Lange Zeit kannte die Propagandamaschinerie der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nur eine Melodie: mehr Geländegewinne im Irak und in Syrien, mehr Kämpfer, mehr Anschläge, die zudem immer brutaler ausfielen. Nun scheint der Expansionszug der Islamisten gestoppt. Irakische Regierungstruppen meldeten am Montag die Rückeroberung der Großstad Ramadi in der Provinz Anbar.

„Ramadi wurde befreit, und die Anti-Terror-Einheiten der Streitkräfte haben die irakische Fahne über dem Regierungsviertel gehisst“, hieß es in einer Stellungnahme des Militärs am Montag. Das Regierungsviertel war der letzte Rückzugsort der Dschihadisten. Der Gouverneur der Provinz Anbar sagte allerdings, dass Ramadi erst zu 80 Prozent befreit sei. Die irakischen Verbände hatten am vergangenen Dienstag mit Luftunterstützung der US-geführten Koalition einen Großangriff auf das Zentrum Ramadis begonnen. Nach Angaben der „New York Times“ wurden die irakischen Soldaten durch sunnitische Kämpfer unterstützt.

Dies darf auch als politisches Verdienst des irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi gewertet werden. Die irakische Bevölkerung besteht zu zwei Dritteln aus Schiiten, die mittlerweile an den Schaltstellen der Macht sitzen. Der Regierung in Bagdad war in den vergangenen Jahren von westlichen Kritikern immer wieder vorgeworfen worden, nicht genug auf die sunnitische Minderheit zuzugehen. Diese hatte bis zum Sturz des Diktators Saddam Hussein 2003 die wichtigsten Positionen im Land eingenommen. Noch im Mai waren die irakischen Militärs aus dem rund 300.000 Einwohner zählenden Ramadi vom IS vertrieben worden. Der Verlust der Stadt, die vor allem von Sunniten bewohnt wird, markierte eine schwere Niederlage der Streitkräfte und zog eine Debatte über den Zustand der irakischen Armee nach sich. US-Verteidigungsminister Ashton Carter hatte öffentlich die Kampfmoral der Iraker gerügt.

Mit dem Rückzug aus Ramadi bekommt das im Sommer 2014 von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ausgerufene Kalifat zunehmend Lücken. Zuvor hatten die Extremisten bereits ihre ehemaligen Hochburgen in Sindschar und Tikrit räumen müssen.

Am Wochenende hatten kurdische und arabische Rebellen den strategisch wichtigen Tischrin-Staudamm in Nordsyrien gestürmt. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte rückten die Rebellen nach der Einnahme des Damms auf die IS-Hauptstadt Rakka in Ostsyrien vor. Dabei erlangten sie Kontrolle über die Verbindungsstraße zwischen Rakka und der irakischen Millionenmetropole Mossul.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einem „wichtigen Erfolg“ der irakischen Regierung. „Mehr als ein Viertel des im Irak noch vor einem Jahr gehaltenen Territoriums musste IS inzwischen wieder aufgeben“, so Steinmeier. Das Ende der Terrorherrschaft der Islamisten sei aber noch lange nicht erreicht. Unterdessen verhärten sich die Fronten im Kurdenkonflikt in der Türkei. Nachdem die türkischen Sicherheitskräfte seit Wochen in den Südostprovinzen gegen die verbotene Arbeiterpartei PKK vorgegangen waren, flammten die Spannungen auch auf politischer Ebene wieder auf. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu lud die Kurden von den bevorstehenden Gesprächen über eine Verfassungsreform aus.

Er reagierte damit auf die Forderungen nach Selbstverwaltung für die kurdische Volksgruppe. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte am Samstagabend erklärt, die Türkei werde die Gründung eines weiteren Staats innerhalb seiner Grenzen nicht dulden. Die Türkei befürchtet, dass der militärische Erfolg der Kurden im Nachbarland Syrien auch unter den türkischen Kurden den Drang nach Separatismus verstärken könnte.