Tourismus

Reisebusse sorgen in Berlin für Verkehrschaos

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Thomas Fülling

Foto: Marion Hunger

In Berlins Mitte geht oft gar nichts mehr. Der Grund: Reisebusse verstopfen die Straßen. Die Industrie- und Handelskammer fordert vom Senat endlich ein Konzept, um den Verkehr besser durch die Innenstadt zu leiten.

Bevor sich die Menschenschlange vor dem Martin-Gropius-Bau in Kreuzberg bildet, hat sich die Wartereihe daneben längst formiert. Mehrere Busse stehen dicht hintereinander entlang der Niederkirchnerstraße. Wer jetzt mit dem Bus anreist, hat Pech. Alle Parkplätze sind zugestellt. Nun wird in der „zweiten Reihe“ ausgestiegen. Die Sightseeing-Busse dahinter müssen warten, der Stau ist perfekt.

Ein paar Hundert Meter weiter, am einstigen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie, ein ähnliches Bild: Hier dürfen Reisebusse entlang der Zimmerstraße parken. Weil dies nur in Richtung Wilhelmstraße zulässig ist, stehen sie direkt vor der Galerie ab der Friedrichstraße. Für viele Betrachter der Schau über Mauerbau und Teilung oft keine angenehme Nachbarschaft. Speziell dann, wenn einige Busfahrer – wie an heißen Tagen zu beobachten ist – die Motoren laufen lassen, damit die Klimaanlage weiter kühlt.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) spricht von „oft chaotischen Zuständen“, die am Checkpoint Charlie, aber auch am Holocaust-Mahnmal und anderen touristischen Sehenswürdigkeiten festzustellen seien. Angesichts dieser seit Jahren zu beobachtenden Entwicklung fordert die IHK den Senat auf, endlich ein Konzept für den Reisebusverkehr zu entwickeln. „Wegen der vielen Busse kommt es zu unnötigen Staus und Rangeleien um die wenigen Parkplätze“, sagt der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter. Dies nerve Busfahrer, Touristen und Berliner gleichermaßen. Bereits seit langem mahne die IHK ein Leitsystem für Reisebusse in der Innenstadt an. „Doch geschehen ist kaum etwas“, beklagt Wiesenhütter.

Im Gegenteil: Seit der Reisebusparkplatz am Moabiter Werder geschlossen worden sei, habe sich die Situation verschärft. Nun drohen wegen der geplanten Platzgestaltung auch noch die Busflächen am Hauptbahnhof wegzufallen. „Wenn es keinen Ersatzstandort gibt, können bald keine Reisegruppen mehr vom Hauptbahnhof abgeholt oder zum Zuge gebracht werden“, befürchtet Wiesenhütter.

Eigentlich befindet sich Berlin hinsichtlich der Reisebusse in einer komfortablen Lage, meint Christian Tänzler von der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM). Anders als in anderen europäischen Metropolen gebe es in der Innenstadt genügend Parkplätze. Ausgewiesen werden sie unter anderem in dem seit 1997 herausgegebenen Faltplan „BusStop". Die gerade erschienene aktualisierte Auflage des Plans listet allein für Mitte 101, für Tiergarten 60 und für Kreuzberg 16 kostenlose Stellplätze speziell für Reisebusse auf.

In ganz Berlin gibt es laut BTM mehr als 650 Busparkplätze. Doch, so Tänzler, ein solcher Plan allein vermag es nicht, die Busfahrer auch dazu zu bewegen, die für sie vorgesehenen Plätze zu nutzen. „Gerade an den Hot-Spots wie dem Checkpoint Charlie oder dem Holocaust-Mahnmal wird deutlich, dass viele Busfahrer möglichst direkt davor halten wollen, damit ihre Passagiere es nicht so weit haben.“ Dadurch seien die wenigen Plätze in unmittelbarer Nähe der Sehenswürdigkeiten schnell belegt, die nachfolgenden Busse blieben stecken, und schon komme es zum Verkehrschaos.

Als Ausweg aus dem Dilemma schlagen die IHK und die Tourismus-Werber vor, dass das Leitsystem, welches der Senat für die Museumsinsel entwickeln lässt, auf das gesamte Stadtzentrum ausgeweitet wird. Das Konzept sieht vor, dass nach Fertigstellung des neuen Eingangsbereichs dort nur noch Busse vorfahren dürfen, die sich zuvor angemeldet haben. Nach einem kurzen Stopp zum Ein- oder Aussteigen müssen die Busse zu einem weiter entfernten Abstellplatz fahren.

„Dieses System muss erst einmal in der Praxis getestet werden, bevor über eine Ausweitung nachgedacht wird“, sagt Mathias Gille, Sprecher von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Prinzipiell hält auch die Senatsbehörde eine bessere Organisation des Reisebusverkehrs für nötig. Verantwortlich dafür seien aber in erster Linie die jeweiligen Bezirke und ihre für den ruhenden Verkehr zuständigen Ordnungsämter.