Berliner Nahverkehr

S-Bahn-Züge fuhren jahrelang ohne Zulassung

Bei der Berliner S-Bahn sind neue technische Versäumnisse bekannt geworden: Züge der aus DDR-Produktion stammenden Baureihe 485 waren praktisch ohne Zulassung des Eisenbahn-Bundesamts auf Berlins Schienen unterwegs - und zwar mindestens fünf Jahre lang.

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Auch Monate nach Beginn der S-Bahn-Krise werden immer neue Missstände bei dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn bekannt. Gestern stellte sich heraus, dass zahlreiche Züge seit mindestens fünf Jahren ohne Zulassung der Aufsichtsbehörde eingesetzt wurden. Betroffen ist die aus DDR-Produktion stammende Baureihe 485 - wegen der ehemals roten Lackierung bekannt als „Coladosen“. Schon seit vier Wochen ist die komplette Baureihe stillgelegt, nachdem aufgefallen war, dass Sicherheitschecks über Jahre versäumt wurden. Nach der erneuten Blamage bleiben die Züge nun bis auf Weiteres auf dem Abstellgleis.

Zuletzt hatte die S-Bahn nur noch 15 Zwei-Wagen-Einheiten aus DDR-Produktion im Einsatz. Anders vor fünf Jahren, als die neuerliche Sicherheitspanne ihren Anfang nahm. Damals fuhren noch knapp 100 „Coladosen“ durch Berlin – mit nicht zugelassenen oder veralteten Rädern. Damit war etwa ein Siebtel der damaligen S-Bahn-Flotte betroffen.

Nach einem Unfall mit einer vergleichbaren Altbaureihe hatte die S-Bahn im Jahr 2005 begonnen, die Räder der 485er-Züge zu erneuern. Die bis dahin eingesetzten Gussräder wurden nach und nach durch stabilere geschmiedete Räder ersetzt. Weil es sich dabei aber um sicherheitsrelevante Bauteile handelte, hätte die damalige Geschäftsführung beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) eine „Bauartänderung“ anzeigen müssen. Das ist jedoch jahrelang nicht geschehen, wie EBA-Sprecher Ralph Fischer Morgenpost Online bestätigte. Erst am 17. März 2010 wurde der Antrag nachgereicht. Den erforderlichen Nachweis der Festigkeit der Schmiederäder gibt es jedoch bis heute nicht.

Gefährliche Gussräder nicht überprüft

Und das ist nicht das einzige Versäumnis. Denn die bis zuletzt auf einigen Zügen eingesetzten Gussräder waren ebenfalls ein Sicherheitsrisiko. Bei sogenannten Magnetpulverprüfungen meldeten die Messgeräte von 2004 bis 2009 insgesamt „mindestens 39 Befunde“, so EBA-Sprecher Fischer. Jeder einzelne hätte ein gefährlicher Radriss sein können. Überprüft wurde das aber entgegen den Vorschriften nicht. Die Gussräder wurden vor der Verschrottung nicht einmal untersucht. Der letzte dokumentierte Vorfall stammt noch aus dem September 2009.

Ein S-Bahn-Sprecher bestätigte den Vorgang. Die neue Geschäftsführung habe umgehend reagiert. Die letzten Gussräder müssen nun verschrottet, die Festigkeitsnachweise für die Schmiederäder nachgeholt werden. Drei bis vier Wochen wird das dauern.

Die letzten Züge der noch aus DDR-Produktion stammenden Baureihe 485 sind bereits im Februar aus dem Verkehr gezogen worden. Seinerzeit hatte das EBA beanstandet, dass es keine Nachweise für die von der Bahn zugesicherten Wirbelstromprüfungen an den Rädern gab.

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