Information aus erster Hand ist wichtig. Doch ein Diplomat, ein prominenter zumal, kann nicht einfach so in die Hauptstadt eines anderen Landes reisen, um die Stimmung auf den Straßen zu spüren. Das wusste natürlich auch Joseph P. Kennedy, der Botschafter der USA in London. Dennoch wollte der steinreiche Geschäftsmann wissen, was im Sommer 1939 so in Berlin geredet wurde. Also schickte er seinen Sohn.
Standesgemäß für ein Mitglied der Ostküsten-Aristokratie stieg der 22-jährige John F. Kennedy bei seinem ersten Besuch in Berlin im Hotel Adlon ab. Er hatte sich an der Universität Harvard ein Freisemester genommen, um bei seinem Vater in London als Sekretär zu arbeiten und seine Abschlussarbeit vorzubereiten.
Von dieser Visite sind sich nur wenige Spuren erhalten, vor allem ein Brief vom 20. August 1939. Darin schrieb Kennedy einem Studienfreund: „Ich denke immer noch nicht, dass es Krieg geben wird.“ Trotzdem sehe „es nicht gut aus, weil die Deutschen mit ihren Propagandageschichten über Danzig und den Korridor intern schon so weit gegangen sind, dass man sich kaum vorstellen kann, sie könnten noch einlenken“.
Durchaus richtig schätzte er die Haltung der Regierung in London ein: „England wirkt dieses Mal entschlossen.“ Seinem Eindruck nach sah man das in Berlin allerdings anders. Daher bestehe die „große Gefahr“, dass die Welt sich bald in einem Krieg wiederfinde.
Der Brief ist zusammen mit anderen Dokumenten zu den weiteren Deutschland-Besuchen des späteren US-Präsidenten 1937 und 1945 in dem neuen Band „John F. Kennedy unter Deutschen“ abgedruckt. Herausgegeben hat die interessant bebilderte Edition der Berner Literaturwissenschaftlers Oliver Lubrich, ein gebürtiger Berliner (Aufbau-Verlag, 256 S., 22,99 Euro).
Hochdekorierter Kriegsheld
Interessant ist neben dem Brief aus dem August 1939 vor allem der Bericht über seine Reise Ende Juli 1945 nach Berlin. Kennedy, inzwischen hochdekorierter Kriegsheld, gehörte als Reporter zum Gefolge von US-Marineminister James V. Forrestal. Diesmal macht Kennedy ausführliche Notizen während der rund anderthalb Tage Aufenthalt in der zerstörten Stadt. „Es stellt sich die Frage, ob Berlin je wieder zu einer Großstadt aufgebaut werden wird“, notierte Kennedy skeptisch.
Sollte die Stadt in vier Sektoren aufgeteilt bleiben, glaubte er, „bleibt Berlin eine ruinierte, unproduktive Stadt“. Es werde Jahre dauern, bis wenigstens die Trümmer weggeräumt und das Material zum Wiederaufbau beschafft werden könne. Kennedy sprach mit dem Chef der US-Militärregierung und prominenten amerikanischen Journalisten, aber auch mit einem „deutschen Mädchen“. Die 22-jährige Katholikin sah die Zukunft Deutschlands „melancholisch“ – ein Gefühl, das Ende Juli 1945, keine drei Monate nach Kriegsende, in der Stadt allgegenwärtig war.
Beeindruckt war Kennedy bei einem Besuch in Hitlers Reichskanzlei. Der Prachtbau war „nur noch eine Hülle“, mit klaffenden Löchern und Narben von Kugeln. Er stieg auch hinab in den Führerbunker, der aber nicht 36 Meter tief lag, wie er schrieb, sondern nur etwa acht Meter.
„In dem Raum, wo Hitler den Tod gefunden haben soll, waren versengte Wände, Spuren von Feuer, zu sehen.“ Kennedy war wohl in dem Arbeitszimmer, in dem betrunkene Soldaten Mitte Juli Feuer gelegt hatten.
Am folgenden Tag verließ Kennedy Berlin wieder. Nur ein einziges Mal, am 26. Juni 1963, kehrte er zurück. Der Kontrast zwischen der Ruinenlandschaft 1945 und dem wiederaufgebauten West-Berlin muss ihn tief beeindruckt haben. Einen persönlichen Reisebericht über diesen Besuch hat er aber nicht hinterlassen.




