Walpurgisnacht

So war die Nacht am Boxhagener Platz

In der Nacht vor dem 1. Mai kommt es seit Jahren rund um den Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain zu Ausschreitungen gegen Polizisten. Doch außer kleinen Rangeleien blieb es dieses Mal weitgehend ruhig.

Der Kiez um den Boxhagener Platz im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat viel Erfahrung mit dem, was Medien häufig als Straßenschlachten bezeichnen. Hier nimmt die Mainzer Straße ihren Anfang, deren Räumung im November 1990 noch heute von vielen Altbesetzern als „Berliner Bürgerkrieg“ beschrieben wird. Und auch die Rigaer- und die Liebigstraße sind nicht weit entfernt. Vor allem aber kommt es alljährlich am Vorabend des 1. Mai zu Ausschreitungen rund um den Boxhagener Platz.

Erstmals geriet 2002 ein Maifeuer auf der schlecht beleuteten, etwa sportplatzgroßen Rasenfläche des Platzes außer Kontrolle. Als Polizei und Feuerwehr damals eingriffen begann eine Auseinandersetzung, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte und und damals heftiger war als der 1. Mai in Kreuzberg. Seitdem wird der Platz jedes Jahr aufwendig von den Sicherheitskräften abgeriegelt, was von Mal zu Mal mehr einer skurrilen Choreographie gleicht.

Nachdem am Vormittag gelbe und rote Abschleppwagen die Halteverbotszonen geräumt haben, wirken die Straßen seltsam verwaist. Dort, wo man sonst Ewigkeiten nach einer Parklücke sucht, sind die Kopfsteinpflasterstraßen jetzt wieder so autoleer und breit wie vor 100 Jahren. Während am Nachmittag auf dem Wismarplatz die erste Band beginnt, fordern Bereitschaftspolizisten bereits in Schutzkleidung Familien und Touristen auf, die Rasenfläche zu verlassen. Gewerbetreibende füllen wegen des Flaschenverbots das Bier im Verkaufsraum in durchsichtige Plastikbecher um. Die untergehende Frühlingssonne und die auf der Fahrbahn sitzenden Gruppen Jugendlicher verbreiten eher Festival- als Krawallatmosphäre.

Stressfaktoren Dunkelheit und Alkohol

Doch als es dunkel wird, spannt sich die Stimmung. Noch immer dröhnt Musik von der improvisierten Bühne, der Ladefläche eines Miet-Lkws. Mit zunehmendem Alkoholkonsum wird auch die Stimmung aggressiver. „Die Bullen sollen sich verpissen. Wir wollen hier alleine sitzen und nicht im Knast,“ ruft leicht lallend ein Jugendlicher mit Irokesenhaarschnitt zwischen zwei Musikstücken vom Bühnenrand. Von den Umstehenden erntet er zustimmendes Gegröle. Auf der anderen Seite sind jetzt auch die Ordnungshüter angespannt und haben Schlagstöcke, Schutzhelme und Pfeffersprayflaschen an den Gürteln baumeln.

Der Ärger geht los, als Musik und Bier aus sind. Nachdem die Musik verstummt ist, zündet eine Gruppe von etwa 200 Menschen auf der Straße kleine Feuer aus Abfall und Papier an. Keines brennt länger als fünf Minuten, denn die Polizei löscht sofort. Immer wieder fliegen Flaschen und Böller auf die Beamten. Jede Ingewahrsamnahme wird mit Pfiffen und lauten Entrüstungsschreien begleitet. Sprechchöre schelten die Polizisten.

Nur wenige Meter hinter den Absperrungen geht die Party weiter. Eine Blaskapelle spielt mitten auf der Straße flotte Tanzmusik und bald schon sind viel mehr Menschen bei den Tanzenden als bei den Krawallmachern. An den anderen Versammlungsorten der Stadt – im Mauer- und Viktoriapark sowie an der Kulturbrauerei – überwiegt schon den ganzen Abend die Feierlaune.

Als auch diese Band kurz vor Mitternacht mit der Musik aufhört, wiederholt sich das Katz- und Maus Spiel mit den Polizeihundertschaften. Schließlich formiert sich noch eine Sitzblockade auf der Kreuzung Mainzer/Boxhagener Straße, bei deren Auflösung einige Blockierer leicht verletzt werden. Als gegen 2.30 Uhr schließlich die Autos der Berliner Stadtreinigung durch die Straßen fahren, erinnert das Bild ein bisschen an den Kehraus nach dem Straßenkarneval im Rheinland. Nur, das hier keine Kamelle flogen.

In einer ersten Bilanz am Samstag zeigte sich die Polizei „sehr, sehr zufrieden“ mit dem Start des 1.-Mai-Wochenendes. Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagte am späten Abend: „Es scheint sich so zu entwickeln, wie wir es gehofft haben.“

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