Nach Triumphgebrüll ist ihnen nicht in diesen Tagen, den Berliner Grünen. „Das liegt auch am Bundestrend“, kommentiert Fraktionschefin Ramona Pop den Aufschwung ihrer Partei in den Umfragen. Aber die 32-Jährige macht auch keinen Hehl daraus, wie gerne die Grünen Klaus Wowereit bei den Wahlen 2011 aufs Altenteil schicken würden. Denn da müsste er hin, wenn er seine SPD nicht auf Platz eins im Parteienspektrum führen sollte. „Der Frust über Rot-Rot ist bei uns ziemlich groß“, sagt Pop.

Klaus Wowereit und Grün, in diesen Tagen ist das eine angespannte Beziehung. Die Ökopartei schickt sich an, nach mehr als zehn Jahren die politische Vormachtstellung von Wowereits Sozialdemokraten in Berlin zu brechen. In Innenstadtteilen wie Prenzlauer Berg, Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain, wo die Kreativen und die Zugezogenen wohnen und die jungen Familien, sind die Grünen längst Volkspartei.

Historisches Hoch

Eine neue Forsa-Umfrage sieht Grüne und SPD erstmals gleichauf bei 27 Prozent. Vor vier Jahren bei der letzten Wahl stand es noch 30 zu 13. Vor allem aber zeigt die Erhebung, dass Klaus Wowereits Position als Darling der Berliner Politik nicht mehr unangefochten ist.

Eine Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast lässt bei der – hypothetischen - Frage nach einer Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters den Amtsinhaber hinter sich. Das ist eine neue Erfahrung für den Sozialdemokraten, dem in den Augen der Hauptstädter seit seinem Amtsantritt 2001 kein anderer Berliner Politiker das Wasser reichen konnte.

Besonders bedrohlich für Wowereit ist, dass die Werte von Künast immer besser werden, je länger die Debatte um ein Duell Künast gegen Wowereit dauert. Dagegen sinkt die Zustimmung für den Amtsinhaber in diesem Vergleich.

Wowereit bleibt optimistisch

Wowereit gibt sich unverdrossen. Er „freue sich“ auf eine Auseinandersetzung mit Renate Künast, sagt er stets. Seine Leute glauben, er werde bei so einer Herausforderung vielleicht wieder den alten Kampfgeist entdecken, der ihm zuletzt angesichts seiner einsamen Dominanz in der Berliner Arena abhanden gekommen war. Nachdem im vergangenen Jahr ausgiebig über die Amtsmüdigkeit des Platzhirsches spekuliert worden war, hängt sich Wowereit jetzt wieder mehr rein, kümmert sich um Themen, tingelt durch die Bezirke.

Ob jedoch die frühere Bundesministerin und heutige Fraktionschefin der Grünen im Bundestag den Schritt in die Landespolitik wagt, ist noch nicht klar. Zweigleisig wird sie nicht fahren können. Die Berliner erwarten 100-prozentige Hingabe und würden es nicht verzeihen, wenn Künast eine Rückfahrkarte in den Bundestag behielte.

Künast selbst setzt bei Fragen danach ihr Pokerface auf. „Das entscheiden wir Ende des Jahres“, sagt sie, nicht ohne zu betonen, dass die Grünen in Berlin im Rennen um die stärkste Partei dabei seien.

Eine spektakuläre Personalie

Fraktionschefin Pop verweist auf einen Landesparteitag im November. Dort könnte die Basis die spektakuläre Personalie absegnen.

Für Renate Künast wäre es eine Heimkehr. Die in Recklinghausen geborene Rechtsanwältin saß bis 2000 insgesamt 13 Jahre im Berliner Landesparlament und führte dort jahrelang die Fraktion. Ihrem Bundestagswahlkreis Tempelhof-Schöneberg ist auch Wowereits Heimatbezirk. Hier verbuchte Künast bei der Bundestagswahl 2009 26 Prozent der Erststimmen.

Sie kennt die Stadt bis ins Detail, ihr schnelles Mundwerk kommt an in Berlin, als Bundesministerin a.D. wirkt sie aber auch hinreichend seriös, dass sogar gestandene CDU-Wähler sich vorstellen können, sie zu wählen, wenn sie damit den scheinbar ewigen Wowereit weg kriegen. Denn das „bürgerliche Lager“ ist in Berlin immer noch so schwach und personell ausgelaugt, dass kaum jemand ihr zutraut, Wowereit abzulösen. Forsa sieht die CDU bei 17 Prozent, die FDP bei vier Prozent.

verlockende Ausicht auf Neuwahl

Wenn nicht Schwarz-Gelb im Bund so eine miserable Performance bieten würde, fiele Künast der Schritt nach Berlin wohl leichter, sagen sie im Berliner Landesverband. Aber weil niemand wisse, wie lange es Union und FDP noch zusammen aushalten, bleibt die verlockende Aussicht auf Neuwahlen und mögliche Regierungsbeteiligung sowie das Problem, dass in der Grünen-Bundestagsfraktion sich nicht wirklich eine realpolitisch orientierte Frau findet, die Künast nachfolgen könnte. Der Bundestag wäre die sichere Karriere-Variante.

In der Hauptstadt könnte die 54-Jährige jedoch Geschichte schreiben. Es lockt eine historische Mission. Nicht mehr Rot-Grün oder im Zweifel auch Schwarz-Grün wie in Hamburg heißen inzwischen die spannenden Perspektiven, sondern Grün-Rot. Nach dem ersten grünen Turnschuhminister Joschka Fischer in Hessen 1985 könnte 26 Jahre später die erste grüne Landes-Ministerpräsidentin gewählt werden.

SPD-Landeschef Michael Müller behauptet zwar, ein SPD-Landesparteitag würde nie der Rolle als Juniorpartner der Grünen zustimmen. Aber ob der mehrheitlich linke Landesverband lieber mit der CDU zusammenginge, ist fraglich. Wesentliche Berliner Sozialdemokraten sagen unter der Hand, sie würden zwar unter Künast Senator werden, nicht aber unter Wowereit. Zehn Jahre Dominanz hat Wowereit auch in der SPD Sympathien gekostet.

Künast kommt aus der Sache nicht mehr raus

Berlin fiebert dem Duell entgegen. Die Stimmung unter Bürgern, Politikern und Medien lässt Künast kaum noch eine Möglichkeit, aus der Sache raus zu kommen. Sie selbst nährte mit einigen wohl dosierten Auftritten den Eindruck, sie meine es ernst. Als sich kürzlich der rot-grüne Bundespräsidenten-Kandidat Joachim Gauck auch im Berliner Abgeordnetenhaus präsentierte, wollte ihm der SPD-Landes- und Fraktionschef Müller vor dem Eingang die Hand schütteln. Eine schwarze Limousine rollte heran. Heraus sprang nicht Gauck – sondern Renate Künast. Die Titelseiten-Fotos waren ihr sicher.

Als der Linken-Frontmann und Wirtschaftssenator Harald Wolf neulich mit einer Berliner Wirtschaftsdelegation die Expo in Shanghai besuchte und zum Empfang in den 93.Stock über dem World Financial Center lud, tauchte plötzlich Renate Künast auf und stahl Wowereits Koalitionspartner die Schau. Wolf sei nicht amüsiert gewesen, wurde kolportiert.

Die Grünen in Berlin, die lange als linker Landesverband galten, sind heiß aufs Regieren. Darauf warten sie seit 20 Jahren. Seit die erste rot-grüne Koalition unter Walter Momper 1990 im Streit um die Räumung besetzter Häuser zerbrach, saßen die Grünen nur 2001 für ein halbes Jahr in einem Übergangssenat, der die Zeit zwischen dem Bruch der Großen und der Neuwahl der ersten rot-roten Koalition überbrückte.

Auch linke Grüne stehen auf sie

Darum sind auch linke Grüne bereit, sich hinter der Reala Künast zu versammeln. Ihr Ärger über Wowereit sitzt tief. 2006 sahen sie sich schon im Senat, da entschied sich Wowereit wieder für die Linken, obwohl es auch für Rot-Grün gereicht hätte. Das haben viele nicht vergessen. Zudem hat zwischen einigen langjährigen Bekannten in beiden Parteien regelrechter Hass entwickelt. Die neue Harmonie zwischen Rot und Grün, wie sie im Bundestag zu beobachten war, reicht nicht bis in den Preußischen Landtag.

Für Wowereit geht es im Kampf mit den Grünen auch um seine bundespolitische Position. Als Stellvertreter von SPD-Chef Sigmar Gabriel soll er Wege finden, die großen Städte für die SPD zurück zu gewinnen. SO gab er die Losung aus, die Partei müsse die jungen, urbanen, ökologisch gestimmten Milieus ansprechen, in denen die Grünen so stark sind.

Wowereit selbst tut jedoch in Berlin wenig dafür, auch wenn er zu einer Industriekonferenz über „Green Economy“ sein Rotes Rathaus grün anstrahlen ließ. Offenbar nutzen solche Versuche, grüne Themen zu besetzen, eher dem Original. Meinungsforscher raten ihm, lieber wieder die Interessen der arbeitenden Klasse zurückzugewinnen. Aber auch die hatte Wowereit, der lange als glamouröser Botschafter des neuen Berlin agierte, nicht immer im Blick.

Deutschland teuerste Autobahn als Wahlkampfmittel

So versuchen nun die Sozialdemokraten, die Grünen als „Wohlfühlpolitiker“ und Interessenvertreung ihrer oft besser verdienenen Wähler darzustellen. Die Grünen kennen die Vorwürfe. Bis Jahresende wollen sie sich mit einem Angebot für die ganze Stadt präsentieren.

Die beste Vorlage für grüne Wahlkämpfer lieferte Wowereit, als er beim SPD-Landesparteitag dafür sorgte, dass die Genossen mit sechs Stimmen Mehrheit für den Weiterbau der A 100 von Neukölln nach Treptow votierten. Deutschlands teuerste Autobahn soll für 3,2 Kilometer 420 Millionen Euro kosten. „Mit der Entscheidung“, jammerte ein SPD-Abgeordneter, „brauchen wir uns in grünen Stadteilen gar nicht mehr sehen zu lassen“.