Egon Bahr

„Niemand konnte John F. Kennedy überbieten“

Egon Bahr (91), langjähriger und einflussreicher SPD-Politiker, hat den Auftritt Kennedys als Sprecher von Willy Brandt miterlebt. Ein Gespräch über Erinnerungen, Wünsche und die Liebe zu Berlin.

Egon Bahr erlebte John F. Kennedy in Berlin

Video: BMO
Beschreibung anzeigen

Berliner Morgenpost: Lieber Herr Bahr, Sie sind Ehrenbürger Berlins. Sie sagen doch bestimmt auch aus Überzeugung: ,Ich bin ein Berliner.‘

Egon Bahr: Richtig. Ich muss das nicht bezeugen. Ich bin es.

Was gefällt Ihnen so gut daran, ein Berliner zu sein?

Das ist die Stadt, in der ich zum ersten Mal im Alter von sechs Monaten gewesen bin. Es ist die Stadt, in der ich die wichtigsten Abschnitte meines Lebens erlebt habe. Ich bin ja mehrfach zwischen Bonn und Berlin hin- und hergependelt. Aber nun bin ich fest entschlossen, bis zu meinem seligen Ende hierzubleiben.

Gibt es etwas, was Berlin so besonders macht? Auch im Vergleich zu anderen Großstädten?

Ja selbstverständlich. Berlin ist ja nie eine schöne Stadt gewesen, aber es war immer eine aufregende Stadt. Und das ist Berlin bis heute.

Sie waren damals, vor 50 Jahren, bei der Rede von John F. Kennedy dabei. Vielen Berlinern kam der US-Präsident wie ein Erlöser vor. Wie haben Sie das empfunden?

Der Besuch von Kennedy war für mich ein Höhepunkt. In einem doppelten Sinne. Die populäre Formulierung ,Ich bin ein Berliner‘ hieß: ,Ich mache das Schicksal der Stadt auch zu meinem eigenen.‘ Das war eigentlich ein Satz aus dem Kalten Krieg. Und ich habe gesehen, wie Adenauer fröhlich wurde und Willy Brandt ein bisschen zurückhaltend wurde. Am Nachmittag hielt Kennedy an der Freien Universität seinen wichtigeren, seinen politischen Vortrag. Er sagte, man werde die Entspannungspolitik fortsetzen und man werde dafür sorgen, dass die Konfrontation durch Kooperation abgelöst wird. Da erstarrte dann Adenauer und Willy Brandt wurde fröhlich.

Lassen Sie uns noch mehr teilhaben an Ihren Erinnerungen. Kennedy ist damals fast wie ein Erlöser, wie ein Pop-Star in Deutschland, erst recht in Berlin empfangen worden. Konnten Sie das nachvollziehen?

Es lagen schon zwei Jahre nach dem Mauerbau hinter uns. Kennedy hatte Johnson und 1500 US-Soldaten nach Berlin geschickt. Wir wussten, die Existenz der Stadt ist gesichert. Aber die Frage, wie wird es politisch weitergehen wird, wurde erst jetzt entschieden.

Nun hatte Kennedy nach dem Mauerbau 1961 erst nicht reagiert, dann in einem Brief an Willy Brandt formuliert, besser die Mauer als Krieg. Er hatte also nicht so reagiert, wie die Berliner, die West-Berliner sich das erhofft hatten. Warum nun, zwei Jahre später, trotzdem diese Begeisterung?

1961 waren die Berliner enttäuscht, verbittert über den Mauerbau. Willy Brandt ist damals sofort zu den Alliierten Stadtkommandanten gefahren, aber diese hatten keine Weisung von ihren Staatschefs. Er hatte schon Mühe, diese zu überzeugen, dass sie Jeeps auf die Straßen stellen, damit die Berliner sehen, dass sie nicht alleine sind. Da hat Brandt sich entschlossen, an den Präsidenten zu schreiben. Kennedy war ein bisschen ungehalten, weil sich so ein kleener Bürgermeister Worte herausgenommen hat, die er nicht gewohnt war. Trotzdem hat der Präsident prompt reagiert und die 1500-Mann-Truppe geschickt. Die USA waren auf nichts vorbereitet. Aber Gott sei Dank ging auch die Gefahr eines Atomarschlags vorbei. In dem Brief Kennedys stand: ,Was hier passiert, kann nur durch Krieg geändert werden. Und niemand will Krieg.‘ Na, wir auch nicht. Und darüber hinaus schrieb Kennedy, dass die Menschen in der Stadt spüren werden, dass der Osten sich verteidigen muss. Wir haben das damals für Schönfärberei gehalten und haben erst später gesehen, er hatte recht.

Wie haben Sie Kennedys Aufenthalt im Rathaus Schöneberg, seinen Auftritt dort in Erinnerung?

Der Präsident ist bekanntlich auch nur ein Mensch und musste zuerst die sanitären Anlagen besichtigen. Dann lief er im Büro mit seinem Dolmetscher auf und ab und probte irgendwas, wir haben aber nicht gehört, was. Adenauer saß im Sessel und las das ,Neue Deutschland‘, was auch nicht so oft vorkam. Wir waren jedenfalls genauso überrascht, als er seinen berühmten Satz sagte. Kennedy sagte damit ja auch: ,Ich verknüpfe mein Schicksal mit dem Schicksal dieser Stadt.‘ Und seitdem ist nichts mehr Ernstes gegen diese Stadt passiert. Am Nachmittag bei seinem Vortrag an der Freien Universität hat er dann seine Linie gehalten – nämlich sich für die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ausgesprochen. Seitdem ist nichts mehr passiert.

Sie sind selbst ein Mann des Wortes. Sie waren Journalist, damals Pressesprecher. Haben Sie gedacht: ,Boa, den Satz hätte ich mir auch ausdenken sollen.‘?

Nein. Darauf wäre ich nicht gekommen, weil ich nicht die Macht hätte, das zu verwirklichen.

Die Politik Kennedys folgte ja Ihrer Linie, also der von Willy Brandt und Ihnen. Wandel durch Annäherung haben Sie später gesagt.

Wandel durch Annäherung kannten wir damals noch nicht. Es war uns aber klar: Wir müssen den Status Quo anerkennen, wenn wir ihn ändern wollen. Das war dem allgemeinen Denken damals weit voraus. Es hat sich als richtig erwiesen.

Hat Kennedy darüber mit Willy Brandt gesprochen?

Nein. Die beiden haben erst später im Weißen Haus ausführlich miteinander geredet. Erst als Kennedy realisierte, dass Brandt ein sehr vernünftiger Mensch war und dass man mit ihm arbeiten konnte.

War Ihre Politik gegenüber dem Ostblock, der Sowjetunion, von Kennedy beeinflusst?

Es war eine Parallelität. Wir haben realisiert, dass wir mit Kennedy arbeiten können. Weil er eben den Status Quo nicht nur erhalten will, sondern auch verändern will.

Was hat sich für Sie persönlich durch den Besuch geändert?

Wir wussten nach dem Besuch, dass es sehr lange dauern würde, ehe sich am Status Quo in der Stadt wirklich etwas ändert. Erst nach Kennedys Abflug haben wir erkannt, dass die Garantie nur für die Westsektoren Berlins galt, nicht für die gesamte Stadt. Das zeigte auch der Tod von Peter Fechter, der bei seinem Fluchtversuch erschossen wurde und eine Stunde lang auf dem Todesstreifen lag und qualvoll starb – und die amerikanischen Soldaten nicht eingriffen.

War Kennedys Auftritt das Fundament für das gute Verhältnis zwischen Berlin und Amerika, zwischen den West-Berlinern und den Amerikaner?

Der Besuch an sich war schon die Garantie, es kann uns nichts mehr passieren.

Es kamen ja noch mehr US-Präsidenten – Jimmy Carter, Bill Clinton, Ronald Reagan. Reagan hat den berühmten Satz gesagt: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“ Also doch die Linie Kennedys fortgeführt.

Nein, das kann man nicht sagen. Kennedy konnte nicht überboten werden. Es ist danach nichts mehr Entscheidendes gegen Berlin passiert.

Aber Kennedy ist auch sehr früh, schon im November 1963 ermordet worden. Er konnte auch keine Fehler mehr machen – gestatten Sie die böse Anmerkung...

Aber Reagan konnte Kennedys Aussage auch nicht überbieten. Die Mauer hat auch nicht Gorbatschow niedergerissen, sondern das waren die Ost-Berliner. Und als die Ost-Berliner anfingen auf der Mauer zu tanzen, sind die West-Berliner ja nicht hochgesprungen. Sie sind hochgezogen worden und dann haben die Menschen gemeinsam getanzt.

Wie wichtig war der Besuch von Barack Obama in der vergangenen Woche?

Ich war sehr gespannt, denn Obama kam ja in einer völlig veränderten Situation. Er hatte zuvor als erster mit seinem Kollegen aus Peking gesprochen, beide ohne Krawatte, beide sehr leger. Sie wollen ein kooperatives Verhältnis. Nun muss Obama ein entsprechendes Verhältnis zu Russland schaffen. Ich gehe davon aus, dass beide Seiten den Status Quo in Deutschland erhalten wollen. So stellt sich die Frage, ob die Atombomben beseitigt werden, ob Raketen in den Nachbarländern stationiert werden, ob die Stabilität in Europa erhalten bleibt. Das ist die einzig offene Frage für mich.

Obama ist ja mit sehr viel Vorschusslorbeeren in seinem Amt gestartet, die Erwartungen waren riesig, er bekam rasch den Friedensnobelpreis. Wie bewerten Sie seine Politik?

Ich bin froh, dass er gelernt hat, dass die Welt schwieriger ist als er sie sich wünscht. Obama hat sehr viel zustande gebracht, ist aber in einer Reihe von Punkten hängen geblieben, mit denen er nicht gerechnet hat. Ich halte beispielsweise seine Kriegsführung mit Drohnen für gefährlich. Ich werde mit Spannung verfolgen, wie er sein Verhältnis zu Russland gestalten wird.

,Ich bin ein Berliner‘, war der berühmte Satz. Sie sind Berliner. Was wünschen Sie der Stadt Berlin?

Berlin ist in der seltsamen Situation, das es in den Windschatten der großen Politik geraten ist. Die entscheidenden Dinge werden in Asien passieren. Ich wünsche mir, dass wir in dem Windschatten bleiben und nicht wieder so aufregend in den Mittelpunkt rücken, wie wir es schon einmal waren. Ich wünsche mir, dass die Stabilität eines weitgehend entwaffneten Berlins und Deutschlands erhalten bleibt.

>>>Kennedy in Berlin – das Special<<<

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<