"Am Ende der Gelduld"

So hart ist das Buch von Jugendrichterin Heisig

Das Buch der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig wird am heutigen Montag veröffentlicht: "Am Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" schildert Heisigs Arbeit hart, schonungslos - und für viele wohl desillusionierend. Morgenpost Online veröffentlicht Auszüge.

Foto: picture alliance / dpa / dpa

Wie kaum eine andere Juristin hatte sich die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig dem Kampf gegen die Jugendkriminalität verschrieben. Das von ihr entwickelte "Neuköllner Modell“, das zur Abschreckung die Verurteilung eines jugendlichen Intensivtäters innerhalb weniger Wochen nach der Tat vorsieht, wurde so erfolgreich, dass es von allen Berliner Bezirken übernommen wurde. Ende Juni nahm sich die engagierte Richterin das Leben; die Gründe werden im privaten Bereich vermutet. Nur wenige Tage vor ihrem Tod schloss Kirsten Heisig die Arbeit an ihrem Buch „Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ ab. Es erscheint diesen Montag. Die Morgenpost Online veröffentlicht daraus Auszüge:

Güner Balci hat das Buch „Arabboy“ geschrieben, in dem die Lebensgeschichte eines arabischen jugendlichen Intensivtäters in Neukölln erzählt wird. Gewalt und Drogen bestimmen sein Leben und das seiner Freunde von Kindheit an. Unter anderem schildert die Autorin, die selbst als Tochter ostanatolischer Zuwanderer in Neukölln aufgewachsen ist, eine Vergewaltigung, die mehrere junge arabische Männer an einem Mädchen begehen. Ihre Darstellung ist ebenso realistisch wie grausam.

Ich werde häufiger gefragt, ob es denn tatsächlich diese Verbrechen gibt. Leider sieht die Wirklichkeit eher noch schlimmer aus. Es gibt immer wieder Fälle der übelsten sexuellen Erniedrigung. Diese werden derart hemmungslos und brutal begangen, dass ich sie in meinem Fallbeispiel nur allgemein schildern möchte. Die Taten, Entwicklungsbedingungen und Lebenslagen dieser Täter weisen augenfällige Parallelen auf, weshalb ich sie in ihren wesentlichen Grundzügen zusammenfassend darstelle.

Die Biografien der jungen Männer beinhalten einige Elemente, die sich auch bei anderen männlichen Tätern mit Migrationshintergrund finden lassen. Sie werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung. Die Lehrerinnen, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter, die als Erste mit den Familien zu tun haben, wenn sich bereits in der Grundschule erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen, berichten von Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit. Wenn die Mütter – und höchst gelegentlich auch die Väter – darauf angesprochen werden, suchen die Eltern das Verschulden grundsätzlich beim „System“. Die Lehrer seien unfähig und zudem rassistisch, weil sie es wagten, das Kind zu kritisieren.

"Zu Hause ist das Kind ganz brav“, heißt es dann. Ähnliche Erfahrungen teilen die Sozialarbeiter der Schulen und der Jugendhilfeeinrichtungen mit. Da sich die Verhaltensweisen der Kinder nicht ändern, kapituliert die Grundschule manchmal, zumal die Kinder auch nur sporadisch erscheinen. Sie wechseln aufgrund der Gesamtumstände einfach die Schule.

Dies ist ein häufig vorkommender Mechanismus mit fatalen Folgen: Der problematische Schüler wird wie ein Wanderpokal herumgereicht, keiner kümmert sich so recht um ihn, er selbst kann schwerlich Bezüge aufbauen. Bereits mit zehn oder elf Jahren treiben diese Kinder sich dann den ganzen Tag gemeinsam mit Freunden herum. Andere Kinder werden erst nach Geld gefragt und dann durchsucht. Wenn man nichts findet, werden die Opfer geschlagen und getreten.

Meistens vergehen einige Monate, bis sich der Kontakt mit dem Jugendamt intensiviert. Dieses bietet zunächst eine Familienhilfe an, erkennt aber alsbald, dass wegen der Verweigerungshaltung der Eltern, die alle Handlungen ihrer Söhne rechtfertigen, eigentlich eine Unterbringung außerhalb der Familien angezeigt wäre, zumal die Kinder – nennen wir sie Yilmaz, Hussein und Kaan – inzwischen dazu übergegangen sind, auch Mitschüler zu malträtieren, zu berauben und zu schlagen. Dabei handelt es sich mittlerweile um ernste Vorfälle. Schüler werden aus nichtigem Anlass mit den Worten „Du bist tot“ bedroht, begleitet von Handbewegungen, die das Durchschneiden der Kehle andeuten. Beleidigungen wie „Hurensohn“ „Du Opfer“ und „Du bist eine Nutte, du trägst kein Kopftuch“ sind an der Tagesordnung.

Ohne Vorwarnung wird anderen Kindern mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Damit nicht genug: Man zieht anschließend seinen Gürtel aus dem Hosenbund und schlägt damit wahllos auf das Opfer ein. Es folgen bald weitere Bedrohungen und Raubtaten. Der erzieherische Handlungsbedarf ist offensichtlich. Häufig entziehen die Familien die Kinder der staatlichen Intervention, indem sie sie in die Türkei oder den Libanon schicken, wo dann „Erziehung“ stattfinden soll. Oftmals kehren jedoch die Söhne nach kurzer Zeit wieder zurück, da es ihnen in den „Heimatländern“ nicht gefällt.

Naturgemäß haben sie dann den Anschluss an den Lehrstoff verloren und müssen ein Schuljahr wiederholen, was meist wegen der hinzutretenden Verfehlungen mehrere Schulwechsel nach sich zieht. Die verbalen und körperlichen Attacken gegen die neuen Mitschüler und Lehrkräfte lassen nie lange auf sich warten. Da sich nunmehr keiner mehr Rat weiß, sollen die verhaltensauffälligen Kinder psychiatrisch oder psychologisch begutachtet werden.

Auch diese Maßnahme kann auf zweierlei Weise ausgehebelt werden: Entweder entschwinden die Jungen wieder in die „Heimat“, oder einer stationären Begutachtung wird zwar zugestimmt, jedoch erscheint nach kurzer Zeit ein Familienmitglied in der Klinik und nimmt das Kind wieder mit, weil es aus Sicht der Sorgeberechtigten lange genug von zu Hause weg gewesen oder ein familiärer „Notfall“ eingetreten sei, der eine sofortige Rückkehr erforderlich mache.

Also tappen alle weiter im Dunkeln. Was folgt? Es wird niemanden überraschen: ein Schulwechsel. Diesmal landen die Jugendlichen auf einer Sonderschule oder in einem Förderzentrum für verhaltensauffällige Kinder. Auch hier wird in der Regel niemand mit ihnen fertig, weshalb beschlossen werden kann, die Kinder nunmehr zu Hause mit wöchentlich sechs (!) Stunden zu beschulen. Die daraus resultierende Freizeit wird dann dazu genutzt, weiter Angst und Schrecken zu verbreiten, die „alten“ Schulen aufzusuchen und vor dem Eingangstor ehemalige Mitschüler zu verprügeln sowie andere Eltern und Erzieher zu beleidigen, zu bespucken und einzuschüchtern.

Ungefähr im Alter zwischen dreizehn und vierzehn Jahren entdecken alle männlichen Jugendlichen die Sexualität. Während mitteleuropäisch sozialisierte Jungen im Regelfall die Möglichkeit haben, sich den Mädchen offen zu nähern und erste zarte Bande zu knüpfen, ist dies in einigen türkischen und arabischen Familien nicht erwünscht. Die jungen Frauen aus diesem Kulturkreis unterliegen in konservativen Elternhäusern einer strengen Beobachtung und können nicht angesprochen, besucht oder für gemeinsame Freizeitaktivitäten gewonnen werden. Das will man bei den eigenen Schwestern ja auch nicht.

In diesen Situationen beobachten wir manchmal, dass die „Deutschen“ interessant werden. Die „deutschen“ Teenager sind ansprechbar und mögen die „Südländer“, wie sie sich ausdrücken. Gleichwohl sind die deutschen Mädchen nicht immer gleich an Sex interessiert, was von der anderen, männlichen Seite häufig unterstellt wird. Auf jeden Fall erwartet man nach einer ersten Annäherung auch einen gewissen Gehorsam.

Die gekränkte "Ehre“

So gibt es Probleme, wenn die „Freundin“ mal nicht ans Handy geht. „Sandra“ wird dann von „Yilmaz“ im Hausflur aufgelauert. Sie wird gewürgt und an die Wand gedrückt. Sie solle sich entschuldigen. Viele junge Mädchen machen diese Behandlung mehr oder weniger lange mit. Andere hingegen verlieren alsbald das Interesse daran, wie „der letzte Dreck“ behandelt zu werden, und beenden die Verbindung. Dann wird es gefährlich, denn nun ist der „Freund“ in seiner Ehre gekränkt. Manchmal folgen daraus Vergewaltigungen, die durch unbeschreibliche Rohheit gekennzeichnet sind.

Es gibt Fälle, in denen das Mädchen in einen Hinterhalt, zum Beispiel einen Keller oder auf ein entlegenes Gelände, gelockt und dann von mehreren Tätern, die der „Ex“ mitgebracht hat, sexuell auf schlimmste Art und Weise missbraucht werden. Mir sind Vorfälle bekannt, in denen die Opfer gleichzeitig orale und anale Penetrationen durch mehrere Täter ertragen mussten, bevor man sie, aus vielen Körperöffnungen blutend, wie einen unnützen Gegenstand zurückließ. Auch das Filmen der Vergewaltigung mit dem Handy gehört dazu. Damit kann man sich dann vor den Kumpeln brüsten. Selbstverständlich verlangen die Peiniger, dass ihre Opfer schweigen. Ansonsten müssen sie mit dem Tod rechnen:

„Rashid drehte die Musik leiser, niemand sollte sie hören. Dann stieg er aus, klappte den Beifahrersitz nach vorn und machte sich daran, Devrim die Stretch-Röhrenjeans runterzuziehen. Sami hielt sie währenddessen im Würgegriff und mit jedem Befreiungsversuch, den Devrim unternahm, drückte er nur noch fester zu. Devrim bekam kaum noch Luft. Rashid zog ihr Hose und Unterhose aus und zückte sein Handy. Diesen Moment wollte er festhalten, für sich und für alle anderen, sozusagen ein Leckerbissen unter den Handyfilmen. Jassir blieb am Lenkrad, er beobachtete die Vergewaltigung aus dem Rückspiegel, drehte sich ab und an zu dem Mädchen um, sah ihm in die Augen und lächelte teuflisch …“, schreibt Güner Balci in „Arabboy“ und trifft damit nur annähernd die Realität.

Falls die Täter zum Zeitpunkt der Vergewaltigung bereits vierzehn sind, werden sie zur Verantwortung gezogen. Es stehen dann mehrjährige Jugendstrafen im Raum. In solchen Verfahren werden immer Gutachten zur Frage der strafrechtlichen Verantwortlichkeit und der Schuldfähigkeit angefertigt. Die Hintergründe für den Verlust jeglicher Hemmschwelle sind schwer zu erfassen. Eine verminderte Verantwortlichkeit der Täter für das Geschehene vermögen die psychiatrischen Sachverständigen meist jedoch nicht zu erkennen. Manchmal spricht auch die Erklärung eines Vergewaltigers in ihrer ganzen Schlichtheit für sich selbst: „Im Libanon hätte ich das nicht gemacht. Da hätte man mir ja den Schwanz abgeschnitten.“

In der Haft werden weitere Straftaten begangen. So werden Mitinhaftierte drangsaliert und gedemütigt. In einem Fall drückte ein Intensivtäter den Kopf eines Mitinhaftierten in ein Toilettenbecken. Zuvor hatte er noch vor seinem Peiniger bis zur völligen körperlichen Erschöpfung Liegestütze machen müssen. Ein anderer musste den Zellenfußboden eines Mitinhaftierten „reinigen“, indem er ihn ableckte. In einem weiteren Fall beteiligte sich ein Intensivtäter an der „Bestrafungsaktion“ für einen neu Inhaftierten, der die ungeschriebenen Gesetze in der Untersuchungshaftanstalt noch nicht kannte. Der Häftling hatte sich irgendwo hingesetzt, und ein anderer meinte, das sei sein Platz. Dann setzte es Schläge, an denen sich viele Insassen beteiligten.

Außerdem werden „die Neuen“ gezwungen, ihre Habseligkeiten bei den „Chefs“ der Knasthierarchie abzugeben. Dabei handelt es sich um Inhaftierte mit langjährigen Strafen oder mit hohem Aggressionspotenzial. So sei das in jeder Haftanstalt, wird mir berichtet, egal ob dort Deutsche oder Migranten die Mehrheit der Häftlinge stellen. Auch stören sich nur wenige daran, dass die Häftlinge in den Zellen über Handys verfügen. Gleichermaßen verhält es sich mit dem Besitz von Cannabis. Abgesehen von der Gewalt unter den Gefangenen selbst kommt diese auch gegenüber Vollzugsbediensteten zum Ausdruck. Sie müssen sich im Arbeitsalltag als „Huren“, „Hurensöhne“ und „Nazis“ beschimpfen lassen und werden manchmal auch von Inhaftierten geschlagen.

In anderen staatlichen Einrichtungen, die der Unterbringung von Jugendlichen dienen und dazu beitragen sollen, dass der junge Mensch nicht in Haft kommt, fallen ebenfalls beunruhigende Dinge vor. Man fragt sich zum Beispiel beklommen, wie ein Jugendlicher, der zur Vermeidung der Untersuchungshaft in einem Heim untergebracht worden ist, an Metallspieße gelangen kann, mit denen er andere Mitinsassen attackiert.

Zurück zum kindlichen „Intensivtäter“: Begeht ein 13-Jähriger eine Vergewaltigung, hat er sich dafür nicht zu verantworten. In einem mir erinnerlichen Fall kam es immerhin mit Zustimmung der Eltern und auf freiwilliger Basis zu einer vorübergehenden Unterbringung des Täters außerhalb des Heimatortes. Als Mutter und Vater nach kurzer Zeit meinten, der Junge müsse besuchsweise nach Hause kommen, gab es keine Handhabe zu verhindern, dass der Sohn die Einrichtung verließ. Hätte das Familiengericht zuvor einen Pfleger bestimmt, der hierüber zu befinden gehabt hätte, wäre die nächste Vergewaltigung vielleicht zu verhindern gewesen. So aber fiel dem Täter, der wiederum nicht allein agierte, nunmehr ein Kind zum Opfer. Das Familiengericht hatte allerdings keine Gelegenheit, eine das Sorgerecht der Eltern einschränkende Anordnung zu treffen, weil der Fall vom Jugendamt dort nach meiner Kenntnis gar nicht vorgetragen wurde.

Ich habe Täter wie Yilmaz, Hussein und Kaan, die alle ähnlich vorgingen und aus vergleichbaren Motiven handelten, bereits ein paar Mal in Vorträgen zur Diskussion gestellt. Dabei stehen nicht ausschließlich die Brutalität der Vergewaltigungen und das bis heute nicht erkennbare Mitleid mit den Opfern im Vordergrund, sondern die unübersehbare Tatsache, dass durch elterliches Versagen und unter den Augen der geduldig abwartenden staatlichen Institutionen schwer kriminelle Jugendliche heranwachsen können.

Das „Durchreichen“ schwieriger Schüler von einer Schule an die nächste – das fällt auch hier wieder auf – ist sicherlich alles andere als förderlich. Genauso verhält es sich mit der Einrichtung einer Familienhilfe, die allzu oft genauso schnell wieder beendet wird. Insgesamt wird meiner Ansicht nach auch bei Tätern wie Yilmaz, Hussein und Kaan sichtbar, dass die staatliche Seite bei besseren Kommunikationsstrukturen früher und nachhaltiger hätte reagieren können. In diesem Fall scheint der Ablauf so gewesen zu sein, dass die Schulen, das Jugendamt, die Polizei und das Jugendgericht allein im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten gehandelt haben und keiner über „seinen Tellerrand schaute“.

Hätten die beteiligten Institutionen zusammengearbeitet, wären vielleicht ganz andere Handlungen möglich gewesen. Das Familiengericht hätte bei Vorliegen sämtlicher vorhandener Erkenntnisse mit Sicherheit eingegriffen. Mir ist vollkommen unklar, weshalb stattdessen jahrelang auf den Konsens mit den Eltern gesetzt wurde, obwohl von Anfang an klar war, dass diese überhaupt nicht kooperationsbereit waren. Sie haben alle Maßnahmen unterlaufen, indem sie die Söhne in die Türkei oder den Libanon schickten.

Ich habe im Laufe der Jahre außerdem den Eindruck gewonnen, dass bei Migrantenfamilien seltener und zurückhaltender in das elterliche Sorgerecht eingegriffen wird als bei den Deutschen. In den Bundeszentralregisterauszügen der Angeklagten wird neben den strafrechtlichen Vorbelastungen auch eingetragen, wenn sorgerechtliche Entscheidungen des Familiengerichts ergangen sind. Bei deutschen Eltern habe ich einige Einträge gefunden, bei den Zuwanderern nicht, wobei ich betone, dass ich naturgemäß nicht sämtliche in Betracht kommenden Fälle überprüfen kann.

"Knast macht Männer“

Meine Kollegen und ich stehen schließlich am Ende dieser Kette von Fehlentwicklungen. Was mich stört, ist, dass ich in solchen Fällen nur als eine Art „Reparaturbetrieb“ agieren kann – und dann auch noch als erfolgloser. Wir strafen ab. Damit erfüllen wir eine uns übertragene Aufgabe. Der einer Verurteilung folgende mehrjährige Aufenthalt in der Jugendstrafanstalt macht die Jugendlichen aber nicht zwangsläufig besser. Obwohl sie zum Teil jahrelang psychologisch betreut und begleitet werden – ein Privileg, das ihren Opfern wahrscheinlich nicht zuteil wird –, tritt selten eine dauerhafte Verhaltensänderung ein.

Die Mütter hingegen unterstützen ihre Söhne auch während der Haftzeit in der Haltung: „Die [das Vergewaltigungsopfer] hat das doch gewollt“, ein Unschuldiger sei verurteilt worden, und überhaupt spielten immer fremdenfeindliche Motive eine Rolle. Die Auffassung „Knast macht Männer“ wird übrigens ebenfalls vertreten. Auch die angebotenen Maßnahmen zur Verbesserung des Bildungsniveaus schlagen selten an. Wie „draußen“ sind Yilmaz, Hussein und Kaan auch „drinnen“ häufig als untragbar aus den Schulprojekten in der Haftanstalt geflogen. Ihre erlernten Verhaltensweisen des Boykottierens sind inzwischen derartig verfestigt, dass sie diese immer wieder anwenden.

Ein weiteres Phänomen möchte ich an dieser Stelle in die Überlegungen einbeziehen. Es zeigt sich bei vielen Tätern mit Migrationshintergrund. Etliche türkischstämmige und „arabische“ Jugendliche achten die in Deutschland geltenden Regeln und Gesetze nicht. Die hiesige Werteordnung ist ihnen gleichgültig. Sie setzen sich in jedem Lebensbereich darüber hinweg. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit während der Schulzeit. Lehrerinnen und Schülerinnen werden verbal herabgesetzt und gedemütigt. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt wird deutlich, dass Frauen besonders missachtet werden. Mir wird bei entsprechenden Diskussionen über diese Problematik häufig entgegengehalten, dass die Jungen zunächst meist selbst diskriminiert werden und sich dann lediglich mit entsprechenden Äußerungen zur Wehr setzen. Das kann ich nicht widerlegen, aber unverständlich bleibt für mich dennoch, weshalb gerade Mädchen und Frauen so oft aufgrund ihres Geschlechts herabgewürdigt werden.

Wenn ich in Neukölln Gespräche mit jungen Migranten führe, sind diese manchmal ganz offen in der Benennung ihres Frauenbildes. Sie sagen, dass junge deutsche Frauen für sie als Partnerin oder gar als Ehefrau nicht in Betracht kämen. Sie seien zu „verdorben“. Einige andere äußern, dass selbst eine Berliner Türkin als Partnerin ausscheide, weil diese ebenfalls schon zu „westlich“, also „verdorben“, sei. Eine Jungfrau aus der „Heimat“ sei die richtige Wahl. Die werde ohnehin von den Eltern ausgesucht, weshalb man sich keine großen Sorgen wegen der Verheiratung mache.

Ich habe diese Praxis bereits am Rande der Hauptverhandlungen wahrgenommen. So verurteilte ich einen jungen kurdischstämmigen Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit wegen eines wiederholten Überfalls auf einen Sexshop in Berlin-Wedding zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Er wollte der Vollstreckung unbedingt entgehen, weil er bereits eine kurdische Ehefrau und kleine Kinder hatte, die demnächst in der Kita angemeldet werden sollten. Meine Frage, weshalb das denn nicht die Frau regeln könne, beantwortete er damit, dass die Mutter seiner Kinder zum Zwecke der Verheiratung aus Kurdistan gekommen sei, bis vor Kurzem im Haushalt seiner Eltern gelebt habe und dort als Schwiegertochter sehr kurz gehalten wurde. Sie habe den Anweisungen seiner Mutter Folge zu leisten. Es sei nicht vorgesehen, dass die junge Frau die deutsche Sprache erlerne, weshalb sie ohne seine Unterstützung in allen Fragen außerhalb des häuslichen Umfeldes hilflos sei.

Das sind keine hoffnungsfroh stimmenden Ausführungen bezüglich des Integrationsprozesses, dachte ich in diesem Moment. Da fangen wir bei jeder „fremden Braut“, wie Necla Kelek in ihrem gleichnamigen Buch eindrucksvoll unter Beweis stellt, wieder ganz von vorn an. Kinder und Küche – dieses Leitbild für Frauen aus den 50er-Jahren läge längst hinter uns, hatte ich gedacht.

Jugendrichterin Kirsten Heisig war eine engagierte Verfechterin des konsequenten Vorgehens gegen jugendliche Gewalttäter. Sie kritisierte die ungenügende Kooperation von Ämtern bei der Verfolgung von Intensivtätern, mahnte aber zugleich ein frühzeitiges und schnelles Eingreifen an, um Kinder insbesondere aus Migrantenfamilien daran zu hindern, kriminell zu werden. Dabei nahm Kirsten Heisig kein Blatt vor den Mund. Kurz vor ihrem Tod sagte sie: „Mit meinem Buch werde ich mir nicht nur Freunde machen“

"Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" erscheint am Montag im Verlag Herder. 208 S., 14,95 Euro, ISBN 978–3–451–30204–6