Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Abzug der deutschen Soldaten aus dem afghanischen Kundus sind die schlimmsten Befürchtungen von Politik und Bundeswehrführung wahr geworden. Die strategisch wichtigste Stadt im Norden Afghanistans wird von Taliban-Kämpfern überrannt. Verschiedene Quellen berichten, dass die Taliban-Flagge im Stadtzentrum weht, Regierungsgebäude brennen und das Krankenhaus am Montag in der Hand der Rebellen war.

Auch wenn die afghanischen Sicherheitskräfte unterstützt von Amerikanern Teile der Stadt zurückerobern sollten, wird jetzt schon klar: Die Taliban unter ihrem neuen Führer Mohammed Akhtar Mansour sind in der Lage, überraschende erfolgreiche Großangriffe auszuführen und jede Aufklärung zu überrumpeln. Und die westliche Schutzmacht muss aus dem 200 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif oder aus der Hauptstadt Kabul zusehen oder braucht erschreckend lange, um auf einen derart massiven Angriff mit über tausend schwer bewaffneten Kämpfern zu reagieren.

Die militärische Mission der westlichen Allianz in Afghanistan droht zu scheitern, bevor sie richtig beendet ist. Trotz aller Ausbildung durch westliche Militär- und Polizei-Experten sind die afghanischen Soldaten offenbar nicht in der Lage, den kampferprobten Gotteskriegern dauerhaft Widerstand zu leisten.

Das archaische System ist schwer zu überwinden

Damit erlebt der Westen, was auch die Engländer und die Russen schon auf afghanischem Boden blutig erfahren mussten: Auf lange Sicht wird hier keine fremde Macht ein archaisches System aus Dorfältesten und Warlords ersetzen, wie es über Jahrhunderte gewachsen ist. Das ist doppelt tragisch.

Einmal ist es tragisch für das afghanische Volk, das wieder Hoffnung schöpfte auf eine Zukunft mit zarten demokratischen Wurzeln, Frauenrechten und Bildung auch für Mädchen. Es ist aber auch tragisch für Tausende Bundeswehrsoldaten, die sich im Rahmen der Isaf-Mission mit großem persönlichen Einsatz knapp 5000 Kilometer entfernt von Berlin engagiert haben. Viele waren mehrfach im Einsatz, unter härtesten Bedingungen.

Kundus ist nicht irgendein Ort in Afghanistan. Hier waren deutsche Soldaten erstmals nach 1945 wieder im „Krieg“, wie es der damalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in aller Deutlichkeit aussprach. In Kundus stand ein Ehrenhain mit Gedenktafeln für 20 gefallene deutsche Soldaten, die für Afghanistans Zukunft und im Kampf gegen den weltweiten Terror ihr Leben ließen. Kundus war der Schauplatz einer bewegenden Trauerfeier für die Toten der schweren Gefechte am Karfreitag 2010.

Eine schreckend magere Bilanz

Es war wohl weise strategische Voraussicht, dass die Anlage im Herbst 2013 abgebaut und an den Schwielowsee bei Potsdam verlegt wurde. Die Bilder einer geschändeten Gedenkstätte wollte die Bundeswehrführung den Angehörigen der gestorbenen Soldaten wohl ersparen.

War der gesamte Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan damit umsonst? Die endgültige Antwort auf diese Frage wird in den nächsten Wochen und Monaten gegeben werden. Wenn sich die Taliban festsetzen oder ihr Einflussgebiet sukzessive ausweiten, ist die Geschichte des Afghanistan-Einsatzes tatsächlich eine Geschichte des Scheiterns.

Realpolitisch kann man zumindest feststellen, dass die Sicherheitslage nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 mit mehr als 3000 Toten in New York und dem Angriff auf Amerikas Hauptstadt Washington ein Eingreifen zwingend nötig gemacht hat. Zumindest kurzfristig war eine Basis des internationalen Terrors mehr oder weniger unter Kontrolle und Osama bin Ladens Schergen auf einige Zeit vertrieben. Gemessen am Blutzoll und den Milliardenkosten – aufgebracht auch von den Deutschen – wäre das eine erschreckend magere Bilanz.