Sprengsatzanschlag auf Polizisten

"Mehrere Zentimeter breite, offene Fleischwunden"

Ermittelt wird nun wegen "versuchtem Totschlag": Unbekannte haben bei einer Demonstration in Berlin zwei Polizisten mit einem Sprengsatz schwer verletzt. Bei der Explosion wurden Splitter freigesetzt - die die Schutzkleidung der Beamten durchdrangen.

Foto: dpa

Sonnabend, die Torstraße in Berlin-Mitte: Blick auf die Straße, die voller Menschen ist. Die Demonstration "Wir zahlen nicht für Eure Krise" zieht vorbei. Stimmen aus Lautsprechern, Demonstranten, manche mit Transparenten und Fahnen, Polizisten mit Helmen. Dann kracht es - und zwei Polizeibeamte sind schwer verletzt.

Eine Aufnahme auf dem Videoportal Youtube zeigt, wie der Angriff auf die Polizei aus einiger Entfernung gesehen ablief: Auf der Torstraße in Berlin-Mitte stehen sich Polizisten und Demonstranten gegenüber. Rauch steigt auf, dann eine massive Explosion - das Kamerabild wackelt, die Menschen entfernen sich schnellen Schrittes vom Ort der Explosion. Es folgen zwei weitere, kleinere Detonantionen. Eine lautsprecherverstärkte Stimme ist zu hören, anscheinend von einem der Wagen, die die Demonstranten begleiteten: "Das ist kein Sprengsatz, das ist nur ein Silvesterknaller gewesen. Bleibt ruhig." Doch zwei Polizeibeamte, 36 und 47 Jahre alt, sind schwer verletzt - durch einen Sprengsatz, der anscheinend so präpariert war, dass bei der Explosion Splitter in alle Richtungen geschossen werden.

Ein "Silvesterknaller" war es nicht. Nach Angaben eines Polizeisprechers wurde bei der Demonstration am Sonnabend ein offenbar selbst gebauter Sprengsatz gezündet, der möglicherweise mit Nägeln oder Glasscherben gefüllt war. Nach Angaben des Sprechers mussten Ärzte den beiden schwer verletzten Beamten verschiedene "Gegenstände" aus dem Körper herausoperieren. Nach Informationen von Morgenpost Online handelte es sich dabei unter anderem um Metallsplitter.

Sprengsatz-Splitter durchdringen Schutzkleidung

An der Berliner Demonstration gegen die Sparpläne der Bundesregierung am Sonnabend hatten bis zu 20.000 Menschen teilgenommen, darunter auch ein laut Polizei etwa 450 Personen starker "Antikapitalistischer Block". Aus dieser Gruppe heraus waren Polizisten an der Torstraße mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen worden - und schließlich auch mit dem Sprengsatz. Drei Personen wurden im Zusammenhang mit der Sprengsatz-Attacke festgenommen. Sie kamen in der Nacht zum Sonntag aber ebenso wieder auf freien Fuß wie vier weitere Teilnehmer des Protestmarsches, die wegen anderer Delikte festgenommen worden waren.

Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) durchdrangen die bei der Explosion des Sprengsastzes freigesetzten Splitter hätten die Schutzkleidung der Polizisten. Die Beamten hätten an den Beinen mehrere Zentimeter breite, offene Fleischwunden erlitten, die vom Stiefelschaft bis in die Leistengegend reichten. Der GdP-Bundesvorsitzende Konrad Freiberg sprach von einem "Mordversuch". Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt wegen versuchten Totschlags. Bodo Pfalzgraf, der Berliner Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) bezeichnete die Tat als "grausamen Anschlag". "Die Täter bewegen sich hart an der Grenze zum Terrorismus", sagte der Gewerkschafter.

Den beiden Beamten geht es nach Polizeiangaben inzwischen wieder besser. Einer von ihnen soll in Kürze wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Sein Kollege dagegen werde noch einige Tage in der Klinik bleiben müssen, hieß es. Neben den beiden Schwerverletzten wurden durch den Angriff an der Torstraße 13 zwischen Straßburger Straße und Prenzlauer Allee weitere Polizisten verletzt. Sie erlitten unter anderem Schnittwunden und Knalltraumata.

"Ein krimineller Akt"

Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) verurteilte die Attacke. Es sei "ein krimineller Akt, der mit dem Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit nichts mehr zu tun hat". Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte: "Es kann und darf für Angriffe auf auf Polizeibeamte keinerlei politische Legitimation geben." Innensenator Ehrhart Körting (SPD) kritisierte, Teilen des autonomen Spektrums diene Politik nur noch als Vorwand, um Menschen zu verletzen. "Hier handelt es sich um eine neue Brutalität." Linke-Landeschef Klaus Lederer, dessen Partei zu dem Protestmarsch vom Sonnabend aufgerufen hatte, distanzierte sich von dem Anschlag: "Jeder Akt von Gewaltanwendung ist zu verurteilen. Das schadet dem Anliegen der Demonstration", agte Lederer der Zeitung "B.Z.".

Wowereit und Körting übermittelten den beiden Beamten ihre Genesungswünsche. "Die Polizistinnen und Polizisten, die im Namen der Allgemeinheit bei großen Demonstrationen eingesetzt werden und dabei auch den Auftrag haben, Gewalttätern entschlossen entgegenzutreten, haben unsere volle Unterstützung und Solidarität", sagte Wowereit. 2009 wurden in Berlin nach Angaben der Senatsinnenverwaltung 3175 Polizisten verletzt, davon 397 bei Demonstrationen.

Sprengsatz am Ostbahnhof

Unter dem Motto "Die Krise heißt Kapitalismus" waren am Samstag bis zu 20.000 Menschen durch die Berliner Innenstadt gezogen, um gegen Sozialabbau und das Sparpaket der Bundesregierung zu protestieren. Zu der Demonstration hatte das Bündnis "Wir zahlen nicht für Eure Krise" aufgerufen. Organisiert in diesem Bündnis sind verschiedene Initiativen, Teile der Gewerkschaften Ver.di und IG Metall sowie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und eine Reihe von linken Parteien wie Die Linke und die Deutsche Kommunistische Partei (DKP).

Vor knapp sechs Wochen hatte die Feuerwehr nach den teils gewalttätigen Auseinandersetzungen zum 1. Mai am Ostbahnhof einen Sprengsatz gefunden. Die "amateurhaft angefertigte Sprengvorrichtung" war zündfähig: ein etwa 20 Zentimeter langes, schmales Eisenrohr mit geschlossenen Enden, gefüllt mit Schwarzpulver und mit einer einfachen Zündschnur versehen. Eine Detonation des Sprengsatzes hätte, laut Polizeiangaben bei Personen in der näheren Umgebung durchaus schwere Verletzungen verursachen können. Umher fliegende Metallsplitter hätten unter Umständen sogar tödlich sein können.

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