Myfest

Wenn die "Revolution" auswandert: Kreuzberg ohne Krawall

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Der erste Tag im Mai

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Das „Myfest“ wurde als Antwort auf die Gewalt der Linksautonomen gegründet. Aber die machen dieses Jahr einen Bogen um Kreuzberg.

Berlin.  Wahrscheinlich ist es Zufall, dass jetzt ausgerechnet die Bühne der Linken hier steht. Genau an jener Ecke des Mariannenplatzes, wo am Dienstag Bagger die Behausungen zweier Obdachloser niedergerissen haben. Die sogenannten „Tiny Houses“ mussten Platz für das Kreuzberger „Myfest“ machen. Und irgendwie passt das zum Thema der diesjährigen 1. Mai-Demonstrationen in Berlin: Wohnungsmangel, Verdrängung, steigende soziale Ungleichheit und eine Politik, die sich mit Lösungen schwertut.

Auch wenn der sogenannte Revolutionäre 1. Mai in diesem Jahr anderswo stattfindet, prallt beim „Myfest“ in Kreuzberg mal wieder alles aufeinander. Zum Glück bis zum Abend nicht gewaltsam, sondern nur mit Worten – und symbolischer Räumungen.

Myfest in Kreuzberg: Weniger Party, mehr Politik

Das erste, was in diesem Jahr auffällt: Weniger Menschen sind zum Fest gekommen. Dafür ist an den politischen Ständen mehr los, es wird mehr geredet – und zumindest am Tag wesentlich weniger getrunken als sonst. Es war das erklärte Ziel des Bezirks: Weniger Party, mehr Politik, so die Idee, nachdem in den vergangenen Jahren Anwohner und auch Besucher am 1. Mai über zu viel Alkohol, Müll und Lärm bis spät in die Nacht geklagt hatten.

Auch der Platz vor der Bühne der Linken ist voller Zuhörer. Es ist Europawahl, vielleicht deshalb. Weil die Lautsprecher so laut sind, wird aber eher am Bierwagen nebenan diskutiert, neben dem wiederum ein Plakat auf Englisch die Räumung der beiden Obdachlosen-Häuschen anprangert, die ein Verein den Betroffenen geschenkt hatte. „Thank you, Grüne, Thank you Berlin“ steht ironisch auf dem Plakat.

Ursprünglich hatte da ein Dank an Die Linke gestanden, aber der Irrtum wurde schnell korrigiert – schließlich war es der grün regierte Bezirk, der die Häuschen hatte räumen lassen, aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Die Bewohner hätten Alternativen abgelehnt.

„Ist ja auch egal, welche Partei“, empört sich ein älteres Ehepaar aus Mitte am Bierwagen. Es werde viel geredet seitens der Berliner Politik, über Enteignungen etwa – aber Lösungen schaffe die Politik keine.

Internationales Party-Publikum dominiert Myfest

Weder für Obdachlose noch für die Menschen, die hier wohnen wollen. Und wieso sei dieses Plakat eigentlich auf Englisch? Ihr Verdacht: Es richte sich an das internationale Party-Publikum, das seit einigen Jahren das „Myfest” dominiert.

Auch deshalb hatten Veranstalter und Bezirk in diesem Jahr verkündet, das Fest zu verkleinern und sich dabei auf die Ursprünge zu besinnen, aus denen es einst entstand. Als Anwohnerfest und Antwort auf die Gewalt nämlich, die sich seit 1987 rituell mit dem Start der „revolutionären“ Demonstration um 18 Uhr in Kreuzberg entlud.

Die Idee damals sei dieselbe wie heute, sagt Veranstalter Halis Sönmez: „Es geht darum, Räume zu besetzen.“ Wo Menschen friedlich feiern, hätten Gewalt und Hass keinen Platz. Gedacht war das Fest einst für Anwohner, lokale Vereine und Initiativen. Dass daraus „Ballermann Kreuzberg” wurde, wie es boshaft genannt wird, war keine Absicht.

Auch wenn in diesem Jahr die Grillrauchschwaden schon von weitem zu sehen sind, wenn die Besucher ab Nachmittags im Sonnenschein nach Kreuzberg strömen – es stehen deutlich weniger Stände an den Straßenrändern. Es wird weniger Alkohol verkauft.

Traditionelle türkische und kurdische Musik

Veranstalter Halis Sönmez führt zum Start des Festes am Mittag einige Politiker der Grünen und der FDP durch den Kiez. Die wichtigsten Bühnen sind aus seiner Sicht nicht die Punk- und Rap-Bühnen, wo in den vergangenen Jahren teils auch bekannte Bands auftraten. Sondern der Ort am Feuerwehrbrunnen auf dem Mariannenplatz, wo wie in jedem Jahr traditionelle türkische und kurdische Musik gespielt wird, wo sich Menschen spontan an den Händen fassen und tanzen.

„Hand in Hand” heißt die Bühne, für die sich Bands und Gruppen im Vorfeld bewerben, die sonst auf Hochzeiten und Familienfesten auftreten. Es ist vielleicht auch der Ort, an dem sich das Kreuzberger Miteinander am besten beobachten lässt. Für manche Ohren sind die Schalmeien und orientalischen Tonfolgen vielleicht ungewohnt. Aber Tanz funktioniert ohne Worte. Einfach Anfassen und Mitmachen. „Braucht man da überhaupt noch Politik und Diskussionen?“, fragt Veranstalter Sönmez.

Sönmez läuft zufrieden durch die Straßen zwischen Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof. Das Gedränge vom Vorjahr bleibt aus. 2018 hatte der Bezirk ein weiteres, kommerzielles Fest mit prominenten Künstlern im Görlitzer Park veranstaltet, das zahlreiche Besucher anzog. „Weil damals die U-Bahn wegen einer Baustelle nicht fuhr, sind Unmengen Leute durch die Oranienstraße gelaufen“, sagt Sönmez.

In diesem Jahr ist der Görlitzer Park „partyfrei“, wie es die Ordner an den Eingängen scherzhaft sagen. Was bedeutet: keine Bühnen, keine Stände, keine Flaschen und Fahrräder; das gilt auch für Kinder, wie zwei Jungen beklagen. Alle Eingänge sind bewacht, im Park herrscht ungewohnte Ruhe.

Myfest: Statt sieben nur noch fünf Bühnen

Auf dem eigentlichen „Myfest“ sind in diesem Jahr statt sieben nur noch fünf Bühnen erlaubt. Straßenmusik, fliegende Händler und andere nicht angemeldete „Geschäftsleute“ werden freundlich nach draußen komplimentiert.

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Wo sich im vergangenen Jahr Plastik und Müll auf den Straßen türmten, landet am Nachmittag höchstens mal eine Ladung Konfetti. Es sei tatsächlich ruhiger als im vergangenen Jahr, sagen auch Bruno, Farah und Arne, die zwar nicht hier wohnen, aber jedes Jahr herkommen. Sie arbeiten in Start-ups oder studieren, sagen sie. „Den 1. Mai finden wir auch politisch einen wichtigen Tag”, sagt Bruno. Angefangen haben sie ihren Besuch dennoch mit Bier und Wein auf der Oranienstraße. Wo die politischen Reden gehalten werden, wissen sie nicht.

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Politisch ist es dieses Jahr auch am Oranienplatz. Wo sich in den vergangenen Jahren ab nachmittags die Teilnehmer der 18-Uhr-Demonstration sammelten, haben jetzt Vereine, NGOs und Initiativen Stände aufgebaut. „Drei waren es im letzten Jahr, 18 Stände in diesem Jahr, das ist ein Erfolg in die richtige Richtung“, sagt Sönmez. Vor dem Hotel „Orania“, das in der Vergangenheit immer wieder mit Steinen und Schmierereien angegriffen wurde, haben Anwohner Essensstände aufgebaut.

„Man weiß ja nie, wer sich nach SO36 verläuft“

Was gleich geblieben ist, ist die Zahl der Polizisten. Rund 1700 sichern den Bereich rund um das „Myfest“ und den Görlitzer Park. Innensenator Andreas Geisel (SPD) machte sich am späten Nachmittag vor Ort ein Bild der Lage, schlenderte mit roter Nelke am Anzugrevers über das „Myfest“. Auch wenn die kritische Demonstration durch Friedrichshain zieht, wolle man, so sagt es die Polizei, in Kreuzberg auf alles vorbereitet sein. Sönmez sagt: Die „revolutionäre“ Demonstration bestehe aus 21 Gruppen, „man weiß ja nie, ob sich nicht doch welche nach SO36 verlaufen“. Platz genug sei jedenfalls auf der traditionellen Strecke. „Durch das neue Konzept stehen diesmal viel weniger Stände an der Oranienstraße.“

Am frühen Abend bietet sich dann ein für den 1. Mai ungewohntes Bild: Am Kottbusser Tor verlassen mehr Menschen das Fest als hineinwollen. Am Oranienplatz sitzen junge Menschen auf der Mittelinsel beim Bier: Sie tragen schwarze Sonnenbrillen, keine schwarzen Kapuzenpullis.