Aufmarsch zum 1. Mai

Rechte Szene streitet über gescheiterten Aufmarsch

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Hans H. Nibbrig

Nur wenige Neonazis folgten am Sonnabend den Aufrufen zur Teilnahme an der Mai-Demo in Prenzlauer Berg. Die rechte Szene streitet nun darüber, wie dies passieren konnte. Die Polizei ist erleichtert über das Fernbleiben vieler Rechtsextremer - zumal von den wenigen, die nach Berlin kamen, massive Angriffe auf Polizeibeamte ausgingen.

„Totalausfall“, „Völlige Pleite“, „Schwerer Rückschlag im Kampf um die Reichshauptstadt“, „Kapitulation vor dem roten Mob“ – zahlreiche Urteile dieser Art dominierten am Sonntag in rechtsradikalen Internetforen die Berichte und Diskussionsbeiträge zum Aufmarsch der Neonazis am 1. Mai in Prenzlauer Berg. Die Szene ist wütend und frustriert über den völlig misslungenen Auftritt, der vor allem durch ständige Blockaden von Tausenden Gegendemonstranten ein frühes Ende fand, und debattiert aufgeregt über die Ursachen.

Als Hauptgrund machen die Autoren der Beiträge die geringe Zahl derer aus, die den Aufrufen zur nationalen Demo in Berlin folgten. Mit 1500 Rechten aus dem gesamten Bundesgebiet hatte der Verfassungsschutz gerechnet, die Polizei ging von 2000 Personen aus und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte gar von bis zu 3000 Rechtsradikalen gesprochen. Gekommen waren letztendlich nicht einmal 1000. 600 bis 700 waren es in Prenzlauer Berg, knapp 300 versuchten zur gleichen Zeit ohne Erfolg, auf dem Kurfürstendamm eine Spontankundgebung durchzuführen.

Fortgeblieben sind nach ersten Erkenntnissen der Behörden vor allem Angehörige der „Autonomen Nationalisten“ (AN), einer bundesweit agierenden, äußerst gewaltbereiten Truppe, die ihre Hochburgen vor allem im Ruhrgebiet hat. Die Gründe, die Experten dafür nennen, sind lapidar. „Durch die Berichte der Medien über ein sehr starkes Polizeiaufgebot am 1. Mai, die große Zahl erwarteter Gegendemonstranten und die vielen Aufrufe zum Blockieren der rechten Demonstrationsroute, sind viele Mitglieder der AN offenbar zu dem Schluss gelangt, dass Berlin an diesem Tag kein sonderlich lohnenswertes Ziel sein wird“, mutmaßt ein Verfassungsschützer aus Nordrhein-Westfalen, der die AN gut kennt.

Nur wenige „Autonome Nationalisten“ waren nach bisherigen Kenntnissen der Sicherheitsbehörden unter den knapp 300 Rechten, die am 1. Mai plötzlich auf dem Kurfürstendamm auftauchten. Ihrem Ruf wurden sie dabei trotz ihrer geringen Zahl durchaus gerecht. „Es gab massive Angriffe auf Polizeibeamte“, berichtete Polizeisprecher Frank Millert. „Man konnte danach ungefähr erahnen, wozu die fähig sind, wenn sie in größerer Zahl auftreten“, sagte ein an dem Einsatz beteiligter Beamter.

In ihren Foren schieben sich die verschiedenen Gruppen des rechten Lagers nun gegenseitig die Schuld an dem schwachen Auftritt zu. Ein Berliner Neonazi beklagt die mangelnde Unterstützung aus anderen Bundesländern und nennt das „Feigheit vor dem Feind“, der vor allem in der Hauptstadt in Gestalt des Senats und der Bundesregierung überall präsent sei. Der Sprecher einer rechtsradikalen Gruppe aus Braunschweig hält dagegen, seine Truppe habe am 1. Mai entschlossen die Reise in die Hauptstadt angetreten, die Berliner Kameraden hingegen seien offenbar überwiegend zu Hause geblieben. Sein Fazit: „So wird das nichts mit der nationalen Sache.“