Ist das die Trendwende im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS)? Sicher nicht. Gleichwohl kann die Wiedereroberung der Großstadt Ramadi durch die irakische Armee nicht hoch genug bewertet werden. Es ist der erste große Sieg der Regierungstruppen gegen den IS. Die irakischen Verbände waren in der Vergangenheit immer wieder von den Dschihadisten gedemütigt worden – trotz deutlicher zahlenmäßiger Überlegenheit.

Der militärische Erfolg hat mehrere Ursachen. Zum einen ist es den Amerikanern gelungen, die desolaten irakischen Einheiten auf Vordermann zu bringen. Zweitens haben die Luftschläge der US-geführten Koalition und der Russen zumindest die Bewegungsfreiheit der Islamisten eingeschränkt. Bomben können die Schlacht gegen die Gotteskrieger nicht entscheiden, aber sie sorgen für Entlastung.

Mit der Einnahme von Ramadi haben die Iraker den Expansionsdrang des IS gestoppt. Das ist zunächst ein Propaganda-Rückschlag: Ein islamistisches Kalifat, das Stellungen räumen muss, hat es schwerer, neue Kämpfer zu re­krutieren.

Ein IS-Rückzugsraum fällt weg

Mit dem Vormarsch haben die irakischen Soldaten eine Schneise in das Kernland der Extremisten geschlagen. Ramadi ist die Hauptstadt der Provinz Anbar, eine Hochburg der Sunniten. Sie bilden die größte islamische Glaubensrichtung. Der radikalsunnitische IS hat von hier aus immer wieder Stimmung gegen die schiitischen Machthaber in Bagdad gemacht. Dieser Rückzugsraum fällt nun weg. Hinzu kommt, dass die irakischen Truppen die Nachschubwege nach Falludscha kontrollieren, die letzte vom IS gehaltene Stadt in der Provinz Anbar.

Doch der wichtigste Grund für den Vorstoß liegt darin, dass der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi offensichtlich dazugelernt hat. Die von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad ist über ihren Schatten gesprungen und kämpfte gemeinsam mit sunnitischen Milizen gegen den IS. Sie zeigte damit, dass die Schiiten, die die Mehrheit der Bevölkerung im Land stellen, nicht auf religiöse Abgrenzung setzen. Die Sunniten, bis zum Sturz des Diktators Saddam Hussein an den Schaltstellen der Macht, hatten sich in den Jahren danach immer wieder über Diskriminierung der neuen Herren beklagt. Es war eine der wichtigsten Propagandawaffen des IS.

Dennoch ist Ramadi nicht mehr als ein Etappensieg. Der IS mag im Irak und in Syrien einen empfindlichen Rückschlag erlitten haben. In anderen Ländern Arabiens wie in Libyen, Tunesien oder Ägypten sind die Dschihadisten jedoch unverändert stark. Die Terroranschläge von Tunis und Sousse oder der Absturz der russischen Passagiermaschine über dem Nordsinai unterstreichen dies.

Die Vorfreude ist verfrüht

Deshalb ist jede Vorfreude des Westens verfrüht. Gleichwohl könnte der Erfolg der irakischen Truppen in Ramadi eine Blaupause für die Kampagne gegen den IS liefern. Nur wenn sich die Kommandos lokaler Akteure zusammenschließen, besteht die Chance, die Extremisten in Schach zu halten. So eroberten kurdische und arabische Rebellen in Nordsyrien am Wochenende den bedeutenden Tischrin-Staudamm. Gleichzeitig unterbrachen sie eine wichtige Nachschubroute des IS für dessen irakische Hauptstadt Rakka.

Doch dies ist nur die militärische Komponente im Kampf gegen den IS. Sie allein reicht nicht. Der Prozess muss politisch flankiert werden. Für die im Januar in Genf stattfindenden Syrien-Verhandlungen gilt vor allem: Alle Kräfte jenseits der islamistischen Terroristen sollten eingebunden werden.

Der irakische Regierungschef al-Aba­di hat durch seinen Pakt mit den sunnitischen Milizen zumindest den ersten Schritt für gemeinsame Aktionen der beiden Glaubensrichtungen gemacht. Von dahin bis zu einer Politik der Machtteilung ist es ein weiter Weg. Aber nur so kann der Nahe Osten auf lange Sicht befriedet werden.