Es ist ein niedliches Bild, wie Renate Künast den kleinen Milo am Fuß massiert. „Reflexzonenmassage“, sagt sie und blickt in die stahlblauen Augen des knapp Einjährigen, den Vater Carsten Kraemer im Arm hält. Sie selbst mache das privat auch. Alle drei lachen, der Kleine quietscht vergnügt. Gleich wird sie auf das Podest treten und das „Regenbogenfamilienfest“ in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung eröffnen. Zuvor gibt es noch ein wenig Wählerkontakt. Obwohl Künast offiziell noch gar nicht zur Spitzenkandidatin gekürt wurde, gilt sie manchen hier schon als kommende Regierende Bürgermeisterin der Hauptstadt, so komfortabel führen die Grünen derzeit in den Umfragen vor SPD und CDU.
Kraemer findet das gut: „Zehn Jahre Rot-Rot mit Wowereit sind genug“, sagt der 42-Jährige. „Mit Frau Künast gibt es jetzt endlich eine Alternative.“ Bei CDU und SPD wollen er und sein Freund Kay S. im kommenden Jahr kein Kreuz machen, auch wenn sie durchaus Wechselwähler seien. „Ich werde noch mal die Programme vergleichen“, sagt Kay S. Aber im Grunde ist der Fall klar für die beiden Homosexuellen, die gemeinsam Sohn Milo großziehen. Sie sind so etwas wie der Prototyp des neuen Grünen-Wählers in der Hauptstadt: Altbauwohnung in Kreuzberg, beruflich tätig als Grafikdesigner beziehungsweise Architekt, gut situiert, durchaus bürgerlich, mit einem Sinn für Ökologie und die Förderung junger Familien, auch für homosexuelle Paare.
Die Grünen, davon sind viele der rund 150 Zuhörer überzeugt, haben es geschafft, genau diese Themen in Berlin zu besetzen. Und Künast, der ehemaligen Verbraucherschutzministerin im Kabinett Gerhard Schröder, schreiben sie die Kompetenz zu, ein Bundesland zu regieren. Vor dem Eingang hat sie gerade noch für eine Schalte in eine N24-Kamera gesprochen, nun steht sie auf dem Podium und begrüßt „liebe Kinder, liebe Eltern“. Dann wettert sie gegen „das altmodische Familienbild der Union“ und sagt den bekannten Satz, „Familie ist, wo Menschen für einander Verantwortung übernehmen.“ So eine Rede würde im Wahlkampf nicht anders ablaufen. Nur dass hier im Haus der Heinrich-Böll-Stiftung neben dem Podest Kinder auf Bobby-Cars herumfahren. Schließlich ist es ein Familienfest, zu dem die Bundestagsfraktion geladen hatte.
Wechselstimmung in der Stadt
Dass es Künast und den Grünen „ums Ganze“ geht, steht auch auf dem Partei-Aufsteller hinter ihr. Übersetzt soll das wohl heißen: wählbar für alle. Zur Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr sagt Künast kein Wort. Sie erinnert lieber an die „Gründungszeit der Grünen“, „als uns das Wort Familie nicht über die Lippen gekommen wäre“. Familie, das hätten sie damals für ein Synonym für Unterdrückung gehalten. Aber inzwischen haben sich die Grünen solche Themen groß auf die Fahnen geschrieben.
Andreas Oehme sitzt im Publikum und nickt. Der 33 Jahre alte Architekt ist überzeugt, dass sich die Zeiten geändert haben: „Früher hätte jemand mit meinem Beruf ganz klar konservativ gewählt. Heute haben wir, wenn wir die Grünen wählen, das Gefühl, eine moderne, erfolgreiche Partei zu wählen.“
Sein Freund Steffen Dämlow bestätigt das: „Viele meiner Kollegen haben vor, dieses Mal die Grünen zu wählen“, sagt der 34 Jahre alte Kinderarzt aus Schöneberg. Klaus Wowereit will er nicht mehr unterstützen. „Ein politischer Wechsel wäre besser für die Stadt“, sagt er. Gleich gibt es noch eine Podiumsdiskussion. Die lesbische Mutter Katharina Doumler wird darin von Problemen in der Kita erzählen, wo die Erzieherinnen ihrer Tochter nicht wollten, dass diese ein Foto von ihren beiden Müttern auf die Fotowand klebt, weil es für eine Familie doch Mutter und Vater brauche. Das Grünen-Mitglied sagt, dass nur ihre Partei Berlin als „Multikultistadt“ gut vertreten könne. Vor der Pause wird noch auf die „Gummibärchen-Crew“ hingewiesen, die nebenan schon mit Gesichts-Malfarbe, Stelzen und Luftballons warte. Für die Erwachsenen gibt es später noch Thüringer Rostbratwurst und Nudelsalat.
Fabian Mayer aus Wilmersdorf glaubt nicht, dass es Renate Künast tatsächlich zur Regierenden Bürgermeisterin schaffen kann. „Die Grünen werden allenfalls Juniorpartner in einer Koalition“, glaubt er. „Aber die bundespolitische Stimmung wird ihnen natürlich einen Schub geben.“





