten.

An der Universitätsklinik in Mainz starben zwei Säuglinge auf der Intensivstation, nachdem sie eine verschmutzte Infusionslösung bekommen hatten. Auch ein Frühgeborenes überlebte nicht, es starb zwei Tage später. Tagelang wurde nach der Ursache gesucht, niemand schien sie zu finden. Ein Fehler bei der Herstellung der Lösung wurde vermutet, vielleicht sogar ein Fehler der Mitarbeiter – was sich als falsch herausstellte. Das Wort Skandal stand plötzlich im Raum. Politiker sprachen von dringendem Handlungsbedarf bei der Krankenhaushygiene.

Wer auf der Station 107i/108i arbeitet, weiß das und hatte deshalb keine so leichte Woche. Claudia Kilian, pflegerische Leiterin, früher hätte man gesagt: Oberschwester, musste noch ein bisschen mehr beruhigen als sonst. Sie ist eine kleine Frau, die nach Tatkraft aussieht, nach Anpacken und Erledigen, nach jemandem, der Sorgen Handeln entgegensetzt.

Durch das Glasfenster ihres Büros sieht sie direkt auf die abgedunkelten Scheiben der Krankenzimmer und auf die Eingangstür der Station. Durch die dürfen nur diejenigen, die hier arbeiten. Und die Eltern. Sicherheitsmaßnahme. Es gibt noch weitere, und natürlich haben sie diese Woche besonders darauf geachtet, vorsichtshalber, sagt Claudia Kilian. Das Wichtigste wissen alle schnell. Mundschutz, wenn es nötig ist. Spezialkleidung, wenn es sein muss. Und, natürlich: Hände waschen, desinfizieren, Hände waschen, desinfizieren, sagt sie. Mehrere Dutzend Mal, jeden Tag.

Manche der Kinder wiegen nicht einmal 1000 Gramm

Es ist im Grunde nicht schwer, daran zu denken, wenn man ihre Patienten sieht, für die selbst Worte wie: winzig, oder auch: zerbrechlich noch zu wenig scheinen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass viel von dem Leben vor den Türen für sie gefährlich ist. Die Frühgeborenen sind kaum zu sehen unter den aufgeplusterten Decken, zwischen den Kabeln und Kanülen und Sonden.

Über ihnen flackern auf Monitoren Kurven und Ziffern: Herzschlag, Atmung, Sauerstoffsättigung. Manche der Kinder wiegen nicht einmal 1000 Gramm. Nähme man sie heraus, passten sie auf eine Hand. Sie liegen in Inkubatoren, Brutkästen, hinter weiteren Türen, im hinteren Teil der Abteilung, die tatsächlich zwei Stationen umfasst: 107i, Intensivtherapie. Und 108i, Intensivüberwachung – wenn es den Kindern schon besser geht. Claudia Kilian arbeitet seit 27 Jahren auf Neonatologie-Stationen, aber sie sagt: Natürlich, als sie das erste Mal mit einem sehr unreifen Frühchen in Berührung kam, damals, als Schwesterschülerin, da war sie ängstlich. Und irgendwie ehrfurchtsvoll. So klein und dennoch: ein kompletter Mensch.

Damals, könnte man sagen, war klein etwas anderes als heute. 28. Schwangerschaftswoche, das war 1983 schon sensationell, sagt Claudia Kilian. Die Definitionen von Frühgeborenen gehen ungefähr so: 40 Wochen wäre normal, bis fünf Wochen darunter ist zu beobachten, und wirklich kritisch wird es, wenn die Schwangerschaft weniger als 29 Wochen dauert.

Dennoch ist es heute nichts Ungewöhnliches mehr, wenn Kinder in der 25.Schwangerschaftswoche entbunden werden. Es gibt Länder, da erhalten sie erst dann lebenserhaltende Maßnahmen, in der Schweiz etwa. Es gibt andere Länder wie die USA, da werden auch Kinder, die in der 22.Woche auf die Welt kommen, intensivmedizinisch behandelt. Theoretisch ist das auch in Deutschland möglich. Eine Grauzone, die letztlich von einer Frage bestimmt wird, die schwer zu stellen ist.

Die auch Schwestern nicht gern beantworten wollen: Nicht nur ob, sondern wie die ganz frühen Frühgeborenen überleben. Und wie sie weiterleben. Im letzten Jahresbericht der Neonatologie der Charité steht: Neun Kinder, die bereits in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, wurden auf der Station behandelt. Sieben überlebten. Es ist nicht komplikationslos, sagt Claudia Kilian. Und eilt zurück zu ihrem Büro.

Es ist findet gleich eine Übergabe statt, die Schwestern und Ärzte auf der 107i/108i arbeiten in drei Schichten, sie sind ständig da. Die Frühschicht geht, das Nachmittagsteam kommt, anschwellendes Gemurmel in den Gängen, in die Stille, und das ist, wenn man es merkt, ein bisschen beängstigend: Es ist viel zu still für Räume, in denen drei, vier, fünf Babys liegen. Die Schwestern sagen, die Kinder sind gewöhnt, wenn man an ihren Betten normal spricht. Aber selbst sie fangen an zu flüstern, manchmal. Weil man eben flüstert vor einem Menschen, dessen Ohren so groß sind wie ein Daumennagel. Und der meistens schläft.

Es gibt nur wenige Unterbrechungen. Gefüttert werden ist eine, das passiert mehrfach am Tag. Gewickelt werden ist eine andere, das passiert noch häufiger. Und berührt, gestreichelt, gehalten werden, das passiert je nachdem, und es ist mindestens so wichtig. Damit sie wachsen. Mia, 70 Tage, hält davon gerade nicht so viel. Sie ist wach, sehr wach. Die Augen weit aufgerissen. Sie hat jetzt Programm, das heißt: Zum ersten Mal in ihrem Leben baden.

Mia wiegt 1600 Gramm, 1000 mehr als bei ihrer Geburt, nach 28 Wochen. Sie hat das selbstständige Atmen gelernt, und sie trinkt, gelegentlich zumindest. Manchmal braucht sie die Magensonde, sie braucht die Ärzte noch und die Apparate. Aber als sie neben der Wanne liegt, weiß sie auch sehr genau, was sie nicht braucht. Sie meckert ein bisschen, ein leicht gurrendes, helles Meckern, das zum Schreien zu werden droht, schüttelt eine Faust. Sie will nicht aus dieser Decke gewickelt werden, Wärmelampe hin oder her. Sie mögen das nicht, so ohne Schutz um sie herum, flüstert die Schwester. Aber dann hebt ihre Mutter sie vorsichtig ins Wasser. Und auf einmal scheint es, als lächele Mia. Als lächele sie alle an.

Die Mutter von Mia heißt Christin Mannschatz und ist 22 Jahre alt, sie hat die vergangen Wochen hauptsächlich auf der Station verbracht. Eigentlich hätten Mia und ihr Zwilling Nele erst im September geboren werden sollen, aber sie wusste schon früh, dass es anders kommen würde. Die Ärzte hatten ihr dazu geraten, weil sonst das Leben eines Kindes in Gefahr gewesen wäre. Erschreckt hat sie es, natürlich, sagt sie. Und leicht war es nicht, die Kinder nach der Geburt im Inkubator zu sehen. „Man stellt sich ein Baby ja anders vor“, sagt sie.

Aber man gewöhne sich dran. Schnell. „Es sind doch die eigenen Kinder. Man möchte sie doch anfassen. Bei ihnen sein.“ Mia schläft schon wieder. Wenn ihre Mutter nicht bei ihr sein kann, sind es da die Schwestern. Es gibt Ärzte die sagen, medizinische Hightech ist eine Sache. Die Augen und Hände der Schwestern, die seit Jahren Frühchen versorgen, das andere. Manchmal merken sie etwas, das den Apparaten entgeht.

Die Zahl der Frühgeburten nimmt in Deutschland zu

Claudia Kilian steht wieder vor dem Überwachungsmonitor, auf dem es sofort aufleuchtet, wenn bei einem Kind etwas nicht stimmt. Es gibt einige Nachnamen, die stehen gleich zweimal auf dem Bildschirm. Es gibt viele Zwillinge auf der Station 107i/108i, viel mehr als früher, sagt Claudia Kilian. Und es gibt generell mehr Frühgeborene. Das habe mit dem zunehmenden Alter der Mütter zu tun, sagen Experten, und mit künstlichen Befruchtungen, die Mehrlingsgeburten begünstigen. Aber zu früh ist eben auch eine Frage der Definition. Sehr früh, also vor der 29. Schwangerschaftswoche, kommen von den rund 35.000 Berliner Babys im Jahr weniger als 1 Prozent. Etwas zu früh kommen viele. Den meisten kann geholfen werden. Fast alle können die Station 107i/108i irgendwann verlassen.

Claudia Kilian sagt, der schönste Moment für sie sei es, wenn ein Kind nach Hause kann. Wenn die Eltern sich verabschieden, um es abzuholen, nach Wochen, manchmal Monaten. Claudia Kilian sagt, wenn sie gehen, sage sie den Eltern: Machen sie etwas draus. Dann wünscht sie sich, dass es gut weitergehen wird. „Dass es ein anständiger Mensch wird. Verstehen Sie?“

Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie und damit Chefarzt der Station 107i/108i, sagt, dass seit dem Mainzer Skandal überall diese Fragen sind. Kann das hier auch passieren, kann das überall passieren? Er sagt dann immer wieder: „Da werden jetzt Themen vermischt, die nichts miteinander zu tun haben.“ Da wäre einerseits das, was in Mainz passiert sei – ein Fehler beim Aufziehen einer Infusion, vermutlich. Eine kaputte Flasche, wie es gegen Wochenende hieß. Menschliches oder technisches Versagen – aber ein Einzelfall.

Und da ist das Problem der Krankenhauskeime: Leider gar kein Einzelfall, sondern ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem, das sehr viel mit dem falschen Einsatz von Antibiotika zu tun habe, wodurch sich über kurz oder lang resistente Keime bildeten. Er sagt, dieses Problem sei nur dann zu lösen, wenn sich alle, in Krankenhäusern, Praxen, in der Tiermedizin klar machten, dass man mit Antibiotika bedachtsam umgehen müsse. Am Ende der Kette würden die Keime zu einem Problem auf den Intensivstationen. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen.

Christoph Bührer ist ein großer, sehr schlanker Mann, der zum Erklären seine Hände braucht, er braucht sie oft, denn auch darin besteht seine Arbeit: im Erklären. Vor allem den Eltern. Er sagt, er könne die Angst verstehen, denn für diese Kinder könne ja selbst ein normaler Keim ein großes Problem werden. Möglicherweise tödlich. Aber er sagt auch, sie hätten einen Vorteil in der Neonatologie: „Wir haben die Natur im Rücken“. Die Kinder fingen klein an und hätten viele Probleme. „Wir müssen gut auf sie Acht geben in dieser Zeit – aber sie werden größer und wachsen aus den Problemen heraus. “