Ungläubig schütteln die angereisten Journalisten aus dem In- und Ausland den Kopf. Sie können kaum fassen, was da auf dem Landschaftsfriedhof Gatow an diesem Dienstagmorgen aufgeführt wird. Etwa 30 Personen, die sich als Mitglieder des „Zentrums für Politische Schönheit“ bezeichnen, haben an diesem kühlen Berliner Junitag eine Bestattung organisiert, bei der angeblich vor Lampedusa ertrunkene Flüchtlinge nun also in Berlin-Spandau ihre letzte Ruhe finden sollen. Doch ist es wirklich eine angemessene, eine würdevolle Zeremonie, die sich da vor klickenden Kameras und hochgereckten Mikrofonen abspielt? Oder doch eher ein beschämendes, pietätloses Theater, bei dem die Toten lediglich als Statisten missbraucht werden?
Die Berliner Künstlergruppe ist in der deutschen Hauptstadt schon mehrfach aufgefallen – etwa im November vergangenen Jahres, als die Kreuze für die Toten an der Berliner Mauer kurzzeitig gestohlen wurden. Auch mit der damaligen Aktion hatte das Zentrum auf die Lage der Flüchtlinge an Europas Außengrenzen aufmerksam machen wollen. Die Künstler selbst versichern zwar, sie würden mit vollem Einverständnis der Angehörigen handeln – und dass zahlreiche vor Italien ertrunkene Flüchtlinge lediglich in Plastiksäcken verpackt in Kühlhäusern lagerten. Und das sei ja auch nicht gerade pietätvoll, sagen die Aktionisten.
Diese Aktion rüttelt nicht auf
Doch heiligt der sicher gute Zweck, auf die verzweifelte Lage der Flüchtlinge aufmerksam zu machen, tatsächlich die Mittel? Rüttelt es die Menschen in Deutschland mehr auf, wenn sie in den Zeitungen, im Internet und im Fernsehen Berichte von einer Beisetzung in Gatow sehen, als die furchtbaren Bilder von den angespülten Toten am idyllischen Ferienstrand in Lampedusa es tun? Ist allein die Tatsache, dass tatsächlich sterbliche Überreste von Flüchtlingen medienwirksam nach Berlin gebracht werden, erschütternder als das tausendfache, uninszenierte Leid auf dem Mittelmeer?
Das muss man sehr bezweifeln. Der mediale Aufruhr gilt schließlich – und auch das wird an diesem Dienstag in Gatow deutlich – nicht dem Schicksal der Toten, deren Identität die Gruppe nicht preisgeben will. Im Fokus des Interesses steht doch in erster Linie die Berliner Künstlergruppe selbst. In Gatow wurde nicht nur die Grenze des guten Geschmacks überschritten, was der für ihren Hang zur Satire bekannten Gruppe durchaus gestattet sei. Hier wurde tatsächlich die Würde der Opfer verletzt. Was das mit „politischer Schönheit“ zu tun haben soll, erschließt sich nicht.

