Schienen-Chaos

Ex-Technik-Chef sieht Schuld bei Ost-S-Bahnern

Ulrich Thon gilt bei vielen als einer der Hauptverantwortlichen für die bis heute anhaltenden Probleme bei der Berliner S-Bahn. Doch der gefeuerte Manager hat ganz andere Ursachen für das Desasters ausgemacht.

Unter den Mitarbeitern der Berliner S-Bahn ist die Stimmung aufgeheizt. Nicht nur wegen der anhaltenden Hitze und manch spitzer Äußerung genervter Fahrgäste, die ihrem Ärger über überfüllte Züge und deren fehlender Klimatisierung lautstark Luft machen. Auch ein früherer Manager sorgt derzeit für viel Ärger.

Hatte sich doch im fernen Schleswig-Holstein der einstige Technik-Geschäftsführer der S-Bahn, Ulrich Thon, in einer Lokalzeitung zu Wort gemeldet. Ein „konstruktiver Mangel“ und nicht etwa sein harter Sparkurs sei die Ursache für die bis heute anhaltenden Probleme im hauptstädtischen Nahverkehr gewesen, wird er im „Probsteier Herold“ zitiert. Das Blatt stellte Thon als künftigen Chef des kommunalen Eigenbetriebs im gut 5000 Einwohner zählenden Ostseebad Laboe an der Kieler Förde vor.

Doch Thon hat auch noch ein Mentalitätsproblem als Auslöser des S-Bahn-Desasters ausgemacht: „Es gab einen Ost-West-Konflikt. Ich wurde dort als Wessi nie akzeptiert“, lässt er sich zitieren. Für den altgedienten S-Bahner Heiner Wegner ist diese Schuld-Zuweisung der „Gipfel der Unverschämtheit“. „Da versucht einer, von seiner eigenen Verantwortung abzulenken“, sagt Wegner. Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende dürfte mit dieser Meinung nicht allein stehen. Auch der Berliner Fahrgastverband und Verkehrsexperten der Abgeordnetenhaus-Parteien sehen in Thon einen der Hauptverantwortlichen für die bis heute nicht ganz gelösten Probleme in dem einstigen Vorzeige-Unternehmen Berliner S-Bahn.

In der Tat steht der Name Thon für einen bis dahin bespiellosen Sparkurs, mit dem das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn auf Gewinn getrimmt werden sollte. Der gelernte Maschinenbauingenieur war im August 2005 in die S-Bahn-Geschäftsführung berufen worden, in einer Zeit also, als unter dem damaligen S-Bahn-Chef Günter Ruppert immer stärker Widerstand gegen den verordneten Rationalisierungskurs aufflackerte. Thon hatte zuvor als Projektleiter das Programm „Optimierung S-Bahnen“ ausgearbeitet. Erklärtes Ziel: Eine deutliche Erhöhung der Gewinne, die die S-Bahn an den Mutterkonzern abzuführen hatte.

Stellen gestrichen, Werkstätten geschlossen, Wartung vernachlässigt

Unter Thon wurden nicht nur fast 900 der einst 3700 Stellen bei der S-Bahn gestrichen, er setzte auch die Schließung von drei Werkstätten und den Abzug der Aufsichten von zahlreichen S-Bahnhöfen durch. Zu Thons „Verdiensten“ gehört auch die Ausmusterung von mehr als 100 Zwei-Wagen-Einheiten der älteren Baureihe 485. Als im Sommer vorigen Jahres ein Großteil der Züge wegen Sicherheitsproblemen aus dem Verkehr gezogen werden mussten, war keine Fahrzeugreserve mehr da. Ein Großteil der stillgelegten Triebwagen, wegen ihrer roten Lackierung und ihrer Aluminium-Bauweise auch als „Coladosen“ bezeichnet, waren nach gerade zehn Einsatzjahren verschrottet worden.

Doch Thons fatalste Sparidee war, die Fristen für die Wartung der S-Bahn-Züge „zu spreizen“. Im Klartext: Die Züge fuhren länger ohne Inspektion und Instandsetzung durch die Stadt als vom Fahrzeug-Hersteller vorgegeben. Selbst als 2006 bei einem Auffahrunfall im Bahnhof Südkreuz 33 Fahrgäste verletzt wurden, ließ der Technik-Chef die Besandungsanlagen der Züge nur alle 14 Tage statt einmal pro Woche überprüfen. Fehlender Bremssand wurde später als wesentliche Ursache für den Unfall ermittelt. Im September 2009 stellen Bahn-Experten schließlich fest, dass bei S-Bahn-Zügen jahrelang die Bremszylinder nicht vorschriftsmäßig gewartet worden waren. Die Folge: Die für das schnelle Abbremsen, etwa in Gefahrensituationen, wichtigen Bauteile versagten reiheweise ihren Dienst. Nur Glücksumständen, so Verkehrsexperten später, sei es zu verdanken, dass es zu keinen Unfällen gekommen sei.

Der damalige Technik-Chef Ulrich Thon sieht sich bis heute für all diese Geschehnisse nicht verantwortlich. Das hätten auch staatsanwaltschaftliche Ermittlung und viele Untersuchungen bestätigt, gibt er im „Probsteier Herold“ zu Protokoll. Die Wahrheit sieht indes etwas anders aus. Zwar hat die Staatsanwaltschaft, wie berichtet, ihre Ermittlungen gegen die früheren S-Bahn-Manager eingestellt. Keinem konnten strafbare Handlungen im Sinne des Strafgesetzbuches nachgewiesen werden, hieß es. Doch auch die Ermittler der Justiz stellten fest, dass es Managementfehler und „offenkundige Fehlleistungen“ bei der S-Bahn gegeben hat.

Zum diesem Ergebnis war bereits die Kanzlei Gleiss Lutz gekommen, die im Auftrag des Mutterkonzerns Deutsche Bahn die Ursachen des S-Bahn-Desasters untersucht hatte. Zwar kamen die Wirtschaftsanwälte zu dem Schluss, dass vor allem fehlerhaft konstruierte Triebwagen die Probleme verursacht hätten. Doch in ihrem Bericht ist auch von „systematischen Organisationsmängeln“ die Rede. Als Beispiel für die Fehler des S-Bahn-Managements wird die Qualitätskontrolle im Instandhaltungsbereich angeführt. Eine Abteilung, die trotz ihrer Bedeutung für die Sicherheit faktisch nur noch auf dem Papier bestand. Auch für diesen Unternehmensbereich war übrigens Technik-Chef Thon verantwortlich.

Thon hatte bereits 2007 Widerstand gegen seinen Sparkurs auf die vermeintlich renitente Haltung früherer DDR-Reichsbahner zurückgeführt und „Altlasten“ beklagt, mit denen er zu kämpfen habe. Das brachte ihm sogar eine Strafanzeige eines früheren Arbeitsdirektors wegen „übler Nachrede“ ein, der im Übrigen – wie viele andere Verantwortliche bei der S-Bahn – nicht aus dem Osten war. Auch in der aktuellen S-Bahn-Geschäftsführung stammt niemand aus Ostdeutschland. Von „Ost-West-Problemen“ ist trotz des hohen Anteils ehemaliger DDR-Reichsbahner nichts zu hören. Im Gegenteil: „Das habe ich nie so erlebt“, so einer der Manager. Auch Thons Aussage, einzig Technikmängel seien verantwortlich für die Krise, sei ein „totaler Schmarrn“.

Viele Thon-Entscheidungen revidiert

Die neue S-Bahn-Spitze hat inzwischen zahlreiche Entscheidungen von Thon revidiert. So wurde etwa die Werkstatt Friedrichsfelde wiedereröffnet. Und die Hauptwerkstatt in Schöneweide, die Thon bis Ende 2010 schließen wollte, hat nun eine Bestandsgarantie bis 2017. Auch bekam jede Werkstatt wieder einen verantwortlichen Leiter. Zudem wurde ein Computersystem eingeführt, um die Kontroll- und Wartungsfristen so zu verwalten, dass sie auch eingehalten werden.

Auch wenn sich wohl keiner der früheren S-Bahn-Chefs vor einem Strafgericht verantworten muss, könnte die Krise für sie gleichwohl noch ein Nachspiel haben. Wie ein Bahnsprecher bestätigte, prüft der Mutterkonzern angesichts des immensen wirtschaftlichen Schadens von mindestens 220 Millionen Euro mögliche Schadenersatzforderungen gegen die Beteiligten. Und auch die Akten der Staatsanwaltschaft verschwinden nicht sofort im Archiv. Die Ermittlungsergebnisse werden nach Angaben von Behördensprecher Martin Steltner nun an das Eisenbahn-Bundesamt nach Bonn geschickt. Die Aufsichtsbehörde soll prüfen, ob den Ex-Managern zumindest Ordnungswidrigkeiten zur Last gelegt werden können.

Im finanziell klammen Ostseebad Laboe hat Thon jetzt angekündigt, dass er seine Aufgabe dort nicht in einer Sanierung wie bei der Berliner S-Bahn sehe. „Hier gilt es, zum Wohle der Gemeinde die Gesamtsituation zu verbessern“, sagte der künftige Chef von Bauhof, Schwimmhalle, Tourismusbetrieb und Hafen.