Neonazi-Überfall

SPD-Abgeordneter – „Ich stehe noch immer unter Schock“

Rund 40 Rechte haben am 1. Mai die DGB-Kundgebung im thüringischen Weimar gestürmt. Vier Menschen wurden verletzt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Schneider schildert den Angriff.

Foto: Thorsten Büker / dpa

Bei einem Überfall Rechtsextremer auf die DGB-Maikundgebung in Weimar sind am Freitag laut Polizei vier Menschen verletzt worden. Einer musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Angreifer bedrängten auch den SPD-Bundestagsabgeordneten Carsten Schneider, der gerade eine Rede halten wollte. Ein Sprecher der Stadtverwaltung sagte, die Rechten hätten dem Politiker das Mikrofon entrissen und rechtsradikale Parolen gerufen. Die Polizei sprach von 29 Festnahmen. Zuvor hatte die Polizei von 15 Verletzten gesprochen.

Nach Polizeiangaben hatten etwa 50 Neonazis am Vormittag die von schätzungsweise 200 Menschen besuchte Veranstaltung auf dem Markt gestürmt. Die Angreifer gaben sich nach Angaben von Augenzeugen auf einem Plakat als „Junge Nationaldemokraten“ – die Jugendorganisation der rechtsextremen NPD“ – aus.

Der Berliner Morgenpost sagte Schneider: „Ich steht noch immer unter Schock. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, erklärt der gebürtige Erfurter, der seinen Wahlkreis in Weimar hat und gerade eine Rede halten wollte. Es sei eine friedliche Maikundgebung mit „Rentnern, Arbeitern und Familien“ gewesen, als eine Gruppe von 40 bis 50 Mann rechte Parolen skandierend vom Frauenplan in Weimar Richtung Marktplatz gekommen sei.

„Ich wollte gerade zum Mikro, als sie auf uns im Block zumarschierten. Ich bin ihnen dann entgegen und habe gesagt sie sollen verschwinden. Als sie dann das Mikro von mir greifen wollten, wehrte ich mich und wurde von 3 Neonazis abgedrängt“, beschreibt Schneider. Dann seien ihm Parteikollegen, unter anderen Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf zu Hilfe geeilt. „Mit einem Holzschild haben sie einen von uns in den Bauch gestoßen, einen 60-jährigen Kollegen von mir in den Schwitzkasten genommen.“ Erst als der Strom abgestellt worden war, die Neonazis ihre Parolen nicht mehr skandieren konnten, seien sie abgezogen.

„Die haben sich Weimar gezielt ausgesucht“

Weil sie in einem nahen Parkhaus parkten, war es für die Polizei kein Problem, die Täter zu stellen. „Sie machten einfach das Parkhaus dicht“, erklärt Schneider. Bis zu diesem Zeitpunkt sei keine Polizei bei der Veranstaltung vor Ort gewesen. „Die haben sich Weimar gezielt ausgesucht, weil die Polizei bei den Großveranstaltungen in Erfurt und Saalfeld im Einsatz ist“, vermutet Schneider. Außerdem meint er, dass es keine Ansässigen gewesen sein, sondern von weiter angereist waren.

„Ich bin fassungslos. Da waren Familien dabei. Kinder stehen unter Schock. Ich selbst war so voll Adrenalin, dass ich erst jetzt spüre, dass mein Rücken und mein Kopf etwas schmerzt.“

Die Gewerkschaften äußerten sich entsetzt. Der stellvertretende DGB-Landeschef Sandro Witt verlangte eine Erklärung von Thüringens Innenminister Holger Poppenhäger (SPD). Der Überfall sei trotz Bekanntsein des Gefährdungspotenzials passiert, sagte Witt. Dies werfe Fragen auf. Die Thüringer Polizei war am Freitag wegen zweier Neonazi-Aufmärsche in Erfurt und Saalfeld im Großeinsatz. Bei der DGB-Kundgebung in Weimar war nach Angaben einer Polizeisprecherin ein Streifenwagen vor Ort. Der DGB hatte am 1. Mai in Thüringen zu rund 20 Veranstaltungen aufgerufen.

>> Der 1. Mai im Liveticker der Berliner Morgenpost <<