In der Bibel ist die Arche ein Schiff, das Mensch und Tier vor der Sintflut rettet. In Hellersdorf ist die Arche ein etwas heruntergekommenes ehemaliges Schulgebäude. Jeden Tag kommen 300 Kinder hierher, manchmal sind es sogar 600. Es gibt ein kostenloses Mittagessen, Freizeitangebote – aber auch Aufmerksamkeit und Lebenshilfe. 1995 gründete der freikirchliche Pastor Bernd Siggelkow (46) in Berlin das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“. Mittlerweile gibt es bundesweit neun Kitas, in denen etwa 300 Mitarbeiter täglich mehr als 2000 Kinder versorgen.

Das Erste, woran ich mich wirklich erinnere, ist ein Umzug. Für eine kurze Zeit verließen wir St. Pauli und zogen in einen kleinen Ort in Niedersachsen, aber nicht weit von Hamburg entfernt, wo sich mein Vater eine kleine Zoohandlung aufgebaut hatte. Allerdings stand nicht er im Laden, sondern meine Großmutter. Er selbst blieb in Hamburg und verdiente zusätzliches Geld, das wir dringend zum Leben brauchten. Auch meine Mutter hatte einen Nebenjob. Sie verdingte sich als Fleischverkäuferin in einer Metzgerei in der Nachbarschaft. So blieben meine Großmutter, mein Bruder und ich in der kleinen Ladenwohnung und dem Geschäft. Ich erinnere mich daran, dass der Laden ein riesengroßes Schaufenster zur Hauptstraße hin hatte. Meine Großmutter und ich saßen hin und wieder an diesem Fenster und veranstalteten miteinander ein Spiel. Jeder gab einen Tipp ab, welche Farbe wohl das nächste Auto haben würde, das am Fenster vorbeifuhr.

Mutter packt ihre Sachen

Ein Tag aus meiner Kindheit wird mir allerdings wohl ewig ins Gedächtnis gebrannt sein. Es war der schlimmste Tag meines damals noch jungen und ganz glücklichen Lebens – und es sollte der schlimmste bleiben. Meine Mutter war in jener Zeit eher selten zu Hause. Es musste immer wieder Krach mit meinem Vater und seiner Familie gegeben haben, von dem ich damals aber nichts mitbekommen habe. Es regnete an diesem Tag, die Wolken hingen schwarz und schwer über unserer Straße. Ich kam alleine nach Hause. Wo ich herkam, weiß ich nicht mehr. Mein Bruder und meine Oma, die bei uns wohnte, waren nicht da. Dann diese Szene wie aus einem rührseligen DEFA-Film: Meine Mutter hatte ihre Sachen gepackt, und nun stand sie in einer dicken Jacke vor mir, in jeder Hand einen Koffer. „Wo willst du hin?“, fragte ich sie mit großen, ängstlichen Augen. Dass hier Unheil drohte, hatte ich sofort erspürt. Sie antwortete sehr direkt und offenbar tief verletzt von dem, was hinter ihr lag: „Ich verlasse euch, ich gehe weg!“ Was für ein Schock!

Da stand ich Zwerg mit meinen sechs oder sieben Jahren in unserer kleinen Küche und die Tränen schossen mir in die Augen. Meine Mutter ging an mir vorbei durch die geöffnete Tür und zog sie hinter sich ins Schloss. Ich blieb allein zurück. Buchstäblich mutterseelenallein. Und ich heulte Rotz und Wasser. Ich schrie, schrie, schrie mir meine verwundete Seele aus dem Leib. Aber keiner hörte es. Keiner kümmerte sich um mich, keiner nahm mich in den Arm, keiner tröstete mich.

Ein furchtbarer Moment in meinem bis dahin eher behüteten Leben. Instinktiv spürte ich schon als kleines Kind, dass dies nun bitterer Ernst war und dass sie wohl nie mehr zurückkommen würde. Ich hatte meine Mutter verloren – und wusste nicht einmal, warum. Sie zog zu ihrem Lebensgefährten, die beiden heirateten später auch und bekamen ein gemeinsames Kind. Sie sind heute übrigens immer noch zusammen.

Was für mich in Kindertagen unendlich grausam war, stellt sich für mich heute in einem milderen Licht dar. So hart es mich damals auch erwischte, so kann ich meine Mutter doch inzwischen verstehen. Sie wollte ausbrechen aus einem Leben, unter dem sie litt, und aufbrechen zu etwas Neuem, etwas Besserem. Das versprach sie sich von ihrer Flucht. Meine Eltern hatten sich kennengelernt, als sie noch sehr jung waren. Schnell wurde meine Mutter mit meinem Bruder schwanger. Das war Anfang der 60er-Jahre in Hamburg nicht ganz einfach. Die Leute guckten – und redeten. Also „mussten“ meine Eltern heiraten, obwohl sie sich kaum kannten. Bei den Unterschieden, die sie in die Beziehung einbrachten, war das Projekt „Ehe“ wohl vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt. Jedenfalls war Mutter nun weg – von jetzt auf gleich. Weg aus der Wohnung, weg aus unserem Leben – aber nicht weg aus meinem Herzen. Ich sehnte mich nach ihr. Mein Bruder hingegen wollte nichts mehr von ihr wissen. „Sie hat uns verlassen, und deswegen hasse ich sie“, sagte er mir einmal. Er hat den Kontakt auch nie wieder gesucht.

Ich konnte meine Mutter jedoch nicht einfach abhaken. Ungefähr zwei Jahre später ging ich einfach zu ihr, besuchte sie in ihrem neuen Zuhause. Heute habe ich zu meiner Mutter wieder ein gutes Verhältnis, dafür bin ich dankbar.

Direkt nachdem sie gegangen war, wurde unsere Situation jedoch erst einmal komplizierter. Mein Vater war zwar noch sehr jung, saß aber schon auf einem immensen Schuldenberg. Seine Versuche, sich selbstständig zu machen, scheiterten immer wieder. Er ließ sich aber in dieser Situation nicht hängen, sondern rackerte sich ab, um seine Schulden zu bezahlen und um seine Familie zu ernähren. Häufig ging er mehreren Jobs gleichzeitig nach und war von frühmorgens bis spätabends unterwegs. Erfolg hatte er nicht immer. Hin und wieder verlor er einen Job und musste wieder neu auf die Suche nach Arbeit gehen. So sahen wir unseren Vater kaum. Er lebte sein eigenes Leben.

Für Spielen war keine Zeit

Ich machte mir damals über unsere Lebenssituation nicht allzu viele Gedanken. Natürlich fehlte mir meine Mutter, aber unsere finanzielle Lage bereitete mir keine Sorgen. Wir waren zwar arm, mussten vieles entbehren, aber ich kannte es nicht anders. Wenn ich Freunde besuchte, registrierte ich wohl oberflächlich, dass sie wohlhabender waren als wir, aber so richtig verglichen habe ich damals nicht – mein junges Herz war für Neidgefühle offenbar nicht besonders anfällig. Zu Hause musste ich viel und hart arbeiten. Mein Bruder war zwar älter als ich, aber leider nicht gesund. Schon seit er ein Baby war, wurde er von Epilepsieanfällen geplagt. Darauf nahmen alle sehr viel Rücksicht, und so brauchte er kaum Pflichten in der Familie zu übernehmen. Einkaufen und Abwaschen waren zum Beispiel meine Aufgaben. Mein Bruder durfte in dieser Zeit Freunde besuchen oder spielen.

Für mich war im Alter von zehn Jahren an Spielen im Grunde nicht mehr zu denken. Dafür war einfach keine Zeit mehr. Hin und wieder ging ich allerdings in einen Jugendklub. Dort gab es zumindest eine Tischtennisplatte. Pädagogische Betreuer konnte ich dort nicht ausmachen, sonst hätte ich vielleicht professionelle Hilfe bekommen. Wenn ich so zurückdenke, durchlebte ich in meiner Kindheit sehr viel emotionale Einsamkeit.

Wir wohnten damals in einer Dachwohnung mit Toilette draußen auf dem Gang. Da es in der Gegend, in der wir lebten, sehr viele Obdachlose, Alkoholiker und Prostituierte gab, hatten wir im Hausflur immer wieder ungebetene Gäste. In kalten Nächten zog es sie in unser Haus, wo sie sich auf der Treppe oder im Gang ein Plätzchen zum Übernachten suchten. Teilweise schlichen sie bis in die obere Etage, um dort ihr Nachtlager aufzuschlagen.

Obdachlose vor der Wohnungstür

Einmal – es war mitten im Winter – musste ich nachts dringend aufs Klo. Ich schlich mich leise zur Wohnungstür und öffnete sie. Mit der Hand tastete ich an der Wand nach dem Lichtschalter, doch ich fand ihn nicht sofort. Es war bitterkalt, denn der Hausflur wurde natürlich nicht beheizt. Plötzlich spürte ich etwas an meinen Beinen, ich stolperte einen Schritt vor und fiel der Länge nach hin. Ein Grunzen und Stöhnen versetzte mich fast in Panik. Ein Obdachloser hatte es sich direkt vor unserer Wohnungstür gemütlich gemacht. Was für ein Schock war das für mich – mitten in der Nacht über einen betrunkenen Mann zu fallen! Nach diesem Vorfall ließ ich jedes Mal, wenn ich nachts musste, zuerst den Sicherheitsriegel an der Haustür einrasten, um dann vorsichtig die Tür zu öffnen, Licht anzumachen und nachzuschauen, ob da jemand lag, ehe ich einen Schritt in den Hausflur machte.

Meine Oma war zu dieser Zeit schon vom Krebs zerfressen, wie mein Vater sich auszudrücken pflegte. Sie konnte mir schließlich im Haushalt kaum noch helfen. Morgens verließ ich das Haus, ohne zu frühstücken. Mittags dann, wenn ich von der Schule nach Hause kam, hatte Oma uns etwas gekocht, wenn sie die Kraft und das Geld dazu hatte. Meine Großmutter bezahlte in der Regel immer alles von ihrer kleinen Rente. Das Geld, das mein Vater erarbeitete, ging vor allem für die Tilgung seiner Schulden drauf.

Armut prägte unser Leben

Als ich meinen Vater einmal nach Taschengeld fragte, wies er mich barsch zurück. „Wenn du Geld haben willst, dann musst du es eben selbst verdienen!“, fuhr er mich an. Ich war damals noch keine zehn Jahre alt. Kurze Zeit später lernte ich eine Dame aus unserer Nachbarschaft kennen, für die ich einmal in der Woche einkaufen durfte. Als Lohn erhielt ich 50 Pfennige, wovon ich mir dann Süßigkeiten leisten konnte. Nach dem Einkaufen hatte ich etwas Freizeit, und die verbrachte ich in erster Linie auf den Spielplätzen der Nachbarschaft, wo ich mich mit meinen Kameraden traf. Mit zu uns nach Hause durfte ich niemanden bringen; das war tabu. Mein Vater schämte sich wahrscheinlich für die bescheidenen Verhältnisse, in denen wir lebten.

Armut prägte unser Leben. Ständig mussten wir rechnen und Preise vergleichen. Ganz schlimm wurde es immer, wenn unsere Schuhe kaputtgingen. Für neues Schuhwerk war nämlich in der Regel kein Geld vorhanden. Oma weinte oft, weil sie einfach nicht wusste, wie sie mit uns über den Monat kommen sollte. Manchmal war schon am 20. des Monats kein Geld mehr da. Irgendwie schafften wir es aber doch jedes Mal. Ich staune noch heute, wie meine Oma uns immer wieder über die Runden brachte, und bin ihr dafür sehr dankbar.

Natürlich gab es auch schönere Tage. Ein Höhepunkt war jeden Monat, wenn die Rente auf Großmutters Konto überwiesen wurde. Dann schickte Oma mich zum Fleischer und ich durfte Wiener Würstchen kaufen. Die gab es zusammen mit frischem Brot. Was für ein Festessen! Für viele ist das sicher nichts Besonderes, aber noch heute, wenn es bei uns Wiener Würstchen gibt, denke ich an diese Zeit zurück.

Seitdem mein Vater meinem Bruder und mir eröffnet hatte, dass meine Oma schwer krank sei, lebte ich in einer großen Angst. Vater hatte uns gesagt, dass sie vielleicht nur noch zwei Jahre zu leben hätte. Ich war damals erst zehn oder elf und wachte jeden Morgen mit dem Gedanken auf, was wohl sein würde, wenn Oma nicht mehr da wäre. Sie lebte dann aber doch noch fünf Jahre. Meine Großmutter war damals für mich und meinen Bruder die einzige wirkliche Ansprechpartnerin. Die Angst, dass wir diesen fürsorglichen Menschen, den wir so sehr liebten und der sich um uns kümmerte, verlieren könnten, war bei uns Kindern daher natürlich groß.

Dass wir beiden Jungs uns keinen Luxus leisten konnten, daran waren wir gewöhnt. Was mir allerdings zu schaffen machte, war, dass ich die Klamotten meines älteren Bruders auftragen musste, wenn sie ihm zu klein geworden waren. Natürlich wollte ich auch mal eine neue Jeans oder einen neuen Pullover haben, aber das war fast nie drin.

Ich erinnere mich an das Jahr 1974 – damals war ich zehn Jahre alt. Die Tierhandlung meines Vaters ging pleite. Immer wieder klingelte in dieser Zeit der Gerichtsvollzieher bei uns an der Haustür. Das war für uns alle jedes Mal eine peinliche Situation. Meine Großmutter führte den Mann dann durch die Wohnung und manchmal nahm er etwas mit oder klebte den legendären „Kuckuck“ auf Möbel – das Pfandsiegel, das deutlich machte, dass das entsprechende Inventar nicht mehr uns gehörte. Oft versuchten wir, mit dem Gerichtsvollzieher zu reden.

Er war kein kaltherziger Mensch, er zeigte häufig auch Mitleid mit uns. Natürlich wusste er, dass Kinder nichts für die Schulden ihrer Eltern können. Der Gerichtsvollzieher erkannte durchaus auch an, dass mein Vater sich sehr viel Mühe gab, um allen Verpflichtungen nachzukommen, aber Recht ist Recht – und diejenigen, die von uns Geld wollten, hatten ja einen Anspruch darauf. Unsere schlechte finanzielle Situation nagte natürlich an meinem Vater, und so zeigte sein Nervenkostüm leider häufig tiefe Risse. Jedes Mal, wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte oder eine mittelmäßige Note im Zeugnis hatte, wusch er mir ordentlich den Kopf. Schlimmeres hätte mir geblüht, wenn er mich beim Rauchen erwischt hätte. Er, der Kettenraucher, hatte uns den Tabakkonsum strengstens untersagt. Aber ich bin nie erwischt worden.

Einmal bekamen mein Bruder und ich richtig Ärger mit meinem Vater. Wir waren einkaufen gewesen. Jeder von uns Jungs schleppte eine Tüte. Es war ein wunderschöner Tag, und wir kamen an einem Spielplatz vorbei, auf dem auch einige unserer Freunde spielten. Wir dachten, es würde sicherlich nicht schaden, wenn wir uns etwas Spaß gönnten, und so stellten wir die Tüten ab, um uns unseren Kumpels anzuschließen. Über dem Spielen vergaßen wir jedoch vollkommen die Zeit – und auch unsere Einkaufstüten. Wir hatten nicht mitbekommen, dass andere Kinder sie entdeckt und sich daran zu schaffen gemacht hatten. Plötzlich stand völlig unerwartet unser Vater vor uns. Noch nie zuvor hatte er sich auf einem Spielplatz blicken lassen. Ausgerechnet heute hatte er früher Feierabend gemacht.

Er schrie uns an, wir sollten die Tüten nehmen und mit ihm nach Hause gehen. Wie in Trance schnappten wir die Reste der Lebensmittel und folgten ihm steifbeinig und ängstlich. In der Wohnung angekommen mussten wir dann die Hosen herunterlassen und es setzte Hiebe auf den nackten Hintern – mit dem Hosengürtel unseres Vaters. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt: Wir haben sonst nicht viel Prügel von ihm bekommen, obwohl er immer sehr streng mit uns war.

Fasziniert von Martin Luther

Zu den faszinierenden historischen Gestalten, die mir meine Lehrer näherzubringen versuchten, gehörte der Reformator Martin Luther. Er hatte es mir besonders angetan und er begeistert mich bis heute.

Da war einer bereit, praktisch alles über Bord zu werfen, was in seiner Zeit, in seiner Kultur und seiner Gesellschaft Gültigkeit hatte, und das nicht aus blindem Fanatismus, sondern aufgrund gewonnener Erkenntnisse, die er einer Überprüfung unterziehen wollte. Er kämpfte gegen eine verkrustete Kirche und riskierte dafür Leib und Leben. Das gefällt mir und solche engagierten Menschen haben die Kirchen bis heute nötig. Natürlich kann man die damalige Kirche nicht mit der heutigen vergleichen. Die katholische Kirche etwa hat inzwischen vieles geändert, wogegen Martin Luther damals anging. Ich glaube, dass Luther mit seinem Engagement für die Verbreitung der Bibel und der Verbreitung des Glaubens in der Volkssprache das Leben unzähliger Menschen qualitativ reicher gemacht hat – eine Wirkung, die bis heute anhält. An dieser Leidenschaft und Hingabe versuche ich mich heute zu orientieren. Es klingt vielleicht ein bisschen verrückt, aber als Schüler wollte ich selbst ein Buch über den Reformator schreiben. Es blieb der Traum eines Jugendlichen.

Zum Lesen hatte ich eigentlich nur Zeit, wenn ich krank war. Einmal lag ich als Kind 14 Tage mit Fieber im Bett. Unsere ganze Familie hatte die asiatische Grippe. Krämpfe schüttelten meinen Körper. Doch trotz drückender Kopfschmerzen und glühendem Körper las ich während dieser Zeit mit großer Begeisterung. Das Fernsehen spielte damals hingegen keine so große Rolle. Wir konnten drei Programme empfangen, aber die interessierten mich wenig. Kino hätte ich spannender gefunden, aber dafür fehlte das Geld; mit 18 Jahren war ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Kino.

Eine entfernte Tante schenkte uns aber hin und wieder Gutscheine für einen Zirkus. Der faszinierte uns Jungs, waren wir doch oft in der Zoohandlung meines Vaters gewesen und hatten so eine gewisse Affinität zu Tieren. Die Zirkusbesuche beflügelten meine Fantasie: Es gab mal eine kurze Zeit, in der ich mir wünschte, später in einem Zirkus zu arbeiten. Die Manege vermittelte mir das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Vor allem die Vorstellung, dass Zirkusleute viel reisen, hatte es mir angetan, denn ich kam fast nie aus meinem Kiez heraus. Hamburg St. Pauli war alles, was ich bislang von der Welt gesehen hatte. Andere Länder, andere Kontinente kannte ich allenfalls aus Träumen.

Sehnsucht nach einem Freund

Einen allerbesten Freund, einen Kumpel, mit dem ich alles teilte, hatte ich in meiner Kindheit nicht. Einen Freund hatte ich allerdings, einen Portugiesen, den ich in der siebten Klasse kennenlernte. Morgens ging ich immer schon ganz früh aus dem Haus, um noch vor der Schule bei ihm vorbeizuschauen. Oft habe ich ihn erst geweckt. Während er sich fertig machte, saß ich zusammen mit seiner Mutter am Frühstückstisch und wartete auf ihn. Dann ging es ab in die Schule. An den Wochenenden unternahm mein Freund schon mal etwas mit seiner Familie – und ich musste in Hamburg bleiben.

Ohne Ehrenrunde schaffte ich die mittlere Reife. Mein Zeugnis war ganz gut, das Gymnasium blieb mir dennoch verschlossen. Ich musste arbeiten und wollte auch Geld verdienen, um unabhängig von meiner Familie zu sein.

„Papa Bernd“ erscheint am 25. August 2010 im Adeo Verlag (200 Seiten; 17,99 Euro). Infos auch unter www.kinderprojekt-arche.de

Arche-Spendenkonto bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Kto. 30 30 100